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Ein Fall von Editoren-Willkür?

(10.01.2020) Aus unserer Reihe „Anekdoten aus dem Forscherleben“: Vor Gericht und auf hoher See bist du in Gottes Hand, lautet eine gängige Redewendung. Und bei so manchen Journal-Editoren.
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Forscherin Klug hatte mit ihren Leuten eine Studie abgeschlossen, deren Ergebnisse sie für durchaus „bahnbrechend“ hielt. Nicht nur, dass sie die Einsichten in gewisse zelluläre Steuermechanismen vertieften – nein, auch ein gewisses klinisches Potenzial drängte sich förmlich auf.

Mit solch klaren Ergebnissen schrieb sich das Manuskript auf angenehme Weise fast von selbst. Und kein Wunder, hielt Forscherin Klug es am Ende ebenfalls für überaus gelungen – was ja keineswegs automatisch der Fall ist, nur weil man gute Daten hat.

Umso heftiger traf sie einige Wochen später die Enttäuschung: Der Editor des Edelblattes, welches sie für die Veröffentlichung ausgewählt hatte, schickte das Manuskript schnöde wieder zurück. Abgelehnt, ohne überhaupt zum Review geschickt worden zu sein!

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Abgelehnt! Aber warum?

Es war offenbar, dass der Editor das Manuskript nur kurz überflogen hatte – und dann umgehend entschieden, dass es nicht mal einen Peer Review wert war. Doch warum? Forscherin Klug fand partout keine Antwort darauf. Waren die Daten doch nicht so gut, wie sie gedacht hatte? Enthielten die Schlussfolgerungen logische Fehler? Hatte sie mit der Bedeutung der Resultate für das gesamte Feld übertrieben? Oder war es vielleicht „nur“ schlecht geschrieben?

Es musste ja wohl etwas Offensichtliches sein, dass der Editor es umgehend wieder zurückschickte. Aber diesen „offensichtlichen“ Grund hätte der Editor doch wenigstens mitteilen können. Das wäre doch ein wichtiges und konstruktives Feedback gewesen.

Immer wieder drehten diese und ähnliche Gedanken ihre Kreise im Kopf der Forscherin – bis sie den Entschluss fasste, den Editor in dieser Angelegenheit nochmals anzuschreiben. Höflich erklärte sie in dem Schreiben noch einmal kurz und klar, warum sie ihre Ergebnisse für so wichtig hielt – und warum das Paper daher ihrer Meinung nach genau in dieses Journal gepasst hätte. Nur um schließlich darum zu bitten, ihr kurz mitzuteilen, was genau ihn dazu bewogen hatte, das Manuskript nicht einmal begutachten zu lassen. Schließlich könne ihr eine entsprechende „handfeste“ Rückmeldung enorm helfen, das Manuskript zu verbessern – wenn auch wohl in diesem Fall, um es bei einem anderen Journal einzureichen.

Glauben verloren

Die Antwort kam eine Woche später – und ließ unsere Forscherin endgültig den Glauben an das Peer-Review-System verlieren:

„We cannot give you any feedback as the paper had not been sent out for review.“

 

Ralf Neumann

Zeichnung: Rafael Florés

 

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden.)

 






Letzte Änderungen: 09.01.2020

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