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Im Raubtiergehege der Wissenschaft

(13.01.2020) Die aktuelle Diskussion dreht sich um Betrug und Verantwortungslosigkeit. Entsprechend sind „Predatory Journals“ ein Dorn im Auge … ja, von wem eigentlich?
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Beim „Predatory Publishing“, einem Geschäftsmodell bestimmter Open-Access-Verlage, werden Artikel ohne ausreichende Qualitätskontrollen veröffentlicht. Das gefährdet die Wirkung und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Laut Schätzungen existieren weltweit 10.000 räuberische Zeitschriften. Tendenz steigend. Um Forschern zu helfen, räuberische Zeitschriften zu meiden, einigten sich im Dezember 2019 knapp 50 Vertreter von Verlagsgesellschaften, Forschungsförderern, Wissenschaftseinrichtungen, politischen Entscheidungsträgern und Bibliotheken aus 10 Ländern auf folgende Definition (Nature, 576:210-2): “Predatory journals and publishers are entities that prioritize self-interest at the expense of scholarship and are characterized by false or misleading information, deviation from best editorial and publication practices, a lack of transparency, and/or the use of aggressive and indiscriminate solicitation practices.”

Laut der Autoren müssen für eine räuberische Zeitschrift der erste Teil der Definition zum Thema Prioritäten und mindestens eines der weiteren Elemente erfüllt sein. Wenn z. B. infolge begrenzter finanzieller Möglichkeiten nur eines der weiteren Elemente, nicht aber das erste zutrifft, gilt das Journal nicht als „predatory“. Ist mit dieser Definition eine saubere Abtrennung von seriösen Journalen in den Biowissenschaften gelungen?

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Profit oder Wissen?

„Predatory journals prioritize self-interest at the expense of scholarship.“ Das Eigeninteresse aller Wissenschaftsverlage ist es, Wissen zu vervielfältigen. Open-Access-Raubverlage verlangen dafür von Autoren eine „Article Processing Charge“ von durchschnittlich 160 Euro (BMC Med, 13:230). Seriöse Zeitschriften lassen sich Prozessierung und Veröffentlichung mit durchschnittlich 2.300 Euro (Elsevier), 1.800 Euro (Springer) und 2.600 Euro (Wiley-Blackwell) pro Open-Access-Artikel vergüten. Non-profit-Verlage leisten dasselbe für ein Drittel bis ein Zehntel dieser Preise (PNAS, 111(26):9425-30). Entsprechend erzielte allein Elsevier 2016 bei einem Gesamtumsatz von 3 Milliarden Euro ein Eigeninteresse in Form eines Gewinns von 1,2 Milliarden Euro. Der weltweite Gesamtumsatz aller räuberischen Zeitschriften liegt dagegen nur bei 65 Millionen Euro.

„Predatory journals are characterized by false or misleading information and a lack of transparency.“ Seriöse Verlage präsentieren keine falschen Impact-Faktoren oder falsche Angaben über ihre Redaktionsleitung, Gebühren oder die Strenge ihres Peer-Review-Prozesses. Doch wie dehnbar ist der Begriff Transparenz? So veröffentlichte z. B. Elsevier scheinwissenschaftliche Fachzeitschriften, die ausgewählte Pharmaprodukte in der seriösen Hülle eines Peer-Review-Journals anpriesen, ohne ein Sponsorship durch Pharma-Unternehmen offenzulegen. Auch versuchte die RELX Group, Elseviers Medienkonzern, mit Lobbying-Ausgaben von jährlich 1,8 Millionen Euro, die Verankerung von Open-Access im EU-Rahmenprogramm Horizon 2020 zu behindern. Noch immer sind nur 35 % aller Peer-Review-Journale Open Access.

Alles geheim

Ein Sprecher von Elsevier fasste 2018 zusammen: „If you think information shouldn’t cost anything, go to Wikipedia.“ Seriöse Wissenschaftsverlage machen Information tatsächlich transparent, zumindest wenn Autoren bzw. Universitätsbibliotheken die Früchte ihrer eigenen Arbeit zurückkaufen. Über die Details der Bibliothekspreise ist wenig bekannt, da Verlage auf Geheimhaltungsklauseln bestehen. Laut der Max-Planck-Gesellschaft wenden Bibliotheken für Subskriptionen weltweit pro Jahr 7,6 Milliarden Euro auf. Da sich Elsevier weigert, ein transparentes Geschäftsmodel anzunehmen, kündigten bis Ende 2018 beinahe alle akademischen Einrichtungen in Deutschland dem Verlag (www.projekt-deal.de).

