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Biotech zwischen glänzend-bunten Slime-Bällen (Update!)

Wie nicht anders zu erwarten, sprachen die Münchener Veranstalter euphorisch von einer rundum gelungenen Fachmesse. Die reale Messewelt auf der Analytica, anzutreffen in München vom 25. bis 28. April 2006 in fünf Ausstellungshallen, war vielschichtiger.

(03.05.2006) Spätestens seit vergangenem Dienstag ist die Vogelgrippe in Münchens Osten angekommen. Kaum ein ausstellender Diagnostik-Anbieter, der seinen Analytica-Stand nicht mit Werbepostern über "schnelle" und/oder "zuverlässige" H5N1-Nachweismethoden zupflasterte. TIB MioBiol aus Berlin oder AJ Roboscreen aus Jena etwa bewarben massiv ihre Schnelltests zum Viren-Nachweis, bei Eppendorf, Roche oder Stratagene konnte man die entsprechende Hardware - beispielsweise komplette Real-Time PCR-Plattformen zum Screening von Avian Influenza Viren - ordern, und Firmen wie Esco oder Labconco wollten Sterilbänke und HEPA-gefilterte Sicherheitskabinen an den Mann bringen, die eifrige Kinogänger so oder ähnlich bereits aus manchem US-Katastrophenfilm kennen.

Moderne Vogelgrippe-Assays alternieren mit musealem Laborequipment

Wem die Seuchenpanik zu groß wurde, der fand Zuflucht in Halle B2. Dort hatten einige Firmen (u.a. GE-Healthcare (Ex-Amersham-Pharmacia), Bio-Rad, Eppendorf, Carl Zeiss, Mettler-Toledo) die Sonderschau "The 20th Analytica - Evolution of an Exhibition" mit graulackierten Meilensteinen aus knapp 40 Jahren Analytik-Geschichte aufgebaut.

Historische Mikroskope aus den Jahren 1876, 1890 und 1957, Laborausstattung aus den 60igern oder Analysenwaagen aus dem Jahr 1925 sowie den 60er und 70er Jahren waren da zu sehen, auch Instituts-Klassiker wie ein Schmelzpunktbestimmungsgerät nach Dr. Tottoli von 1960 oder ein Stickstoffbestimmungsgerät nach Kjeldahl aus dem Jahr 1963. Die historischen Teile entlockten vielen Fachbesuchern verträumte Seufzer ("Hach, weißt Du noch, damals, während unserer Diplomarbeit...?"). Andere - meist waren es öffentlich geförderte Forscher - äußerten lediglich ein verwundertes "Wieso Geschichte? - das Ding ist bei uns noch heute im täglichen Gebrauch...".

Auch der Laborjournal-Reporter schwelgte mit dem gerade anwesenden GE-Mitarbeiter Erich Großkopf in Erinnerungen und war doch froh, mit den musealen Ausstellungsstücken nicht mehr zentrifugieren, pipettieren oder fotometrische Spektren fahren zu müssen.

Was war mit Tecan passiert?

Noch schnell ein paar Schokokekse geschnorrt (bei Messe-Preisen von 4,50 Euro fürs garantiert butterlose Billigkäse-Sandwich überlebensnotwendig!) und dann mal bei Tecan vorbeigeschlendert. Doch hoppla -irgendwie kamen die Schweizer Roboterbauer auf einmal so ganz anders daher, wo war das typische rot-weiße Logo? Und warum sprechen die jetzt nicht mehr Schwyzerdütsch, sondern distinguiertes Oxford-Englisch?

Des Rätsels Lösung: Der Laborjournal-Reporter war versehentlich beim Messestand von Tecan Ltd. (sprich: Tii-kään) aus dem britischen Dorset gelandet. Die heißen zwar genauso, bauen aber keine Laborroboter, sondern alle möglichen Präzisionsmaschinenbauteile aus Metall bis hin zu kompletten fotolitografischen Anlagen. Der Messestand der deutschen Niederlassung der Schweizer Tecan hingegen befand sich in einer ganz anderen Halle. Der blamierte Laborjournal-Reporter legte einen heiligen Eid ab, fortan öfters den Messekatalog zu konsultieren.

Proteros Biostructures war auf dieser Analytica nur als Besucher vertreten. Was die von Nobelpreisträger Robert Huber mitgegründete Biotech-Firma genau macht, durfte uns der anwesende Martinsrieder Mitarbeiter aus Geheimhaltungsgründen nicht verraten. Es scheint sich um knifflige Auftragsforschung für Pharmafirmen zu handeln - die Proteros-Jungs stellen Proteine her, analysieren sie via Röntgenstrukturanalyse und machen auf Wunsch auch noch Proteinstruktur-basiertes Drug-Design. Spannend und hochgeheim jedenfalls, das Ganze, wisperte der Proteros-Mitarbeiter mit hochgezogenen Augenbrauen, ehe er wieder entschwand.

