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Plagiieren auf chinesisch

(11.10.2019) HIGHLIGHTS AUS 25 JAHREN LABOR­JOURNAL: Im Jahr 2008 entdeckt ein deutscher Bio­chemiker die Abbildungen seines Tagungsvortrags in einem chine­si­schen Artikel.
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Fred Schaper, Biochemiker an der TU Aachen, hält einen Vortrag beim Keystone Meeting in den USA. Monate später entdeckt er die Abbildungen aus seinem Vortrag in einem Artikel. Als Autor zeichnet einer der Konferenzteilnehmer.

Am 6. August 2008 erhielt der Biochemiker Fred Schaper, außerplanmäßiger Professor an der Technischen Universität Aachen, via PubCrawler einige neue Artikel zu seinem Fachgebiet. Zwei Tage später sah er sie durch. Die Vorschau eines akzeptierten Papers in der Zeitschrift Cellular Signalling fiel ihm auf. Es ging um Interleukin 6-induzierte Genexpression.

Geklaut und gefälscht

„Das sind doch meine Abbildungen“, dachte Schaper verblüfft. „Genau die Dias, die ich beim Keystone Meeting im Januar 2007 gezeigt habe. Wer hat das denn geschrieben?“

Als Autoren zeichneten Jinbo Yang, Qin Wang, Yuping Du, Ximming Chen und Lizhe An mit Adresse an der Lanzhou University. Jinbo Yang, der korrespondierende Autor, arbeitete bis letztes Jahr als Postdoc im Labor von George Stark, Lerner Institut, Cleveland, USA, und war inzwischen in seine Heimat China zurückgekehrt. Schaper kannte ihn nicht.

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Die nächsten Tage beschäftigte Schaper nur noch der Vergleich seiner Keystone-Dias mit den Abbildungen im Cellular Signalling-Paper der chinesischen Arbeitsgruppe. Die Ergebnisse legte er seinen Doktoranden und Kollegen vor – und erntete Fassungslosigkeit:

Alle sieben Abbildungen des Yang et al.-Papers, mit Ausnahme der Nummern 2c, 3b, 4b und c sowie 5, stammten aus Schapers Keystone-Vortrag. In der Regel handelte es sich um Western Blots samt deren Auswertungen, doch sogar die zusammenfassende Schema-Zeichnung hatten die Chinesen weitgehend unverändert übernommen.

Yang et al. hatten Schapers Abbildungen zwar beschnitten und anders ausgeleuchtet, doch erkannte man die Plagiate zweifelsfrei an den identischen Hintergrundstrukturen der Blots. Zudem hatten Yang et al. nicht nur plagiiert, sondern auch gefälscht, da die Legenden geändert worden waren. Zum Beispiel hatten sie andere Zeiten angegeben, „Electrophoretic Mobility Shift Assay“ statt „Western Blot“ geschrieben und „knockout MEFs“ gegen „siRNA“ ausgetauscht.

Ein Teil der Daten war bereits 2004 von Schapers chinesischem Doktoranden Xiang-Ping Yang im Journal of Biological Chemistry (279: 45279-89) sowie in seiner Doktorarbeit veröffentlicht worden, ein anderer Teil 2007 von Ute Albrecht in Cellular Signalling (19:1866-78). Was noch übrig war, hatte Schaper zusammen mit frischen Ergebnissen gerade bei PLoS Biology zur Veröffentlichung eingereicht.

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„Wie kamen die Chinesen an meine Daten?“, überlegte Schaper. „Gut, die Doktorarbeit von Xiang-Ping steht im Netz. Aber die enthält nur einen Teil der gestohlenen Figuren, und zudem in anderer Form. Sie können auch nicht von dem Foto eines Posters stammen. Die Qualität der Abbildungen ist zu gut.“

Herkunft eindeutig

Schaper erstellte eine Tabelle, auf der die gestohlenen Abbildungen ihren möglichen Quellen zugeordnet waren: Keystone-Vortrag, Xian-Pings Journal-of-Biological-Chemistry-Paper und Doktorarbeit, Albrechts Cellular-Signalling-Paper. Schapers Keystone-Vortrag stellte sich als wahrscheinlichste Quelle heraus. Nicht zuletzt, da seine Dia-Folge alle geklauten Bilder enthielt.

