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Mikroben als Kulturgut

(06.05.2019) Auf den Seiten alter Bücher befinden sich nicht nur Buchstaben, sondern auch Bakterien und Pilze. Und diese verraten einem viel über die Geschichte des Werkes.
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Cecilia Flocco nimmt eine Probe in der Leipziger Universitätsbibliothek.

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Bibliotheken haben etwas Ehrfurcht­gebietendes, denn sie sind Horte des Wissens – Wissen aus heutiger und längst vergangener Zeit. Neuerdings zieht es allerdings nicht nur Heerscharen von Studenten, Bibliothekare und Historiker in die heiligen Hallen der Weisheit, sondern zunehmend auch Molekular- und Mikro­biologen. Denn in Büchern, vor allem alten, sind Informationen versteckt, die man nur mit Sequenzierer und Co. entziffern kann.

Vor gut zwei Jahren beispielsweise nahmen englische Genetiker von der Universität York DNA-Proben von der frühmittelalterlichen Handschrift „The York Gospels“, welche um das Jahr 1.000 geschrieben wurde. Die Pergament-Seiten, so fanden die Forscher heraus, bestehen hauptsächlich aus der Haut weiblicher Kühe. Ebenso fanden Matthew Teasdale et al. auch menschliche DNA – besonders auf den Seiten, die häufiger gelesen und möglicherweise, als Zeichen der Hingabe und Gottesfürchtigkeit, auch geküsst wurden (R Soc Open Sci, 4(10):170988).

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Mikrobielle Sonden

Wertvolle mittelalterliche Manuskripte schlummern auch in deutschen Bibliotheken und harren darauf, ihre biologischen Informationen preiszugeben. Im September letzten Jahres startete deshalb das interdisziplinäre Projekt „Mikroben als Sonden der Buchbiographie“, das Kulturwissenschaftler, Philosophen und Mikrobiologen zusammenbringt. Beteiligt sind die Universitätsbibliothek Leipzig, das Seminar für Philosophie der Technischen Universität Braunschweig und das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen.

Mikroben und Bücher – da denkt man zuerst nicht unbedingt an nützliche Daten. Denn eigentlich sind Pilze und Bakterien eher dafür bekannt, Schäden an Büchern anzurichten. Schimmelpilze können Buchmaterial zersetzen, bestimmte Bakterien (Saccharopolyspora-Arten) schädigen das Kollagen im Pergament und hinterlassen unschöne Flecken. Bei alten Büchern ist außerdem mit Endosporen-bildenden Bakterien der Gattungen Bacillus und Clostridium zu rechnen, die über längere Zeit inaktiv bleiben können und zum Teil pathogen sind.

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Schädling, Krankheitserreger, Gift

Aber, die Projekt-Teilnehmer sehen das Buch-Mikrobiom als Chance – als Chance, mehr über das Buch selbst herauszufinden. „Die Idee entstammt einem Gedankenaustausch zwischen dem Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, Ulrich Johannes Schneider, und der Projektkoordinatorin Nicole Karafyllis (Professorin für Philosophie an der TU Braunschweig) zur nach wie vor fast einseitig negativen Bewertung von Mikroben als Schädlingen, Krankheitserregern und Giften. Ein Ziel des Projekts ist es, diese Semantik neu zu fassen und zu erforschen, inwiefern Mikroben integraler Teil von Kulturgut sein können, so wie Mikroben auch untrennbar zum Menschen gehören,“ schreiben uns Regina Jucknies, Projekt-Mitarbeiterin, und Christoph Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums der Unibibliothek Leipzig, in einer Email.

Zum Glück beherbergt die Unibibliothek Leipzig mannigfaltige, schriftliche Zeugen spätmittelalterlichen Lebens. So kamen beispielsweise während der Reformation viele Handschriften aus sächsischen Klöstern an die 1543 neu gegründete Universitäts­bibliothek. Einige davon wurden für das Projekt ausgewählt. „Hinzu kommen Bände aus den universitären Büchersammlungen, die im Laufe des 15. Jahrhunderts entstanden und im späten 17. Jahrhundert in der Bibliotheca Paulina mit den Säkulari­sations­hand­schriften zusammengeführt wurden, sowie (…) Handschriften aus süddeutschen Frauenklöstern, und dem Depositum der Leipziger Stadt­bibliothek. Hauptauswahlkriterium sind aussichtsreiche Bände, bei denen mikrobielle Spuren bis ins Spätmittelalter zurück anzunehmen sind,“ erläutern Jucknies und Mackert.

