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„Deutschland hat noch großen Aufholbedarf“

(22.01.2019) Wie steht‘s um die personalisierte und digitale Medizin in Deutschland? Nicht gut, sagt Roland Eils, Leiter des Zentrums für Digitale Gesundheit in Berlin.
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Laborjournal: Im Vereinigten Königreich ist die Sequenzierung ganzer Genome seit Oktober 2018 Bestandteil der genetischen Routine-Diagnostik. Kann Deutschland da mithalten?

Roland Eils: Insgesamt gesehen hat unser Land bezüglich der Genom-Sequenzierung in der Krankenversorgung sicherlich noch Aufholbedarf, vor allem außerhalb der Universitätskliniken. Noch größerer Aufhol­bedarf herrscht bei international verknüpften klinischen Genom-Sequenzie­rungsstudien. Was die Krebsforschung angeht, haben wir im Rahmen des International Cancer Genome Consortiums (ICGC), das die genetischen Veränderungen in Krebsgenomen untersucht, bei kindlichen Hirntumoren, dem malignen Melanom und früh einsetzendem Prostatakrebs eine führende Rolle gespielt. In Zusam­men­arbeit mit Peter Lichter vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Stefan Pfister vom DKFZ und vom Universitätsklinikum Heidelberg haben wir beispielsweise ein besseres Verständnis für kindliche Hirntumore gewonnen und neue Therapieformen für die Patienten ermöglicht. Leider ist Deutschland bei der Fortführung des ICGC bislang nicht mehr beteiligt.

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Wie werden die Ergebnisse der Genom-Medizin validiert, bevor sie zur Behandlung von Patienten angewendet werden?

Eils: Während meiner Zeit am DKFZ in Heidelberg haben wir die Genom-Sequenzierung innerhalb von Studien zur personalisierten Onkologie etabliert. Die Sequenzdaten aus dem Labor mussten allerdings durch Verfahren, die für die klinische Anwendung zugelassen sind, bestätigt werden, um in der Routine-Krankenversorgung eingesetzt werden zu können. Laufende klinische Studien, beispielsweise zu PARP-Inhibitoren oder Immun­therapien, sollen zeigen, ob die Behandlungsergebnisse, die wir mithilfe der Genom-Sequenzierung erzielen, vergleichbar oder besser sind als die, die wir ohne sie erreichen.

Welche Strukturen und Förderinstrumente braucht es in Deutschland, um für Patienten das Potential von Genom-Analysen weiter zu erschließen?

Eils: Wir benötigen ein Förderprogramm, um uns an den klinischen Phasen der Initiative ICGC-ARGO (Accelerating Research in Genomic Oncology) beteiligen zu können. Wenn wir das unterlassen, werden wir bei den internationalen klinischen Studien an Krebspa­tienten auf der Basis von Genom-Daten abgehängt. Dass wir hier ohne Not eine interna­tionale Führungsposition in der Krebs-Genomsequenzierung aufgeben, ist ein Skandal.

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Wie wollen Sie am BIH die digitale Medizin voranbringen?

Eils: Wir möchten in der Modellregion Berlin flächendeckend Daten aus der Patienten­versorgung mit Forschungsdaten verknüpfen, um krankheitsrelevante Prozesse besser zu verstehen und am Ende verlässlichere Diagnosen zu erhalten. Am DKFZ und der Universität in Heidelberg haben wir dazu bereits erste Erfahrungen gesammelt. In Berlin möchten wir nun Gesundheitsdaten – also nicht nur Genomsequenzen, sondern auch Befunde, Laborwerte und Bilddaten – in einer strukturierten Weise einheitlich und standardisiert erfassen, einordnen und auswerten. Dazu brauchen wir eine entsprechend ausgestattete elektronische Patientenakte und die Beteiligung der Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte.

Haben Sie dabei weitere Kooperationspartner?

Eils: Wir profitieren bei diesem Vorhaben von Erfahrungen aus der Medizininformatik-Initiative HIGHmed, an der acht Universitätskliniken und weitere Partner aus Industrie und öffentlicher Forschung beteiligt sind. In den USA, Skandinavien und Österreich ist die elektronische Patientenakte bereits eingeführt. In Deutschland wird sie voraussichtlich 2020/2021 kommen. Allerdings brauchen wir für Forschungszwecke eine komplexere Version, die nicht nur Dokumente zusammenführt, wie bislang geplant.

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Wie gehen Sie mit dem Datenschutz und dem informationellen Selbstbestimmungsrecht der Patienten um?

Eils: Die Datenschutzgrundverordnung ist für uns hilfreich, da sie uns ermöglicht, Daten aus der Krankenversorgung für die Forschung zu verwerten. Im Rahmen der Medizin­informatik-Initiative stehen wir in Kontakt mit Datenschützern in allen Bundesländern. Der Arbeitskreis der Landesdatenschützer hat unseren Vorschlag einer Patienten-Einver­ständniserklärung bereits positiv beurteilt. Nun müssen noch die Ethik-Kommissionen einbezogen werden. Unsere Konzepte entwickeln wir auch in engem Kontakt mit Patienten-Organisationen, um die Wünsche der Patienten von Anfang an berücksichtigen zu können. Bei schweren Erkrankungen ist die Bereitschaft der Patienten groß, ihre Daten für die Forschung zur Verfügung zu stellen.

Was möchten Sie als nächstes angehen?

Eils: Wir möchten in der Region Berlin für verschiedene Krebserkrankungen sowie für die Herzinsuffizienz den Aufbau einer flächendeckenden datenbasierten Krankenversorgung unterstützen. Wir wollen zudem prüfen, inwieweit sich Daten, die Patienten selbst mithilfe von Geräten erheben, in der Krankenversorgung einsetzen lassen, zum Beispiel um kardiologische Ereignisse vorhersagen zu können. Bisher sind die Daten noch sehr verrauscht. Daher ist bei der Standardisierung und Qualitätssicherung der Datenerhebung noch erhebliche Grundlagenarbeit zu leisten.

Die Fragen stellte Bettina Dupont

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Letzte Änderungen: 22.01.2019

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