Zudem hatte das Paper von Yang et al. exakt den gleichen Titel wie eines von Schapers Dias: „SOCS3 mediates IL-1ß-dependent inhibition of IL-6 induced gene expression“. Selbst der Farbcode der Balkendiagramme war identisch.

Wie aber war Jinbo Yang an Schapers Vortragsdaten gekommen? Schaper blätterte im Teilnehmerverzeichnis des Meetings: Tatsächlich, Jinbo Yang war einer der Teilnehmer gewesen und hatte auch einen Vortrag gehalten. Aber wie war er an die Daten der anderen Sprecher gekommen?

Schaper versuchte sich zu erinnern: „Die PCs für die Präsentationen waren nicht für jedermann zugänglich. Die Technik-Leute saßen direkt daneben in der Nähe des Pults. Aber ob das immer der Fall war? Ich weiß es nicht…“

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Fred Schaper handelte dennoch. Noch am gleichen Tag (8. August 2008) informierte er die Editoren von Cellular Signalling, einem Elsevier-Journal. Er wurde deutlich, sprach von „Fraud“. Schaper forderte, das vorerst nur als „Epub“ vorab im Netz publizierte Paper von Yang et al. zu entfernen und auf den Betrug hinzuweisen. Des Weiteren sollten die Editoren den Rektor der Universität Lanzhou informieren.

Die Editoren von Cellular Signalling nahmen die Angelegenheit zur Kenntnis und setzten das Paper auf „Hold“ – das heißt, die Epub-Version wurde nicht für die Print-Version verarbeitet. Des Weiteren leiteten sie die Angelegenheit an Elsevier weiter. Der Verlag wiederum schrieb offenbar Jinbo Yang an und bat um Aufklärung.

Assistent mit langen Fingern

Schaper fand dieses Vorgehen zu langsam. Am 13. August informierte er die Organisatoren des Keystone-Meetings. Die reagierten sofort und bestätigten Schapers Erkenntnisse. Überdies leiteten sie eine Untersuchung ein, die ein paar Tage später zu der Erkenntnis kam, dass Jinbo Yang auf dem Keystone-Meeting als „Konferenzassistent“ fungiert hatte. Die Keystone-Organisatoren äußerten den Verdacht, dass Yang diese Position genutzt haben könnte, um Schapers Daten vom audiovisuellen Computer herunterzuladen. Yang wurde von künftigen Kongressen ausgeschlossen.

Schon am 14. August hatte Schaper Jinbo Yang angeschrieben und ihm mitgeteilt, dass er die Editoren von Cellular Signalling und die Organisatoren des Keystone-Kongresses von dem Plagiat informiert und die Angelegenheit an die Rechtsabteilung der Universität Aachen weitergegeben habe. Schaper schloss mit folgenden zwei Sätzen:

 „If you have any sort of justification for publishing the above mentioned manuscript in its present version we request to disclose it immediately. Otherwise, we expect a retraction of the manuscript as well as a formal statement published on the home page of Cellular Signalling declaring that it was retracted because figures were illegally copied from our laboratory.”

Jinbo Yang reagierte schon am nächsten Tag (15. August). In einem Brief an den Co-Editor von Cellular Signalling bestritt er das Plagiat. Er habe lediglich Experimente von Schaper wiederholt, ähnliche Resultate erhalten und sie auch ähnlich dargestellt. Es täte ihm leid, dass er das im Paper nicht erwähnt habe – er sei aber bereit, dies nachzuholen.

„Alles eigene Daten...“

In einem weiteren langen Brief an Schaper vertrat Yang die gleiche Position. Er hätte schon 2003 begonnen, über Interleukine zu arbeiten. Zweimal habe er ein Interleukin-Manuskript vorbereitet gehabt, jedes Mal seien ihm andere mit der Publikation zuvorgekommen. Auf dem Keystone-Meeting habe er nun Schapers Vortrag gehört. Davon angeregt habe er neue Experimente entworfen und die neuen Daten dem alten Manuskript zugefügt.

