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'Die Spitze geht unter im Mittelmaß'

(27.09.2019) HIGHLIGHTS AUS 25 JAHREN LABOR­JOURNAL: Im Jahr 2006 äußerte ein Strukturexperte große Zweifel am Konzept der Exzellenzinitiative.
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Die Exzellenzinitiative, Klappe 1, ist im Kasten. Die Freudentränen sind getrock­net, Heulen und Zähneklappern gerade erst verstummt – da meldet sich einer mit harten Zahlen: Richard Münch, Bayreu­ther Soziologe und Experte für die Analy­se von Organisationen und deren Struk­tu­ren. Er behauptet: Diese Art der For­schungs­för­de­rung för­dert nicht Leis­tung, sondern Mittel­maß und Oligarchien.

 

LJ: Herr Münch, Sie sind Autor der Studie „Drittmittel und Publikationen. Forschung zwischen Normalwissenschaft und Innovation.“ (Soziologie 35/4, 2006, S. 440). Darin sagen Sie über die deutschen Förderstrukturen: „Drittmitteleinwerbung unterstützt überwiegend die serielle Routineforschung der Normalwissenschaft.“ Das ist starker Tobak.

Richard Münch: Die Zahlen zu eingeworbenen Drittmitteln und Publikationsausstoß zeigen sehr klar, dass es ein eklatantes Missverhältnis gibt zwischen der Konzentration von Forschungsgeldern auf wenige Standorte und der Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse. In vielen Fächern, etwa in Soziologie, Chemie, Physik, gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Drittmittelaufkommen einzelner Wissenschaftler und deren Publikationsausstoß. Dieses Missverhältnis zwischen Input und Output besteht in neun von dreizehn untersuchten Fächern. Lediglich die Biologie ist eine Ausnahme mit halbwegs nennenswerter positiver Korrelation.

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LJ: Na, das freut uns natürlich. Aber was ist denn die Ursache für diese Entwicklung?

Münch: Das liegt an der Art der Begutachtung von Förderanträgen. In der Regel wird ein Forschungsprojekt zu Beginn, also mit dem Antrag auf Geld, beurteilt. Was hinterher  an Publikationen dabei herauskommt, bleibt weitgehend unbeachtet. Da man letzteres seit einigen Jahren gut analysieren kann, konnte ich jetzt rückwirkend untersuchen, wie sich das Verhältnis von Drittmittelerwerb und Publikationsausstoß darstellt. Und dabei stellte sich unter anderem heraus, dass das Ortsprinzip den Geldfluss maßgeblich beeinflusst.

 

LJ: Was ist das Ortsprinzip?

Münch: Früher hatte man eine Idee und suchte dann nach Partnern, die mit einem daran arbeiten können. Heute ist es umgekehrt: Man weiß, es gibt Geld etwa für Sonderforschungsbereiche. Weil nun einmal der Fachbereich einer Universität nach dem Drittmittelaufkommen bewertet wird, setzt man alles daran, ein Projekt zu finden, das man mit den Kollegen vor Ort umsetzen könnte. Mit dem Resultat, dass sich sehr gute Wissenschaftler mit durchschnittlichen Forschern zusammentun müssen, denn es gibt ja in einem Fachbereich nicht nur Spitzenleute. Auf diese Weise gelangt DFG-Geld auch in mittelmäßige Forschung, das dann an anderer Stelle natürlich fehlt. Und die Idee vom Forschungsverbund ist zu einer Ideologie mutiert.

 

LJ: Wenn Förderorganisationen wie die DFG nun Endkontrollen durchführen würden, etwa ein Jahr nach Abschluss eines Projekts: Könnte das den Output der geförderten Projekte verbessern?

Münch: Das würde schon Sinn machen, aber dann müssten wir die Kontrollapparate noch mehr aufblähen, noch mehr Gutachter beschäftigen als im Moment schon. Deshalb würde ich grundsätzlicher ansetzen und an den Universitäten andere Strukturen schaffen, die die Nachwuchswissenschaftler viel früher in die Unabhängigkeit entlassen. Denn das Kernproblem ist ja das Matthäus-Prinzip...