Die molekular- und mikrobiologischen Analysen finden im Braunschweiger Leibniz-Institut DSMZ statt. An erster Stelle gilt es einen Weg zu finden, die Probennahme so vorsichtig, sanft und zerstörungsfrei wie möglich zu machen. Denn man hat es mit Kulturgütern von unschätzbarem Wert zu tun, die unwiederbringlich und einzigartig sind, betonen die Projektpartner am Leibniz-Institut DSMZ, Jörg Overmann und Cecilia G. Flocco. Erschwerend kommt hinzu, dass man es höchstwahrscheinlich mit einer sehr geringen Anzahl an Mikroben und altem, degradiertem genetischen Material zu tun hat.

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Mit und ohne Kultur

Sind diese Anfangsherausforderungen überwunden, wollen Flocco und Overmann durch sowohl „Kultivierungs-abhängige als auch -unabhängige Analysen die Zusammensetzung und Vielfalt der mikrobiellen Gemeinschaft des Buches“ bestimmen. Auch die phylogene­tische Rekonstruktion der gefundenen Mikroorganismen steht auf dem Projektplan. Und vielleicht lassen sich sogar ganz neue Mikroorganismen und Gene beschreiben.

Diese Daten wiederum lassen, wie schon bei den „York Gospels“, einen Einblick in die Buchbiographie zu. „Buchbiographie ist eine Form der erweiterten Provenienzforschung zum Buchobjekt“, erklären Jucknies und Mackert. Hier wird also die Geschichte des Buches selbst erforscht, was hat es während seiner (langen) Existenz alles durch­gemacht?

In der Tat kann man aus dem Buch-Mikrobiom so einiges herauslesen: Krankheiten der früheren Leser, die Hygienepraktiken zur damaligen Zeit, die geographische Herkunft, wie und woraus die Handschrift hergestellt und wie genutzt wurde, zählt Flocco auf. „Wir erwarten beispielsweise, dass mittelalterliche Manuskripte, die auf Pergament geschrieben sind, Salz- und Alkali-liebende Mikroorganismen enthalten, die den Prozess ihrer Herstellung wider­spiegeln. Volumina aus Papier hingegen sollten eher cellulolytische und säuretolerante Mikroorganismen beher­bergen. Auch Bereiche des Manuskripts, die häufig von Benutzern berührt werden oder wurden, spiegeln die Herkunft der mikrobiellen Gemein­schaften zum Beispiel von der menschlichen Haut oder dem bukkalen Mikrobiom wider.“

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Mikroben aus Insekten und Luft

Natürlich hinterlassen auch Konservierung und Lagerung ihre Spuren. Umgedreht lassen sich über das Mikrobiom Rückschlüsse auf die Handhabung des Manuskripts ziehen. „Beispielsweise erleichtern Feuchtigkeitswerte oberhalb einer bestimmten Grenze die Entwicklung von Schimmelpilzen,“ erklärt Flocco. Das kommt häufig nach Flutereignissen vor oder aufgrund unzureichender Regulierung der Lagerumgebung. „Das Vorhandensein von Insekten kann Insektendarm-Mikrobiota und -trümmer einbringen, die wiederum als Kohlenstoffquelle für andere Mikroben dienen können“, fügt sie hinzu und ergänzt: „In einigen Fällen und als Teil invasiver Konservierungsverfahren wurden die ursprünglichen Riemen, die die dicken Volumina zusammenhalten, entfernt. Dadurch nimmt das Buch eine konkave Form an, die die Ablagerung von Staub und Luft-Mikrobiota auf seinen Seiten ermöglicht.“

Das Projekt läuft noch bis August 2021. Mindestens ein Ergebnis steht aber jetzt schon fest: Bibliotheken sind mitnichten tote Sammlungen. In ihnen wimmelt es nur so von Leben, mikrobiellem Leben. Und das muss sich nicht immer als Feind erweisen. „Mittel­alterliche Manuskripte können als Lebensraum und als Quelle biologischer Ressourcen betrachtet werden,“ unterstreicht Flocco, „und die Mikroben, die sie beherbergen, als archäologische Elemente und Teil des kulturellen Erbes“.

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 06.05.2019

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