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Wer hat’s geschrieben?

(02.04.2019) Hans Zauner zum Gerangel um Autoren­schaften und Paper-Positionen.
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Als Editor reibt man sich öfter die Augen, wenn zwischen den vielen normalen Manuskripten mal wieder Wunderliches auf dem Schreibtisch landet. Aber dieser „Sternenhimmel“ auf der Titelseite eines Genomik-Manuskripts, frisch eingereicht zur Begutachtung bei einem Open-Access-Journal, war wirklich etwas Neues: Neben den üblichen hochgestellten Zahlen für die diversen Heimstätten der gut zwei Dutzend Autoren zierte die ersten elf Forschernamen noch jeweils ein kleiner Stern. Die Asteriske waren keine Gender-Sternchen, sondern wiesen dezent aber nachdrücklich darauf hin, dass diese elf Genomiker Equal Contributors seien – sich also allesamt „Erstautor“ nennen wollen.

Dass sich zwei oder auch mal drei Autoren die Erstautorschaft teilen – gut, das ist oft verständlich. Beispielsweise dann, wenn einer die Genetik und die andere die Biochemie gemacht hat – und beides gleich wichtig für die Arbeit ist. Aber elf?

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Damit nicht genug, hatten die letzten vier Autoren noch ein kleines hochgestelltes Kreuz, das sie gemeinsam als Corresponding Authors auswies – obwohl für die Rolle des Korrespondenten doch eigentlich eine Person ausreicht.

Am Ende haben die Herausgeber der Zeitschrift nicht herausgefunden, was genau das sollte – und wie es wohl möglich sein könnte, dass elf Autoren jeweils genau gleich viel zu einem (ansonsten nicht sehr umfangreichen) Paper beigetragen haben wollten. Der Wunsch wurde jedenfalls als reichlich exzentrisch abgebügelt.

Nicht nur diese Anekdote macht jedoch klar: Autorschaft ist eine Währung, die Wissen­schaftler in Karriere und Forschungsgeld ummünzen. Und Erster auf der Autorenliste zu sein, zählt eben deutlich mehr, als irgendwo in der Mitte zu schwimmen. In China gibt es mancherorts sogar eine finanzielle Belohnung für jede Erstautorschaft in einem „ordent­lichen“ Journal. Und noch mal extra Kohle für jeden Corresponding Author. Die Equal-Contributor-Sternchen sind da Gold wert – im Wortsinn.

Plötzlich meldet sich einer aus der anderen Gruppe

Aber auch ohne direkte finanzielle Belohnung und Sternchen-Inflation gibt es immer wieder Streit um die Autorenliste. Sei es, weil mehrere Autoren die Pole Position beanspruchen, oder weil sich jemand vernachlässigt fühlt – oder aus irgendeinem anderen Grund. Besonders nervenaufreibend sind diese Querelen, wenn sie erst losgehen, nachdem ein Paper den Begutachtungsprozess überstan­den hat. Der Artikel könnte dann prinzipiell erscheinen, aber manche Autoren karten plötzlich nach: Wer darf ganz nach vorne, und wer bekommt die Ehre, als Letztautor über dem Manuskript zu thronen?

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Auch kommt es durchaus vor, dass plötzlich Leute aus anderen Laboren auf den Plan treten, wenn sie von einer bevorstehenden Veröffentlichung Wind bekommen haben und sich auch noch ein Plätzchen in der Autorenzeile sichern wollen – manchmal, nachdem das Werk schon geschrieben und vielleicht sogar begutachtet ist. Da melden sich tatsäch­lich hin und wieder Kollegen anderer Arbeitsgruppen zu Wort, die in grauer Vorzeit Materialien spendiert hatten – frei nach dem Motto: „Ohne diese Probe wäre das Paper doch gar nicht zustande gekommen, wieso sind wir also nicht mit drauf“?

Und dann will auch noch der Institutschef mit drauf

Und wenn es ganz dumm läuft, hat dann auch der Institutsleiter den Braten gerochen – und erinnert sich, dass er ja durchaus einmal mit den Autoren über das Projekt gesprochen hatte. Und überhaupt: Wer hat denn das alles bezahlt? Die Letztautorschaft muss her, sonst darf das Paper nicht raus.

Gerade letztere Situation – Anekdoten zufolge gar nicht so selten – zeigt, dass beim Publizieren allzu oft das Recht des Stärkeren herrscht. Häufig fahren die Etablierten die Ellbogen aus, und HiWis oder Projekt-Studenten, die sich im Labor die Arme lahm gearbeitet haben, ziehen den Kürzeren. Was ihnen dann bleibt, ist oftmals eine freundliche, aber mehr oder weniger wertlose Erwähnung in den Acknowledgements.

Aber gut jetzt, das soll hier eigentlich kein Rant werden. Sondern vielmehr ein Hinweis, dass es auch anders geht.

