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Konkurrenz für Meister Propper?

(27.05.2019) „Probiotische Putzmittel“ mit Mikroorga­nismen scheinen gerade in Mode zu sein. Was absurd klingt, ist es auch – fanden Karlsruher Wissenschaftler.
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Schon mal von „Effektiven Mikroorganismen“ (EM) gehört? Der japanische Agrarwissen­schaftler Teruo Higa prägte den Begriff in den frühen 1980ern. Er teilte alle Mikro­organismen in drei Gruppen ein: Positive, die für Wachstum, Gesundheit und Regene­ration stehen. Neutrale, die er auch als Mitläufer bezeichnet. Und Negative, die verantwortlich sind für Krankheit, Fäulnis und unangenehme Gerüche. Die EM gehören natürlich zu den „positiven“ Mikroben.

Aber ist die Welt der Mikroorganismen nicht eigentlich viel komplexer? „Aus wissen­schaftlicher Sicht lässt sie sich auf jeden Fall nicht einfach in so ein Schema pressen“, meint Johannes Gescher, Professor für Angewandte Biologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Higa ist jedoch davon überzeugt, dass die meisten Mikroben zu den Neutralen gehören. Sie schließen sich immer der Mehrheit an und verhalten sich dementsprechend entweder „positiv“ oder „negativ“, abhängig davon, welche der beiden anderen Mikroben-Gruppen das Milieu dominiert. Er glaubt außerdem, dass sich durch die simple Zugabe einer geringen Menge an „positiven“ Mikroben eine Dominanz derselben einstellt und die Ausbreitung unerwünschter Keime verhindert wird.

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Positive Alleskönner?

Und so entwickelte Higa eine spezielle Mischung verschiedener „positiver“ Pilze und Bakterien, die unter dem Markennamen „EM“ mittlerweile für unzählige Anwendungen vertrieben werden. In der Landwirtschaft beispielsweise sollen EM nicht nur für gesunde Böden und ein optimales Pflanzenwachstum sorgen, sondern sogar Schädlingsbefall reduzieren und chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel überflüssig machen. In Gewässern Faulschlamm und Sediment abbauen und die Wasserqualität verbessern. Sogar Schwermetalle, Antibiotika und Biozide sollen die Alleskönner unschädlich machen.

Aber woraus besteht dieser Wunder-wirkende EM-Mix überhaupt? Hauptbestandteile sind Milchsäure-Bakterien, Photosynthese-Bakterien und Hefen. Das Higa-Prinzip: Die Organis­men nehmen organisches Material als Nahrung auf und setzen es in nützliche Substanzen wie Aminosäuren, Vitamine, Enzyme, mineralische Verbindungen und Antioxidantien um. Teilweise werden auch organische Säuren produziert, die das Wachstum „negativer“ Mikroben hemmen sollen.

Klingt simpel und man möchte einfach dran glauben – genau aus diesen Gründen hat sich bereits eine lukrative Industrie mit einer Vielzahl von Produkten für Garten und Landwirtschaft aufgebaut. Und das, obwohl eine echte Wirkung der Produkte mit wissen­schaftlichen Methoden nie nachgewiesen werden konnte.

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Schwingendes Schwurbel-Getränk

Ungeachtet dessen macht die EM-Szene auch vor anderen Lebensbereichen nicht halt. Denn die kleinen mikrobiellen Helferchen sollen angeblich auch zur Gesundheit und Pflege von Mensch und Tier beitragen, das Raumklima verbessern oder sogar das Putzen über­nehmen. Auf einschlägigen Seiten wird unter anderem ein Fermentationsgetränk (500 ml für schlappe 75,90 Euro) angeboten mit der Beschreibung: „Während der Fermentation natürlicher Zutaten (…) werden die feinenergetischen Schwingungen der EM während des aufwändigen Herstellungsprozesses auf das Getränk übertragen und gespeichert.“ Erin­nert doch stark an gewisse andere Schwurbeleien.

Nichtsdestotrotz hat sich Johannes Gescher vom KIT zwei EM-Putzmittel mal genauer angesehen. Wenig überraschend, zweifelt er an deren Wirkung. „Ich bin der Ansicht, dass die Reinigungsleistung der eines Essigreinigers entspricht und dass die Mikroorganismen nicht an der Putzleistung beteiligt sind“, so der Wissenschaftler. Er schreibt die reinigende Wirkung der probiotischen Putzmittel also eher den enthaltenen Säuren und dem Alkohol zu.

Schmutz besteht zwar hauptsächlich aus Stoffen wie Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen, welche durchaus als Nahrungsquelle für Mikroorganismen dienen können. Doch die Rechnung, einfach ein paar Mikroben auf verschmutze Oberflächen aufzusprühen, die den ganzen Schmutz einfach wegfressen, geht nicht auf. Schließlich löst sich aufgenommene Nahrung ja nicht einfach in Luft auf, sondern wird in anderer Form wieder ausgeschieden. „Alles, was Bakterien fressen, setzen sie in CO 2 und in neue Biomasse um“, so Gescher in einer Pressemitteilung des KIT. „Damit eignen sich Bakterien eher weniger, Oberflächen so von organischem Kohlenstoff zu befreien, dass man hinterher tatsächlich von Sauberkeit sprechen könnte“.

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Sehr unwahrscheinlich

Ein weiteres Argument, das laut Gescher gegen die Wirkung der Mikroben-Reiniger spricht, ist die Tatsache, dass Mikroorganismen meistens in Biofilmen zusammenleben – das heißt, sie sind sehr stabil in einer Schleimschicht eingebettet. Dass Mikroorganismen in einem Reiniger in der Lage sind, den natürlichen Film auf einer Oberfläche zu verdrän­gen, hält der Biologe für unwahrscheinlich. Außerdem seien Bakterien nur in feuchter Umgebung aktiv. „Wenn man wischt, ist der Boden vielleicht zehn Minuten feucht“, so Gescher. Diese kurze Zeit reicht den Mikroorganismen nicht aus, um merkliche Mengen „Schmutz“ aufzunehmen.

Die Aufgabe der Photosynthese- und Milchsäure-Bakterien im EM-Reiniger ist ohnehin nicht wirklich nachvollziehbar. „Photosynthese-Bakterien ernähren sich, salopp gesagt, von Licht und Luft und können an der gewünschten Reinigungsleistung überhaupt nicht betei­ligt sein“, erklärt der Wissenschaftler. Milchsäure-Bakterien nehmen zwar organischen Kohlenstoff zu sich und produzieren Milchsäure, sie könnten sich also vom Schmutz ernähren – allerdings machen sie das nur, wenn sie keinen Zugang zu Sauerstoff haben. Und putzen in einer Sauerstoff-freien Umgebung klingt eher nach Science Fiction als nach einem gewöhnlichen Frühjahrsputz.

So toll es auch klingen mag, mit Bakterien die Welt zu retten – die mikrobiellen Alleskönner können eben doch nicht alles. „Probiotische Mittel können nützlich sein, wenn es zum Beispiel darum geht, nach einer Antibiotika-Therapie den Wiederaufbau des Magen-Darm-Mikrobioms zu beschleunigen“, so Gescher. Beim Putzen kann man aber getrost auf sie verzichten.

Eva Glink



Letzte Änderungen: 27.05.2019

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