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Preis-werte Wissenschaft

(07.06.2019) HIGHLIGHTS AUS 25 JAHREN LABORJOURNAL: 1999 meinte Gastautor Peter Pietschmann, dass angesichts so vieler Auszeichnungen kaum ein Wissenschaftler befürchten muss, ungepreist zu bleiben.
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Neben der Kultur werden in keinem anderen Bereich des öffentlichen Lebens so viele Preise und Auszeichnungen verliehen wie in Forschung und Wissenschaft. Das lässt aufhorchen, denn es ist ja nicht gottgegeben, dass ausgerechnet auf diesem Sektor menschlicher Tätigkeit fortwährend mehr als ordentliche, nämlich preiswürdige Leistungen erbracht werden.

Angesichts dieser Inflation von Wissenschaftspreisen treten zwei Folgen ein. Auf eine ist schon wiederholt hingewiesen worden: dass nämlich, überspitzt formuliert, kaum noch jemand davon ausgehen kann, sein wissenschaftliches Leben preisfrei abzuschließen – und eine dementsprechende Erwartungshaltung aufbaut. Die andere besteht darin, dass selbst ausdrücklich wissenschaftsfreundliche und -empfängliche Bevölkerungsgruppen gegenüber den Nachrichten über Preisverleihungen abstumpfen – was heißt, dass die Preise an Besonderheit verlieren.

Nun ist ein Preis, wenn es sich nicht gerade um die ganz großen finanziellen Ausstattungspreise handelt, etwas anderes als eine mäzenatische Dauerleistung. Es geht beim Wissenschaftler, zumal in fester Anstellung, üblicherweise nicht um Fragen der elementaren Existenzsicherung. In einem Punkt erinnern die modernen Wissenschaftspreise dennoch an das antike Mäzenatentum: Der Preis soll – wie die mäzenatische Zuwendung ja auch – ermutigen und anspornen.

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Allerdings soll er womöglich auch Förderungswürdigkeit attestieren. Doch damit ist es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wegen der seit einigen Jahren und auch jetzt noch stattfindenden, inflationären Vermehrung von Wissenschaftspreisen nicht mehr weit her.

Presse und Öffentlichkeit, ja der Wissenschaftsbetrieb selbst, sind schon längst überfordert, wenn es um Fragen der Bewertung geht. Hilfsweise orientiert man sich an der Höhe des Geldbetrages, der mit dem Preis üblicherweise zur Auszahlung kommt. Im Hinblick auf die ganz großen Summen mag diese Messlatte zulässig sein; generelle Gültigkeit kann sie nicht beanspruchen. Ein einfaches proportionales Verhältnis von Dotation und Geltung des Preises in der wissenschaftlichen Welt besteht jedenfalls nicht, das kann man sich von Preisträgern allenthalben versichern lassen. Es gibt – wie es heißt: angesehene – Preise, die dotationsfrei sind, deren Wert sich also ausschließlich ideell konstituiert.

Dabei ist es heute kein großes Kunststück mehr, einen 1.000- oder auch 5.000-DM-Preis zu stiften, um sich damit das Ansehen eines Wissenschaftsmäzens zu geben und den Wunsch nach öffentlicher Beachtung zu erfüllen. Und wenn zum Beispiel ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 50 Mio. DM für einen nach ihm benannten jährlichen Wissenschaftspreis 20.000 oder 30.000 DM ausgibt, darf man vermuten, dass dies nicht zuletzt mit cleverer Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat. Denn der damit verbundene PR-Effekt ist beliebig höher zu veranschlagen als das, was sich mit DM 30.000 durch landläufige Werbeaktionen bewirken lässt.

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Kein Wunder also, dass sich Preisstiftungen bei Institutionen, Unternehmen, Administrationen, Gesellschaften, Vereinen und Privatpersonen größter Beliebtheit erfreuen. Die exakte Zahl der gegenwärtig in Deutschland verliehenen Preise für Wissenschaft und Forschung kennt keiner. Schätzungen gehen von vierstelligen Zahlen aus.

Preise also, so weit das Auge reicht. Kaum eine Universität oder sonstige Hochschule, die nicht allein schon eine Mehrzahl hausbezogener Preise hätte. Man bezeichnet diese Preise abschätzig gern als „Inzucht“-Preise, weil sie nicht breit ausgeschrieben werden. In der Tat ist die Frage nicht grundlos, auf welche Weise sich hier der Gebrauch des Begriffes „Wissenschaftspreis“ legitimiert. Bei solchen Zuwendungen mag es sich um außerplanmäßige interne Fördermittel oder Drittmittel handeln, um die es durchaus eine hausinterne Konkurrenz geben kann.

Ein „Preis“ hingegen meint noch etwas anderes: Er fordert, an die Grenzenlosigkeit von Wissenschaft zu denken – sowie daran, dass ihr Bezugs- und Vergleichsrahmen weit gespannt sein muss. Die Nobelpreise werden auch nicht nur unter schwedischen Wissenschaftlern verteilt.

Wer Preise verleiht und dies gern vor den Augen einer andächtigen Öffentlichkeit tut, erhebt einen Anspruch, der sich durch den kleinstmöglichen Kandidatenfundus nicht einlösen lässt. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass die im engsten Kreis ausgewählte Leistung nicht auch in globalerem Kontext preiswürdig sein könnte; jedoch haftet der Kür unvermeidlich der Makel der beschränkten Konkurrenz an – und dieser Makel überträgt sich auf den Gekürten.

Warum, mag man fragen, werden Kleinstraum-Preise überhaupt gestiftet? Nun, die Antwort liegt nahe: Diese Preiskategorie ist insofern attraktiv, als dass sie organisatorisch gut handhabbar ist. Geographisch weiträumige Ausschreibungen bringen unabhängig von der Zahl der daraufhin eingehenden Bewerbungen beziehungsweise Vorschläge ein erhebliches Arbeitspensum mit sich. Das Auswahlverfahren verlangt nach soliden Gutachtern, die sich nicht immer leicht und gewiss immer schwerer finden lassen, je mehr Preise vergeben werden.

Ein Ende der Preis-Neustiftungen ist nicht abzusehen. „Man muss die Feste fallen lassen, wie man sie feiern möchte“, scheint als Maxime über der Entwicklung zu stehen. Und akademische Feste werden gern gefeiert. Sie dienen, das haben sie mit kirchlichen gemein, der Vergewisserung des Glaubens – in ihrem Fall des Glaubens an die Erhabenheit der Wissenschaft.

Vorrangig jener, die man selbst macht.



Letzte Änderungen: 06.06.2019

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