Jinbo Yang erklärte sich bereit, die monierten Figuren, deren Urheberschaft er weiterhin beanspruchte, zurückzuziehen oder zu modifizieren. Das ganze Manuskript wollte er aber nicht zurückziehen, da er keineswegs Daten kopiert, sondern nur ähnliche Ergebnisse erzielt habe.

Schaper war keineswegs zufriedengestellt. Er schickte seine Tabelle, in der er die plagiierten beziehungsweise gefälschten Abbildungen von Yang et al. seinen eigenen Quellen gegenübergestellt hatte, zusammen mit seinen Dias an Jinbo Yang und dessen Mentor George Stark. Letzterer vermittelte von da an in der Sache.

Am 26. August kam Jinbo Yangs Antwort. Er gab zu, dass seine Gruppe einige von Schapers Ergebnissen plagiiert habe – allerdings nicht so viele, wie Schaper behauptete. Zwei von Jinbo Yangs Studenten hätten über Google Search sowie bestimmte Bio-Foren im Internet Schapers Konferenz-Dias aufgetrieben, sie hätten überhaupt die Seminarvorträge etlicher Redner kopiert. Er, Jinbo Yang, habe indes die Dias nicht gestohlen.

Die Dias, die ihm Schaper geschickt habe, habe er zum ersten Mal gesehen. Auch gegenüber George Stark behauptete Jinbo Yang, Schapers Vortrag nicht besucht zu haben. (Wie das allerdings zu Jinbo Yangs Versicherung vom 15.8. passt, er habe Schapers Vortrag gehört, bleibt sein Geheimnis. Zumal er dies sogar nochmals im gleichen Brief (!) behauptete). Jedenfalls hätten zwei seiner Studenten einige Figuren inadäquat zusammengestellt, wofür er als korrespondierender Autor die Verantwortung trage. Wenn Schaper es wünsche, werde er das Paper zurückziehen oder Schaper als Koautor aufnehmen.

„...alle selbst gemopst.“

Das Angebot, ihn als Koautor auf ein gefälschtes Paper mit aufzunehmen, brachte Schaper vollends auf die Palme.

Am 27. August schrieb er an die Editoren von Cellular Signalling und an Jinbo Yang, dass ihn die Antwort Jinbo Yangs nicht befriedige. Die Daten in ihrer kopierten Version konnten nur von seiner, Schapers, Keystone-Powerpoint-Datei stammen und hätten nie im Netz gestanden. Die Studenten, die Yang beschuldigte, hätten an dem Kongress gar nicht teilgenommen. Auch tauchten sie nicht auf der Autorenliste des Yang et al.-Papers auf. Schaper befürchtete überdies, dass Jinbo Yang die unpublizierten Daten der Keystone-Datei für weitere, „eigene“ Publikationen benutzen könnte. Schließlich sei Yangs Vorschlag, ihn als Koautor auf das gefälschte Paper zu nehmen, eine Unverschämtheit.

Daraufhin knickte Yang vollends ein. In seiner Antwort, die Schaper am nächsten Tag erreichte, gab er zu, dass alle von Schaper monierten Figuren plagiiert seien. Jedoch habe er die Powerpoint-Dateien nicht gestohlen. Sein Student sage jetzt, er habe die Dias von einem Meeting-Besucher bekommen. Der wiederum habe sie vom Meeting-Computer kopiert. Den Namen des Besuchers verschweige der Student, jedoch hätten er und seine Kommilitonen zu Lernzwecken über hundert Vorträge von verschiedenen Meetings gesammelt.

Er, Jinbo Yang, trage die Schuld an der Affäre und bitte Schaper, den Ruf der Lanzhou-Universität nicht zu gefährden. Er habe alle Dateien vernichtet und werde auch nicht mehr auf dem Gebiet arbeiten.

Jinbo Yangs Brief endet folgendermaßen: „I will no longer respond to any future accusations. I will agree with any additional accusations you make, because I have learned that all of the accusations made up to now are based on very solid evidence. You have taught me a great lesson, which will serve me well in my future research career.

I am so sorry to have taken so much of your time to handle this issue. I hope that this email will let you feel a little bit better.”

Das Paper wurde inzwischen zurückgezogen.

Hubert Rehm




Letzte Änderungen: 10.10.2019

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