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Virus meets siRNA

(07.03.2019) In Deutschlands Süden basteln die Mitarbeiter von Sirion Biotech an effizienten und spezifischen viralen Vektoren, um Gentherapien sicherer zu machen.
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Maskottchen des Heinrich-Pette-Instituts: Adenovirus Günni

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Laborjournal fragt: Warum heißt Ihre Firma Sirion Biotech? Rede und Antwort steht Christian Thirion, Mitgründer, Chemiker und Aushängeschild.

Herr Thirion, laut Sirion-Webseite sind Sie sowohl CTO als auch CEO ebenso wie Mitgründer der Firma. Was genau sind Ihre Aufgaben, und wie sind Sie Firmengründer geworden?

Christian Thirion: Ich habe Chemie und Biochemie in München studiert, gefolgt von einer Doktorarbeit am Genzentrum in München. Nach einem kurzen Postdoc in Ulm kehrte ich zurück an die LMU [Ludwig Maximilians Universität München]. Bei Sirion bin ich so etwas wie der General Manager, kümmere mich aber insbesondere auch um Kooperationen. Sagen Sie einfach, ich bin das Aushängeschild der Firma. [lacht] Aber Sie wollen doch bestimmt eher etwas zur Grün­dungsgeschichte erfahren, oder?

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Erinnern Sie das letzte Mal, als Sie nach einer gewissen Probe in einem dieser ULT-Ge­frier­schrän­ke suchten? mehr

Aber gerne doch!

Thirion: Die Umgebung im Münchner Genzentrum war zur Zeit meiner Doktorarbeit unglaublich inspirierend, mit einem Fokus auf interdisziplinäre und gleichzeitig sehr angewandte Forschung. Besonders sind Horst Domdey und Ernst-Ludwig Winnacker zu nennen, die bewusst die moderne Biotechnologie in Richtung translationale Forschung und Unternehmensgründung lenkten und zum unternehmerischen Denken ermutigten. Dieser unternehmerische Geist führte zu Gründungen von Firmen wie Medigene oder Morphosys im Münchner Umfeld. Das hatte mich damals geprägt und motiviert, die angewandten Aspekte viraler Vektoren zu erforschen, sprich Gene in Zellen und Organe zu schleusen, damit sie dort eine therapeutische Funktion ausüben.

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Aushängeschild Christian Thirion. Credit: Sirion Biotech

Dann waren Sie aber erst noch in Ulm, wie Sie sagten?

Thirion: Ja, während meiner Postdoc-Zeit am gentherapeutischen Institut von Stefan Kochanek habe ich mit adenoviralen Vektoren gearbeitet. Dort habe ich auch Lars Behrend getroffen, mit dem gemeinsam die Idee zu Sirion entwickelt wurde, eine Kombination aus viralen Vektoren mit der damals neuen Technologie der RNA-Interferenz. So kam übrigens auch der Unternehmensname zustande, Sirion. Das ist eine Mischung aus siRNA und Virion, also Viruspartikel. Der Vorschlag stammte von Lars Behrend. Mit meinem Nachnamen, Thirion, hat das nichts zu tun, auch wenn es vielleicht nahe liegt. [lacht]

Können Sie das zeitlich einordnen? War das schon im Jahr 2005, dem Jahr der Gründung?

Thirion: In etwa, die Firma wurde im Dezember 2005 gegründet, nachdem wir zuvor die Idea-stage des Münchner Business-Plan-Wettbewerbs gewonnen hatten. Aber bis zu den ersten Firmen­aktivitäten verging noch einige Zeit. Das alles war ein großes Wagnis, denn wir hatten keine Patente, die wir mitnehmen konnten. Erste Gelder kamen aus der Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft, 2007 dann die Finanzierung durch den Hightech-Gründer-Fonds. Letzten Endes sind wir mit einem Service-Geschäftsmodell gestartet, weil es zu dieser Zeit unmöglich war, eine Finanzierung für therapeutische virale Vektoren zu bekommen.

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Warum war das der Fall?

