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Der richtige Umgang

(27.08.2018) Psychoterror und Diskriminierung – zwei Fälle erschüttern derzeit die Max-Planck-Gesellschaft. Was kann man dagegen tun? Das MPG-eigene Dokto­randen-Netzwerk hat ein paar Ideen.
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Was ist derzeit nur bei der Max-Planck-Gesellschaft los? Im Juni macht Buzzfeed erniedrigende und rassistische Mails der Astrophysikerin Guinevere Kauffmann vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching publik. Kaum zwei Monate später berichten ehemalige und aktuelle Kollegen von Tania Singer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig in Science über „emotionalen Missbrauch, Drohungen, Abwertung der eigenen Arbeit und des persönlichen Könnens“.

Machtmissbrauch macht offensichtlich auch vor der Wissenschaft nicht halt – und die MPG gibt unerfreulicherweise bei der Aufarbeitung und Bewältigung gerade keine sehr gute Figur ab. „Ich hatte gehofft, dass sie die Probleme an ihren Instituten ernst nehmen und nicht nur im Sinne ihrer Direktoren, sondern auch im Sinne ihrer Angestellten handeln. Jede Entscheidung wurde jedoch in die Länge gezogen, die Kommunikation war nicht transparent und von oben herab und dann wurde eine Lösung präsentiert, die hauptsächlich eine Lösung für Tania war“, erzählt ein Informant dem Science-Magazin. Seit Anfang des Jahres ist Singer beurlaubt – voraussichtlich bis Ende des Jahres. Kauffmann muss seit den Vorwürfen an einem „Coaching“ teilnehmen.

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Task Force untersucht

Sind diese Sanktionen ausreichend? Die meisten Betroffenen sind sicher anderer Meinung, auch weil die MPG mit einem härteren Durchgreifen ein klares Zeichen gegen Mobbing hätte setzen können. Diese Chance wurde vertan. Man kann jedoch versuchen, weitere Fälle zu verhindern. Damit das gelingt, hat MPG-Präsident Martin Stratmann eine Task Force eingesetzt. „Aufgabe ist es, den Status Quo und die Prävalenz von Mobbing und sexualisierter Gewalt in der MPG mittels einer Umfrage zu erheben, Empfehlungen für Maßnahmen zu entwickeln und die existierenden Reporting- und Schlichtungssysteme zu evaluieren“, erläutert Jana Lasser, Doktorandin am Max Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen und Mitglied der Task Force.

Unter anderem wird in der Arbeitsgruppe auch das Positionspapier „Machtmissbrauch und Konfliktlösung“ des MPG-Doktoranden-Netzwerks PhDnet diskutiert, an dem Lasser mitgeschrieben hat. Die Doktoranden sehen den Missbrauch von Macht in der Wissenschaft als „strukturelles Problem des aktuellen Wissenschaftssystems“, welches oftmals von steilen Hierarchien, vielseitigen (akademischen und administrativen) Abhängigkeiten von Doktoranden und enormem Publikationsdruck geprägt ist. Hinzu kommt, dass Führungspersonen ihrer verantwortungsvollen Aufgabe manchmal einfach nicht gewachsen sind.

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Raus aus der Abhängigkeit

Abhilfe kann jedoch geschaffen werden. Und so schlagen die Doktoranden beispielsweise vor, dass Doktoranden nicht von Einzelpersonen angestellt werden, sondern dass das ganze Institut deren Finanzierung und Betreuung sicherstellt. Ebenso könnten flächen­deckende Promotionskomitees das enge Abhängigkeitsverhältnis auflockern. Auf Seiten der Betreuer wären verpflichtende Führungstrainings ein probates Mittel. Selbstredend muss Fehlverhalten adäquat sanktioniert werden. So könnte bei besonders schweren Vergehen ein Betreuungsverbot ausgesprochen werden.

„Wir haben das Thema ‚Konfliktlösung‘ seit Anfang des Jahres auf unserer Agenda und schon vor den beiden Fällen daran gearbeitet. Wir haben das auch bei unserem jährlichen Treffen mit dem Präsidenten im April angesprochen. Nach dem Fall am MPI für Astro­physik haben wir angefangen, an einem Positionspapier zu arbeiten, das wir im Laufe des Jahres ohnehin veröffentlichen wollten. Der Fall rund um das MPI in Leipzig war dann ein guter Zeitpunkt, das zu tun“, erklärt Lasser die Entstehungsgeschichte das Papiers. Sie und ihre Mitstreiter, erwarten, dass es „ernsthafte Bemühungen in Richtung Umsetzung gibt“.

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Offenes Ohr für Probleme

Unterdessen übernimmt auch das PhD-Netzwerk eine wichtige Rolle bei der Konflikt­bewältigung, wie uns Lasser berichtet. „Viele Promovierende wenden sich mit Problemen und Anliegen an uns und wir vermitteln zwischen ihnen und der General­verwaltung. Das wollen wir in Zukunft ausbauen und eventuell auch etwas mehr formalisieren. Wir informieren auch intensiv über unsere Tätigkeiten und planen eine gezielte Informa­tionskampagne zu Konflikt­lösungs­instrumenten der MPG“.

Zurück zu Kauffmann und Singer. Etwas ungewöhnlich ist, dass hier zwei Wissenschaft­lerinnen des Machtmissbrauchs angeklagt werden. Ein Anzeichen für den besonderen Druck unter dem Frauen in der Wissenschaft stehen? „Ich habe viel über führende Frauen in der Wissen­schaft zu sagen, wie sehr sie unter Beschuss stehen,“ schrieb Kauffmann etwa im Sommer auf Buzzfeed-Anfrage. Jedoch, zwei Fälle sind noch lange nicht ausreichend, um eine „belastbare Aussage zu treffen“ konstatiert Lasser.

Kein Einzelfall

Lässt man den Blick allerdings etwas weiter schweifen, tauchen mehr Beispiele auf. In England wird der Krebsforscherin Nazneen Rahman vorgeworfen, ihre Mitarbeiter jahrelang gemobbt und schikaniert zu haben. Und auch in der Schweiz, am ehemaligen Institut für Astronomie der ETH Zürich, offenbarte eine Professorin wiederholt „ungenü­gendes Führungsverhalten“, wie es die Hochschule etwas vornehmer ausdrückt. „Falls sich herausstellen sollte, dass es eine Häufung solcher Fälle bei Frauen in Führungs­positionen gibt, muss man sich darüber noch einmal gezielt Gedanken machen. Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich es aber für grob fahrlässig, über Trends zu spekulieren“, sagt Lasser.

Ob Machtmissbrauch nun von Frauen oder Männern ausgeht, bekämpfen muss man ihn allemal. In England hat sich der Wellcome Trust als größter Forschungsförderer des Landes mit seiner neuen „Policy on bullying and harassment“ bereits eindeutig positioniert. Kürzlich entzog er Nazneen Rahman eine bereits zugesagte Förderung in Höhe von 3,5 Millionen Pfund und sperrte sie für zwei Jahre. Die American Association for the Advancement of Science, AAAS, verkündete auf Twitter, dass sie momentan ebenso über eine neue „revocation policy“ für ihre Fellows berät. Zieht die MPG nach?

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 27.08.2018

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