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Hart, weich oder gar nicht?

(04.10.2018) Obwohl eine Einigung zwischen UK und EU noch in weiter Ferne ist, bereiten sich Biotech-Firmen auf mögliche Zölle und Zulassungs­schwierigkeiten vor.
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Am 23. Juni 2016 verstanden rund 16 Millionen Briten die Welt nicht mehr. Nach hartem Kampf hatten die Remain-Befürworter das Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union knapp verloren. Die neue Regierung unter Theresa May ließ sich (bisher) auch nicht mehr davon abbringen, den Brexit bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Und bitter könnte es tatsächlich werden. Denn bislang konnte man sich mit der EU nur auf eins einigen, den Austrittstermin: Am 29. März 2019 hat die EU ein Mitglied weniger.

Alles andere ist noch immer Verhandlungssache. Analysten haben sechs mögliche Szenarien für die Handelsbeziehungen zwischen EU und Großbritannien skizziert. Vorstellbar wäre demnach ein Freihandelsabkommen nach CETA-Vorbild oder das Schweizer Modell mit zahlreichen bilateralen Abkommen. Momentan stehen die Zeichen allerdings eher auf „harter Brexit“, ohne Übereinkommen. Das würde Großbritannien zu einem sogenannten Drittland machen, für das vor allem beim Handel, aber auch beim Datenschutz, besondere Regeln gelten.

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Ein wichtiger Markt

Ob es tatsächlich zum „harten“ Abgang kommt, ist ungewiss. Mitte Oktober wollen sich die beiden Parteien während eines EU-Gipfels erneut zusammensetzen. In der Zwischenzeit steigt die Verunsicherung bei Firmen und Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals jedoch weiter an, denn Planungssicherheit gibt es nicht. Auch nicht für Unternehmen der deutschen Medizintechnik-, Labor- und pharmazeutischen Industrie, die intensive Handelsbeziehungen mit Großbritannien pflegen. „Großbritannien ist für (uns) ein wichtiger Markt“, teilt uns beispielsweise Ulrich Krauss, Geschäftsführer von Analytik Jena, mit. „Insgesamt sind wir (dort) gut aufgestellt, bewegen uns in einem attraktiven Marktumfeld im Bereich der Laboranalyse und Laborautomation mit wachsendem Bedarf“.

Laut einer Statistik von SPECTARIS, dem Deutschen Industrieverband für optische, medizinische und mechatronische Technologien, gehört Großbritannien zu den Top 5 wichtigsten Exportländern für die von ihm vertretenen Branchen. Im letzten Jahr wurden Waren im Wert von 3,2 Milliarden Euro nach UK exportiert. In der chemisch-pharmazeutischen Industrie sieht es laut Verband der chemischen Industrie (VCI) ähnlich aus. Der Exporterlös nach UK belief sich „nach vorläufigen Daten“ auf 10,7 Milliarden Euro. Den Großteil machten Spezialchemikalien und Pharmazeutika aus.

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Zölle und Lizenzen

Was könnte also im Falle eines „harten“ Brexit auf Biotech-Firmen in Europa, in Deutschland, zukommen? Da gibt es gute und sehr viel mehr schlechte Nachrichten. Die gute: für den Export von Waren in ein Drittland (was UK dann ja wäre) fielen keine Umsatzsteuern an. Dafür muss sich der Exporteur/Importeur mit diversen Lizenzen und Zöllen rumschlagen. Eine Einfuhrumsatzsteuer käme noch obendrauf. „Sollte die britische Regierung etwa Chemie- und Pharmazölle auf Höhe der heutigen EU-Außenzölle einführen, würden jährliche Zollzahlungen von circa 200 Millionen Euro (...) anfallen“, heißt es beim VCI. Und weiter: „Durch einen unkontrollierten Brexit dürfen alle chemischen Stoffe, die im Vereinigten Königreich für den Vertrieb in der EU registriert wurden, unmittelbar nicht mehr ohne Weiteres in der EU verkauft werden. Das hätte gravierende Auswirkungen auf die Lieferketten.“

Noch kostspieliger und zeitaufwändig könnte es bei der Marktzulassung neuer Medizinprodukte und Medikamente werden. Schlimmstenfalls müsste sowohl für die EU als auch für Großbritannien eine separate Zulassung beantragt werden. Wichtig auch, der Antragsteller und Zulassungsinhaber muss sich auf EU-Gebiet befinden. Derzeit benötigen ca. 400 UK-Medikamente einen Zulassungstransfer auf das EU-Festland. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) befürchtet sogar einen Engpass bei der Versorgung der EU mit bestimmten zentral zugelassenen Arzneimitteln – weil Firmen die Ummeldung und Neuorganisation nicht rechtzeitig schaffen. Unter den fraglichen Medikamenten sind derzeit 25 humanmedizinische Präparate und 14 aus der Tiermedizin. Die EMA selbst hat ihre Konsequenzen aus der Brexit-Ungewissheit bereits gezogen – ab 30. März 2019 ist sie nicht mehr in London, sondern in Amsterdam beheimatet.

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Entspannte Sicht

Der EU-Austritt Großbritanniens wird also kein einfacher sein. Weder für UK noch für die EU. Analytik Jena-Boss Krauss sieht die ganze Situation jedoch etwas entspannter, auch angesichts aktueller Zahlen. „Wir beobachten die Entwicklungen rund um die Brexit-Themen, insbesondere was mögliche Importsteuern, Zölle oder Zollabwicklungen angeht, mit der notwendigen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, sehen zum heutigen Zeitpunkt allerdings noch keine direkten Auswirkungen auf die Geschäftslage“, lässt er uns wissen.

Dennoch wird es die ein oder andere Veränderung im Unternehmen geben. Krauss:„Von England aus haben wir bisher Logistikprozesse für den in den USA hergestellten Teil unseres Produktportfolios für den europäischen Markt gesteuert“. Die entsprechenden Strukturen sollen nun angepasst werden, um die Vertriebspartner zukünftig noch direkter bedienen zu können. Auch wird man künftig in Großbritannien nur noch von einem Firmenstandort aus operieren, derzeit sind es mit Ultra-Violet Products und CyBio Northern Europe zwei. Man wolle, so Krauss, die Vertriebsaktivitäten in Großbritannien sogar noch ausbauen und gleichzeitig effizienter gestalten. „Die Folgen eines ‚harten‘ Brexits sind noch nicht abzusehen“, sagt er und sichert auch „unter geänderten Rahmenbedingungen“ bestmögliche Kundenbetreuung zu.

Wie die Gespräche zwischen der EU und Großbritannien letztlich ausgehen werden, bleibt spannend. Vielleicht kommt es doch noch in letzter Sekunde zu einem neuen Referendum mit umgekehrtem Ergebnis. Dann war alle Aufregung umsonst – aber etliche Unternehmen und Bürger dürften erleichtert aufatmen.

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 04.10.2018

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