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Starke Reaktion hinter schwacher Barriere

(17.02.2020) Die Dermatologin Margitta Worm von der Charité erklärt uns im Interview, wie sich Neurodermitis heute behandeln lässt.
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In unserer Publikationsanalyse zur Hautforschung dominierten Zitierungen rund um den Hautkrebs. Margitta Worm hingegen landete unter den meistzitierten Köpfen vor allem mit ihren Beiträgen zu Allergien und zum atopischen Ekzem – besser bekannt als Neurodermitis. Worm leitet die Allergologie und Immunologie der Hautklinik an der Berliner Charité.

Laborjournal: Jeder hatte ja schon mal eine juckende Hautstelle. Ist das alles Neurodermitis? Und wie verbreitet ist Neurodermitis in der Bevölkerung?
Margitta Worm: Das ist ein wichtiger Punkt: Nicht jede Haut, die im Leben mal gejuckt hat oder gerötet war, ist Neurodermitis. Trotzdem handelt es sich um eine häufige chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Bei Kindern sind wahrscheinlich zehn bis zwanzig Prozent betroffen. Im Erwachsenenalter liegt die Häufigkeit etwa bei ein bis zwei Prozent.

Wenn die Häufigkeit bei Kindern höher ist als bei Erwachsenen, bedeutet das ja: Neurodermitis kann auch wieder verschwinden.
Worm: Genau. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar relativ hoch. Also wer jetzt Vater oder Mutter eines zweijährigen Kindes mit Neurodermitis ist, kann mit 60- bis 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Erkrankung bis zum Eintritt ins Schulalter wieder verschwunden ist.

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Was genau ist denn Neurodermitis? Gibt es dabei Ähnlichkeiten zu den klassischen Allergien wie Heuschnupfen?
Worm: Die Neurodermitis ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Dabei kommt es auf der einen Seite zu einer Störung der Hautbarriere. Die Haut steht ja mit allen möglichen Stoffen in Kontakt, auch mit Mikroben oder Allergenen. Die können dann leichter in die Haut eindringen. Das zweite ist eine fehlgesteuerte Immunantwort. Und ja, da gibt es Überschneidungen zum Heuschnupfen oder zum Asthma. Denn zumindest bei den IgE- oder Typ-1-Allergien sehen wir eben auch eine fehlgesteuerte Immunantwort.

Also ist auch für die Neurodermitis ein Allergen notwendig?
Worm: Allergene spielen eine Rolle. Das können Aero­allergene, Hausstaubmilben oder Pollen sein. Bei Kindern sind es auch immer wieder mal Nahrungsmittel. Aber wie gesagt, es ist nicht eine reine Allergen-abhängige Erkrankung. Die Entzündungsreaktion in der Haut kann auch durch Irritantien wie zum Beispiel häufiges Händewaschen oder längeres Tragen von Handschuhen ausgelöst werden. Oder eben auch durch Mikroben, die durch die Hautbarriere gelangen.

Vom November letzten Jahres gibt es eine Studie mit Olivenöl, an der Sie mitgewirkt haben (Mol Nutr Food Res, 63(21):1900019). Demnach können Stoffe des Öls auch Entzündungsantworten mildern. Hautpflege mit Öl – das klingt ja relativ banal. Kann solch eine Maßnahme helfen, die Neurodermitis wieder loszuwerden oder zu mildern?
Worm: Die Pflege der Haut ist die wichtigste Basistherapie. Natürlich gibt es Versuche, durch Zusätze auch anti­entzündliche Effekte zu erzielen. Der Markt ist sehr groß, und bestimmt gibt es Produkte, die auch eine gewisse anti­entzündliche Wirkung zeigen. Aber diese Produkte sind nicht ausreichend, um wirklich eine starke Entzündung der Haut zu behandeln. Aus dermatologisch-allergologischer Sicht empfehlen wir daher zunächst eine kurze anti­entzündliche Behandlung mit einem etablierten Wirkstoff, und die regelmäßige Pflege der Haut.

Und was war für Sie der Anlass, sich für die Hautpflege ausgerechnet Olivenöl näher anzuschauen?
Worm: Öle und die Fettsäurenkomposition in den Ölen zur Behandlung von Neurodermitis sind ja schon lange Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Und wir haben früher schon Arbeiten durchgeführt mit Omega-3-Fettsäuren – die kennt man aus Lachsöl oder Lebertran. Wir wissen, dass diese Öle anti­entzündlich wirksam sein können, und natürlich wollen wir auch die Wirkungsweise besser verstehen.