„Predatory journals are characterized by a deviation from best editorial and publication practices.“ Das Peer-Review seriöser Verlage soll wissenschaftlichen Unfug verhindern. Wie schwierig das ist, zeigt der Blog retractionwatch.com. So musste z. B. Springer 2015 aus zehn seiner Zeitschriften über 60 Artikel infolge gefälschter Gutachten zurückziehen. Ein Jahr zuvor hatten bereits 16 Veröffentlichungen voller Computer-generierten Unsinns erfolgreich Springers Peer-Review-Prozess durchlaufen. Elsevier veröffentlichte 16 Jahre lang die Peer-Review-Fachzeitschrift „Homeopathy“, da sie die Debatte um das Thema unterstützen wollten. Die Autoren der oben genannten Definition fassen zusammen: “Negligent peer review is often a prominent feature of predatory journals.”

Offensichtlich lassen sich viele der verwendeten Kriterien nicht quantifizieren oder treffen für seriöse und räuberische Zeitschriften zu. Das gilt selbst für den ersten Teil der Definition, das profitable Eigeninteresse auf Kosten von Wissenschaft und der Verbreitung von Wissen. Am schwierigsten ist die Abtrennung von Neueinsteigern und unzureichend finanzierten Journalen. Aufgrund der ausgeprägten Grauzone zwischen Betrug und Legitimität erscheint eine binäre Teilung dieses komplexen Goldrausches unmöglich.

Fehler im System

Denn räuberische Verlage decken nur eine Nachfrage. Sie wuchern, weil wir Publikationen an sich belohnen. Weil Nachwuchswissenschaftler und solche aus Schwellen- und Entwicklungsländern in ihnen publizieren. Wissenschaftliches Fehlverhalten ist das nicht, eher Ausdruck von Publikationsdruck und Alternativlosigkeit. Solange die reine Publikationsleistung der Knotenpunkt unseres Anreiz- und Karrieresystems bleibt, besteht diese Nachfrage. Und seriöse Verlage fahren Gewinnumsätze von bis zu 40 % ein. Raubverlage nutzen den Systemfehler aus. Sie können durch positive oder negative Qualitätsindikatoren für Zeitschriften nicht eingedämmt werden, ohne die monetären Anreize aller Verlage zu hinterfragen.

Die Publikationsproblematik möchte die vom Europäischen Forschungsrat mitgetragene „Coalition S“ klären. Ab 2021 verlangt die Initiative, dass staatlich geförderte Forscher in Golden-Open-Access-Zeitschriften publizieren. Autoren bleiben dabei uneingeschränkte Urheberrechtsinhaber. Publikationsgebühren werden in der Höhe gedeckelt und von Verlagen offengelegt. Überrascht der heftige Widerstand großer Verlage?

In der Physik funktioniert‘s

Dass solche Modelle funktionieren können, zeigt die Publikationskultur anderer Fachgebiete. In Physik, Informatik und Mathematik ist es seit Jahrzehnten selbstverständlich, Manuskripte bei einer Fachzeitschrift und auf einem kostenlosen Preprint-Server wie arxiv.org zur Verfügung zu stellen. Für die Biowissenschaften existiert solch ein Green-Open-Access seit 2013 in Form von biorxiv.org. Im Vergleich zu arXivs 1,5 Millionen Volltexten sind dortige Zahlen aber bescheiden. Denn viele biowissenschaftliche Zeitschriften erlauben keine Preprints.

Aktuell ist deshalb die ethische Entscheidung vielleicht, von Verlagen „entführte“ Fachartikel kostenlos bei SciHub und Library Genesis zu lesen. Weder diese Artikelpiraten noch ein Golden-Open-Access verhindern aber Artikelgebühren. Nur ein Platin-Open-Access, also die für Autoren und Leserschaft komplett kostenlose Verbreitung von Wissen, würde den Interessenkonflikt der Verlage komplett beseitigen. Und dann würden Raubjournale die Biowissenschaften auch nicht länger belästigen.

Henrik Müller

Foto: Pixabay/designerpoint




Letzte Änderungen: 13.01.2020

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