Was Roche Diagnostics macht, dürfte hingegen hinreichend bekannt sein. Gebäude einweihen zum Beispiel (siehe Laborjournal 7-8/2005, Seite 51). In diesen Gebäuden arbeiten dann jede Menge Produktionsroboter, aber auch viele atmende Menschen, was den Autor dieser Zeilen als ebensolchen natürlich freut. Zudem kann man als Journalist auf derartigen Veranstaltungen gelegentlich Roche-Regenschirme abstauben. Am 5. Mai wird in Penzberg übrigens schon wieder ein Gebäude eingeweiht: die neue Produktionsanlage für diagnostische Antikörper. Vor Ort wird die Politprominenz erwartet sowie auf schlechtes Wetter und kostenlose Regenschirme hoffende Journalisten. Der Schreiber dieser Zeilen ist leider verhindert und muß zudem die Kollegen enttäuschen: Kachelmann hat Sonnenschein angekündigt.

RNAi-Pionier Tuschl kriegt 50.000-Euro-Preis

Aber zurück zur Analytica, auf der Roche ebenfalls mit einem großen Stand vertreten war - gleich schräg gegenüber vom Laborjournal-Stand übrigens. Ein Stückchen weiter weg, über dem Haupteingang im zweiten Stock, lag das Pressezentrum dieser Analytica, in dem am Dienstag der deutschstämmige RNAi-Experte Tom Tuschl "für seinen außerordentlichen Beitrag zur molekularen Bioanalytik" mit dem GBM-Wissenschaftspreis "Molecular Bioanalytics 2006" geehrt wurde. Dieser Preis wird von Roche Diagnostics gestiftet und ist 50.000 Euro wert.

Tuschl hatte 2001 erstmals veröffentlicht, wie er Gene in Säugerzellen mit siRNAs gezielt verstummen lassen kann und ferner herausgefunden, dass micro-RNAs in fast allen höheren Organismen vorkommen und dort wichtige regulatorische Funktionen haben. Der junge Deutsche, der lange in Regensburg und Göttingen lebte und seit einigen Jahren am New Yorker Rockefeller Institut forscht, hat berühmte Vorgänger: 2004 (sowie bereits 1984) hat den GBM-Preis beispielsweise der britische DNA-Hybridisierungs-Pionier Edwin Southern erhalten, 2002 bekam ihn der bei jedem Biochemiestudenten bekannte Lehrbuchautor Lubert Stryer.

Ein großes Dankeschön an die Standnachbarn

Nicht nur Roche, auch die BD Biosciences-Leute hatten sich neben dem Laborjournal-Stand aufgebaut und halfen uns pausen- und selbstlos mit Scheren, Schüsselchen und Klammermaschinen aus. Ein herzliches Dankeschön nochmal dafür, und natürlich auch den vielen Lesern, die an diesen vier Tagen bei uns vorbeischauten und gemütlich mit uns plauschten.

Am Ende dieses garantiert unvollständigen Messeberichts wollen Sie, lieber Leser, vielleicht noch wissen, was es mit der seltsamen Überschrift "Biotech zwischen glänzend-bunten Slime-Bällen" auf sich hat. Dieses Rätsel kann gelöst werden. Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit, als es "Slime" gab, diese eklig-grüne Glibbermasse, die quer durchs Zimmer geschleudert und danach an der Wand klebend unter Klassenkameraden für Begeisterung und bei den Lehrern für Tobsuchtsanfälle sorgte?

Bei Merck Biosciences gab's ähnliches zu Ergattern: Gefärbte Schleimkugeln, die - in der Faust zerquetscht und in allen möglichen Farben schillernd - als "Giveaways" an die Messebesucher abgegeben wurden. Sie waren auf dieser Analytica der absolute Renner. Da sage nochmal einer, beschlipste, grauhemdige und Anzug-tragende Biotechmanager hätten kein Herz in ihrer Brust! Am Merck-Stand kam man sich manchmal vor wie früher auf dem Schulhof. Schön!

Technische Daten dieser Messe

Abschließend sollen an dieser Stelle noch schnell die technischen Daten dieser 20. Analytica des Jahres 2006 nachgereicht werden: Nach vier Ausstellungstagen hätten sich die Aussteller "sehr zufrieden" gezeigt, die Erwartungen seien "übertroffen" worden - trotz eines Ausstellerschwunds von 19 Prozent (908 gegenüber 1118 im Jahr 2004) sowie 4100 weniger Besuchern als 2004 (minus 14 Prozent). Zumindest steht's so im offiziellen Schlussbericht zur Analytica 2006. Nun ja, Erwartungen kann man mühelos übertreffen, wenn sie bewusst niedrig angesetzt werden. Immerhin hat die chronisch zuversichtliche Messeleitung nicht ganz unrecht mit ihren Aussagen: Eine gewisse Aufbruchsstimmung war tatsächlich zu spüren: Es scheint wieder aufwärts zu gehen - hoffentlich noch eine Zeitlang.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 04.05.2006
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