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Wer Autor sein darf, und wer nicht – dafür gibt es nämlich sinnvolle Regeln, aufgestellt beispielsweise vom International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE). Das ICMJE vertritt zwar in erster Linie Herausgeber medizinischer Fachblätter. Aber auch viele Journale in nicht-medizinischen Feldern der Lebenswissenschaften orientieren sich an diesen Kriterien – oder an vergleichbaren Statements anderer Verbände. Nur: Unter den Autoren selbst scheinen diese Prinzipien weniger bekannt zu sein als in den Redaktionen der Journale. Stattdessen herrscht bei ihnen häufig das Gesetz des Dschungels.

Also hier noch mal extra für sie: Autor sollte den ICMJE-Kriterien zufolge sein, wer…

  • 1.) ... substanziell zur Konzeption der Arbeit beiträgt oder an der Beschaffung, Analyse beziehungsweise Interpretation der Daten mitwirkt UND ...
  • 2.) ... am Entwurf oder der Bearbeitung des Manuskripts in intellektuell bedeutender Weise mitwirkt UND ...
  • 3.) ... die endgültige Version abgesegnet hat UND ...
  • 4.) ... Verantwortung für die Arbeit übernimmt und auf mögliche Fragen bezüglich der Integrität des Werks reagiert.
  • (Exakter formuliert und mit ausführlichen Erläuterungen kann man die ICMJE-Prinzipien hier im Original nachlesen)

    „Ehrenautoren“ aller Art sind damit selbstverständlich raus. Und Chefs, die nur für das Chef-Sein auf jedem Paper ihrer Arbeits­gruppe stehen wollen, haben demnach auch nichts auf der Autorenliste zu suchen – es sei denn, sie erfüllen alle vier Kriterien. Am Ende der Sätze steht jeweils UND, nicht ODER.

    Eine andere Unsitte wurde vor einigen Jahren unter dem Schlagwort „Research Parasites“ kontrovers diskutiert: Forscher, die einmal einen Datensatz publiziert haben – und dann bei jedem weiteren Paper Koautor sein wollen, in dem eine andere Gruppe deren Daten neu analysiert oder in irgendeiner Form weiternutzt. Auch hier gilt: Die Ersteller der Daten müssen die vier Kriterien für Autorenschaft erfüllen, wenn sie mit auf das neue Paper wollen.

    (Und abgesehen davon: Nein – Forscher, die anderer Leute publizierte Daten analysieren, ohne selbst zu experimentieren, sind keine „Forschungsparasiten“! Aber das ist wieder ein anderes Fass).

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    Was tun bei Projekten mit mehr Autoren als Wörter im Paper?

    Genau so gelten die Anforderungen an den Autorenstatus allerdings auch umgekehrt für Mitarbeiter, die technische Hilfe leisten – zum Beispiel Gele fahren, Platten aus­streichen oder Sequenzierer bedienen. Publizierwillige HiWis, TAs, Studenten und sonstige Laborpraktiker sollten daher aufpassen, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden, wenn es ans Veröffentlichen geht. Wer beispielsweise als HiWi mit auf dem Paper stehen will, sollte das am besten gleich zu Anfang eines Projekts besprechen – und dann auch beim eigentlichen Entwurf des Manuskripts mitarbeiten. Sonst könnten die anderen Autoren den fleißigen Mitarbeiter am Ende doch in die Acknowledgements verbannen – mit Verweis: „War ja nur rein technische Hilfe.“

    Und dann gibt es ja noch diese Mammutprojekte, an denen beinahe mehr „Autoren“ mitwirken als letztlich Worte im Paper stehen – wie etwa nicht selten der Fall in Genomik oder Teilchenphysik. Wie hier die geforderte „substanzielle Mitarbeit“ aller Autoren in der Praxis überhaupt aussehen kann, sei mal dahingestellt.

    Die ICMJE-Regeln, oder vergleichbare Regeln anderer Verbände, lösen natürlich nicht alle Streitfragen. Was genau ein substan­zieller Beitrag ist und wer letztlich den größten Batzen geleistet hat, all dies müssen die Beteiligten im Einzelfall aushandeln.

    Aber die Prinzipien des ICMJE sind Leitpfosten, um zu einer fairen Besetzungsliste für das Opus zu kommen. Der Clou für ein entspanntes Paperschreiben ist dabei die frühe Kommunikation. Wer kommt mit aufs Paper, wer wird Erstautor, wer wird der „Korres­pondent“? All das sollte rechtzeitig geklärt werden – lange, bevor die ersten Worte in den Computer gehackt werden.

    An der eigentlichen Ursache, wieso Diskussionen über Autorenschaft oft so unent­spannt verlaufen, können jedoch auch die ICMJE-Regeln nichts ändern. Forschungs­förderer und diejenigen, die über Karrieren entscheiden, müssten sich dazu vielleicht von der überdimensionierten Bedeutung lösen, die sie dem Research Paper zukommen lassen. Gäbe es stattdessen eine größere Vielfalt beim Bewerten von Forscher­leistungen, könnte man zum Beispiel auch für das Bereitstellen von Datensätzen direkten Credit vergeben – unabhängig von der Publikation eines Papers. Oder für das Programmieren von Software, oder für das Erstellen von Datenbanken und Lehrmate­rialien,…

    Dann könnten sich die Forscher vielleicht so manches peinliche Gerangel um Autoren­listen sparen.

    Hans Zauner



    Letzte Änderungen: 02.04.2019

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