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LJ: ...wonach der Teufel immer auf den dicksten Haufen sch.... Oder im Original: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ (Mt 25,29 LUT)

Münch: Junge Forscher sind auf diese Weise beim Wettbewerb um Drittmittel automatisch im Nachteil. Sie können weder auf bereits eingeworbene Drittmittel verweisen, noch ist ihre Publikationsliste so lang wie bei den Arrivierten. Und warum ist das so? Weil der so genannte wissenschaftliche Nachwuchs in abhängiger Position arbeitet! Ich sage „so genannt“, denn die meisten der jungen Forscher haben gar keine Karriereaussicht, zumindest nicht an der deutschen Hochschule. Hier liegt nämlich das Verhältnis von Professoren zu wissenschaftlichen Mitarbeitern bei 17 zu 83 – es ist also wirklich streng oligarchisch! Junge Forscher haben schlechte Karten in der Konkurrenz um Drittmittel, denn sie können mit ihrer bereits erbrachten Leistung in der Konkurrenz nicht punkten, da die ja dem Lehrstuhl beziehungsweise dessen Inhaber zugeschrieben wird. Deshalb fordere ich eine Umstrukturierung der Fakultäten. Mitarbeiterstellen müssen umgewandelt werden in Juniorprofessuren. Der Wettbewerb um die Drittmittel muss dann zwischen den jungen Forschern ausgetragen werden und nicht zwischen den etablierten Professoren und dem Nachwuchs. So vermeidet man im Endeffekt das Akkumulieren von Drittmitteln in Abteilungen oder Fachbereichen und fördert mehr den Einzelnen.

 

LJ: Stichwort Akkumulation: Aus Ihrer Sicht müsste doch die Exzellenzinitiative die Abstrusität des Verfahrens auf die Spitze treiben.

Münch: Genau, denn sie funktioniert exakt nach diesem Muster. Um etwa ein Exzellenzcluster einzurichten, muss man 6,5 Millionen Euro pro Jahr verbrauchen. Das heißt, es müssen noch größere Forschungsverbünde geschaffen werden als das mit den SFBs jetzt schon der Fall ist. Also muss man Kollegen suchen, mit denen man solch einen Cluster überhaupt einrichten könnte. Dabei kommen dann zwangsläufig Dinge zusammen, die gar nicht zusammen gehören. Nur um an das Geld heranzukommen. Das heißt: Mittel und Zweck verkehren sich!

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LJ: Nun wurden drei Unis als zukünftige Exzellenz-Universitäten ausgewählt. Haben die das verdient?

Münch: Das sind natürlich gute Universitäten – absolut gesehen. Schaut man aber auf die Leistung pro Wissenschaftler, kriegt man ein ganz anderes Bild. Die LMU ist eine forschungsstarke Universität, sie hat 5000 Wissenschaftler. Zwangsläufig führt das zu einem hohen Drittmittelaufkommen insgesamt. Schaut man aber die Drittelmittel pro Wissenschaftler an, rutscht die LMU auf Platz 32 nach dem DFG-Förderranking 2003, und auf Platz 26 nach dem aktuellen Ranking. Es gibt aber mindestens dreißig oder vierzig Universitäten, die pro Wissenschaftler ähnlich viele Drittmittel einwerben wie die LMU. Wenn man also Effizienzmaßstäbe anlegt, steht die LMU nicht an der Spitze.

Das gleiche gilt für den Publikationsausstoß. Natürlich ist eine so große Uni wie die LMU absolut an der Spitze, aber relativ auf den einzelnen Wissenschaftler gerechnet ist das nicht so. Von daher sehe ich natürlich Legitimitätsprobleme.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass Effizienz- und Leistungsdifferenz innerhalb eines Fachbereiches einer Universität oder zwischen verschiedenen Fachbereichen einer Universität viel größer ist als zwischen gleichen Fachbereichen verschiedener Universitäten.

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LJ: Das heißt im Schnitt sind unsere Universitäten ähnlich gut, die Exzellenz verbirgt sich im Detail?