Thirion: Einerseits war um die Jahrtausendwende die Neue-Markt-Blase geplatzt, weshalb nur sehr wenig Venture Capital für Start-ups zur Verfügung stand. Andererseits gab es zu dieser Zeit Rückschläge im Zusammenhang mit gentherapeutischen Studien. Sie erinnern sich vielleicht an Jesse Gelsinger? Er starb 1999 nach der Behandlung mit einem adeno­viralen Vektor, der zu immunogen war. Erst eine Dekade später, im Jahr 2011, veröffent­lichte zum Beispiel Adrian Thrasher vom University College London wieder eine erfolg­reiche Gentherapie-Studie mit sicheren lentiviralen Vektoren der dritten Generation, und 2012 erhielt uniQure die erste Zulassung für ein AAV-Präparat [AAV = adeno-assoziierte Viren].

Was unterscheidet Ihre Firma von anderen Herstellern viraler Vektoren?

Thirion: Sirion stellt hoch-spezifische Virusvektoren her, und das erreichen wir vor allem durch Kollaborationen mit spezialisierten akademischen Forschungsgruppen. Wir arbeiten mit Teams zusammen, die sich auf Forschung und Entwicklung konzentrieren können. Das sind oft Pioniere auf ihrem Gebiet. Wir haben in den vielen Jahren der Arbeit mit unter­schiedlichen Virusvektoren gelernt, neue Eigenschaften gezielt zu analysieren und die molekulare Zusammensetzung von Virus­produktionen zu verstehen, Aspekte wie Produktivität und Reinheit, aber auch Skalierbarkeit. Wir haben also Prozesse etabliert, die hochreine und bestens charakterisierte Virusvektor-Präparationen gewährleisten. Damit ist unser Qualitätsstandard sehr hoch, ein wichtiges Argument bei der Produktion therapeutischer Vektoren für Industriepartner.

Sie sprechen Kooperationen an: Gemeinsam mit der US-amerikanischen Firma Acucela testen Sie virale Vektoren im Zusammenhang mit Retinitis pigmentosa. Erläutern Sie das bitte.

Thirion: Es geht darum, hoch-spezifische AAV-Vektoren zu entwickeln, die nur einen ganz bestimmten Zelltyp in der Retina erreichen. Hierfür verändern wir die Virushülle und als Folge die Aufnahme-Mechanismen der Viren. Das kann man sich so vorstellen, dass durch die Veränderung der Virusoberfläche neue spezifische Bindungen zu Zelltyp-spezifischen Oberflächen­molekülen induziert werden. Dies erreichen wir mithilfe der AAV-Evolutions­technologie, beginnend mit einer Bibliothek bestehend aus mehreren Millionen Varianten. Wir isolieren dann die Zielzellen und können mit Hilfe von Next Generation Sequencing neue AAV-Varianten identifizieren.

Werden momentan Projekte Ihrer Firma in klinischen Studien getestet?

Thirion: Sirion führt aktuell keine eigenen klinischen Studien durch. Aber eine weitere Technologie der Firma ermöglicht, dass die Aufnahme viraler Vektoren in therapeutische Zellen verbessert wird. Das geht mit unserem Transduk­tionsver­stärker LentiBOOST. Diese Technologie ermöglicht eine effiziente Modifikation von hämatopoetischen Stammzellen, welche im Zusammenhang mit Immun-Gendefekten wie SCID [Severe Combined Immunodeficiency, Sammelbegriff für verschiedene angeborene Immundefekte] klinisch eingesetzt werden. Einer unserer Lizenznehmer konnte sein Produkt unter Nutzung unserer Technologie erfolgreich in einer klinischen Phase III testen und hat Ende 2018 einen Antrag bei der EMA [European Medicines Agency] auf Zulassung gestellt.

Die Fragen stellte Sigrid März

    Steckbrief Sirion

  • Gründung: 2005, seit 2007 operativ tätig
  • Sitz: Martinsried
  • Mitarbeiter: 28
  • Produkt: virale Vektoren und Vektortechnologien


Letzte Änderungen: 07.03.2019

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