Nun sagten Sie, dass Pflegemaßnahmen mit Cremes und Ölen allein meist nicht helfen. Womit kann man die Entzündungsreaktion denn in relevanter Weise herunterbremsen?
Worm: Für die kurzfristige Behandlung der Haut ist tatsächlich noch immer Cortison zu empfehlen. Bei kurzen Anwendungen braucht man auch keine Langzeitnebeneffekte zu befürchten. Dann gibt es noch topische Calcineurin-Inhibitoren. Die wirken etwas spezifischer als Cortison, und man kann sie ebenfalls zur anti­entzündlichen Behandlung einsetzen.

Was genau machen Calcineurin-Inhibitoren?
Worm: Sie hemmen die Aktivierung von T-Zellen und greifen damit in die Entzündungskaskaden ein, die bei der Neurodermitis eine zentrale Rolle spielen. Damit wirken sie selektiver als das Cortison, denn Cortison hat ja auch Effekte auf andere Zellen. Topische Calcineurin-Inhibitoren kann man gerade an Cortison-sensitiven Hautstellen gut einsetzen, wie unter den Armen oder in der Leistengegend. Grundsätzlich können wir mit diesen lokal anti­entzündlich wirksamen Substanzen achtzig bis neunzig Prozent der Patienten ganz gut einstellen.

Sie haben im Analysezeitraum unseres Rankings auch an einer klinischen Phase-3-Studie mitgewirkt. Da ging es um Dupilumab zur Behandlung von Neurodermitis (N Engl J Med, 375(24):2335-48).
Worm: Ja. Dupilumab ist für moderat bis schwer betroffene Patienten, die nicht ausreichend auf diese anti­entzündliche Therapie ansprechen, zugelassen. Es ist ein Antikörper, der alle zwei Wochen unter die Haut gespritzt wird – und im Gegensatz zu Cremes mit Cortison oder topischen Calcineurin-Inhibitoren somit systemisch wirkt. Die sehr gute Datenlage zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Dupilumab hat dann auch zur Zulassung geführt. Wir haben seit Phase 2 an den klinischen Studien teilgenommen und seit der Zulassung hier viele Patienten behandelt. Ich kann sagen: Dupilumab hat sich auch unter sogenannten Real-Life-Bedingungen bewährt.

Der Antikörper Dupilumab erkennt einen bestimmten Interleukin-Rezeptor und bremst so Immunreaktionen ab.
Worm: Genau. Dupilumab richtet sich gegen die Alpha-Kette des Interleukin-4-Rezeptors. Diese Alpha-Kette ist auch Teil des Interleukin-13-Rezeptors. Dadurch hat dieser Antikörper eine duale Wirksamkeit und hemmt zwei Rezeptoren, die für die sogenannte T-Helfer-2-Antwort des Immunsystems verantwortlich sind.

Besteht auch bei Erwachsenen noch die Möglichkeit, Neurodermitis durch eine geeignete Therapie wegzubekommen? Oder muss man immer wieder mit anti­entzündlichen Wirkstoffen eingreifen?
Worm: Das ist eine Frage, die wir im Moment noch nicht beantworten können. Grundsätzlich ist Neurodermitis eine chronische Krankheit und muss langfristig behandelt werden. Gerade schwer betroffene Patienten muss man darüber aufklären, dass eine Therapie bis auf weiteres aufrechterhalten werden muss. Andererseits ist Neurodermitis in vielen Fällen durch ein Kommen und Gehen der Ekzeme gekennzeichnet. Also müssen wir die auslösenden Prozesse in künftigen Studien noch genauer erforschen.

Gibt es denn „die“ Neurodermitis? Oder können ganz unterschiedliche Ursachen hinter dieser Störung der Hautbarriere und der fehlgesteuerten Immunantwort stecken?
Worm: Man weiß, dass die genetische Veranlagung eine Rolle spielt, aber auch Umweltfaktoren wie der Lebensstil der Betroffenen. Nun ist das wohl bei fast jeder Krankheit eine Kombination aus beiden Anteilen. Wahrscheinlich kann uns die Genetik sagen, ob ein Mensch – falls er hautkrank wird – zum Beispiel eher Schuppenflechte oder eher Neurodermitis bekommt. Ich persönlich vermute aber, dass die wesentlichen Faktoren, ob eine Hautkrankheit dann ausbricht oder nicht, eher bei den Umweltfaktoren zu suchen sind.

Sie sagen, es braucht noch mehr Forschung. Also werden auch weitere neue Wirkstoffe gegen Neurodermitis auf den Markt kommen?
Worm: Derzeit befinden sich weitere Antikörper und auch andere Wirkstoffe in klinischen Prüfungen. Jetzt haben die Zwanzigerjahre begonnen. Wahrscheinlich bricht damit auch eine Ära neuer therapeutischer Möglichkeiten gegen Neurodermitis an. Ich denke, in den nächsten zehn Jahren erwarten uns hier viele weitere und hoffentlich vielversprechende Entwicklungen.

Die Fragen stellte Mario Rembold

Fotos: Charité




Letzte Änderungen: 17.02.2020

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