Münch: Genau. Man findet an jeder Universität einige gute Forscher in einer Disziplin, aber auch viele durchschnittliche. Das führt dazu, dass die durchschnittlichen Leistungen etwa der Biologen an den Universitäten deutschlandweit ähnlich gut sind. Spitzenkräfte gehen im Mittelmaß unter. Die Leistungsunterschiede zwischen den Fachbereichen deutschlandweit sind deshalb geringer als diejenigen einzelner Abteilungen oder Professoren innerhalb eines Fachbereichs an einer Universität. Weil das so ist, sind die Großprogramme der Forschungsförderer nicht zielgenau. Denn sie fördern Institutionen, mit der Exzellenzinitiative sogar ganze Universitäten, aber nicht die einzelnen Forscher.

 

LJ: Wie ist es dann um die These bestellt: es gibt bereits forschungsstarke Spitzenuniversitäten auf der einen und (Massen-) Lehranstalten auf der anderen Seite?

Münch: Die stimmt eben genau in diesem Punkt nicht. Es gibt eine breite Streuung von einzelnen, exzellenten Forschern. Die konzentrieren sich nicht an einzelnen Standorten. Im Gegensatz dazu aber konzentriert sich das Drittmittelaufkommen: 17 von 100 Universitäten haben 50 Prozent der Forschungsmittel der DFG. Die Drittmittel liefern also ein falsches Bild von Forschungsqualität.

 

LJ: In Ihrer Studie schreiben Sie auch, dass immer mehr eingeworbenes Geld in den Erwerb neuer Drittmittel gesteckt wird. Vor allem koordinierte Programme wie SFBs und  Graduiertenkollegs neigen zu einem Overkill in Sachen Management, schreiben Sie.

Münch: Ja, die Forschungsprogramme haben einen sehr hohen Anteil an Managementkosten. Ich brauche Mitarbeiter, die Sitzungen organisieren, Berichte und Anträge schreiben und so weiter. All das Geld fürs Management geht natürlich der eigentlichen Forschung verloren. Insofern ist der Erwerb von Drittmitteln zum Selbstzweck geworden.

 

LJ: Doch häufig hört man das Argument, man brauche eine kritische Masse, um eine bestimmte Fragestellung zu erforschen. Stimmt das nicht?

Münch: Doch, aber diese kritische Masse wird meistens weit überschritten. Ich sehe dann das Problem des abnehmenden Grenznutzens. Das ist eine ökonomische Kategorie, die beschreibt, dass jenseits einer durchschnittlichen Anzahl von Mitarbeitern der wissenschaftliche Output pro Mitarbeiter sinkt. Das hängt mit dem erhöhten Management-Aufwand zusammen. Und genau da sind wir inzwischen mit den derzeitigen Instrumenten der Forschungsförderung angekommen.

Eines möchte ich am Schluss indes noch betonen: Ich will nicht die DFG als Organisation schwarzmalen oder irgendwelche einzelnen Personen kritisieren. Ich zeige Strukturprobleme in unserer Forschungsförderung auf, ich beschreibe Gesetzmäßigkeiten, die ohne den Willen der beteiligten Personen ablaufen. Daraus wird klar: die Strukturen müssen geändert werden.                          

Interview: Karin Hollricher

 

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Richard Münch

Seit Anfang 2005 untersucht der Bayreuther Soziologe Richard Münch die soziale Konstruktion von Exzellenz im deutschen akademischen Feld. Ein Anlass war der mit der Exzellenzinitiative angekündigte Paradigmenwechsel in der Bildungs- und Forschungspolitik. Münchs Hauptthese heute: die Exzellenzinitiative schaffe Monopolstrukturen, die oligarchische Strukturen in den Hochschulen noch verstärken, den Wettbewerb daher in Zukunft einschränken und auf diese Weise Innovationen in der Forschung verhindern.

 

(Der Artikel erschien in der Laborjournal-Printausgabe 12/2006)






Letzte Änderungen: 27.09.2019

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