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Raus aus der Wissenschaft, rein in die Wirtschaft (2)

(16.08.2018) Im zweiten Teil unserer Serie sprachen wir mit Soziologin Vivien Iffländer über die Verwertungsneigung von Akademikern und darüber, ob Frauen anders gründen als Männer.
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Vivien Iffländer

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„Wir brauchen mehr Tempo in der Anwendung“ forderte die neue Forschungs­ministerin Anja Karliczek kürzlich bei der Vorstellung des Bundesberichts Forschung und Innovation 2018. Noch nie wurde in Deutschland so viel in die Forschung investiert wie heute. Doch was passiert mit den in der Forschung generierten Ideen und Ergebnissen? Wie werden diese in Wissen­schaft, Wirtschaft und Gesellschaft verwertet? Am Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) in Berlin wurde jetzt das mit 1,3 Millionen Euro durch das BMBF geförderte Projekt „Gender und Verwertung“ mit einer Ergebnis­konferenz erfolgreich abgeschlossen. Im Fokus standen dabei unter anderem Ausgrün­dungen aus Hochschulen und Forschungs­einrichtungen sowie genderspezifische Unterschiede im Wissens- und Technologietransfer. Projektleiterin Vivien Iffländer gab uns Auskunft.

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Laborjournal: Wie kamen Sie persönlich zum Projekt?

Vivien Iffländer: Bereits in meinem Soziologie-Studium beschäftigte ich mich intensiv mit den Vorteilen von Diversity für Organisationen. Diesen Forschungs­schwerpunkt konnte ich während meiner Arbeit am Fraunhofer CeRRI weiter vertiefen und freute mich sehr, am Projekt „Gender und Verwertung“ mitwirken zu können.

Was war die Motivation für das Projekt?

Iffländer: Gelungener Wissens- und Technologie­transfer ist essenziell für die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit nationaler Innovations­systeme. Dazu gehört unter anderem wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen, die technologische Leistungs­fähigkeit der Wirtschaft zu steigern und Arbeitsplätze zu sichern. Insbesondere an Unternehmens­gründungen aus Forschungs­einrichtungen hat man hierbei große Erwartungen. Jedoch ist die Forschungs­verwertung durch Unternehmens­gründungen in Deutschland trotz zahlreicher Unterstützungs­programme eine bisher wenig genutzte Variante: Laut Angaben des BMBF werden nur etwa 5% aller Gründungen aus Hochschulen und Forschungs­organisationen heraus unternommen. Hinsichtlich des Frauenanteils gibt es hier nur wenige Daten. Eine Studie aus 2008 von Metzger et al. zeigte, dass nur 8% der Gründungen im High-Tech-Sektor durch Frauen erfolgten. Frauen scheinen somit in der Forschungs­verwertung bisher deutlich unterrepräsentiert zu sein. Um diese ungenutzten Potenziale zu erschließen, war es unser Ziel, Methoden zu entwickeln, um die Verwertungsneigung von Wissenschaftlern und insbesondere Wissenschaftlerinnen im deutschen Wissenschafts­system zu steigern und so den Wissens- und Technologie­transfer allgemein zu stärken.

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Was waren zentrale Fragestellungen?

Iffländer: Wir stellten drei Leitfragen: Wie unterscheiden sich Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler hinsichtlich Motivation und Zielsetzung bei Verwertungs­aktivitäten? Wie können unterschiedliche Perspektiven in Transferprozesse integriert werden? Wie können erfolgver­sprechende Ansätze internationaler Forschungs­einrichtungen auf den Transfer im deutschen Wissenschafts­system übertragen werden?

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Iffländer: Wir konnten übergreifende Erfolgsfaktoren für den Transfer identifizieren, die bisher in deutschen Forschungs- und Transfer-Einrichtungen recht unterschiedlich verankert sind. Auf Ebene der Forschungs-Einrichtungen sind dies die Festschreibung von Transfer im Organisations­leitbild, das Vorhandensein belastbarer Netzwerke, die Schaffung von Anreizen für Gründungs­aktivitäten sowie die Etablierung einer Gründungskultur, die Gründungs­aktivitäten wertschätzt. Auf Ebene der Transfer-Einrichtungen haben sich die Bündelung aller Transferkanäle in einer Einrichtung, die interdisziplinäre Zusammensetzung der Transfer-Verantwortlichen, die frühzeitige Förderung des Gründungs­gedankens, die Transparent­machung des Gründungs­prozesses und das aktive Scouting von Transferideen als Erfolgsfaktoren herauskristallisiert.

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Ebenso untersuchten Sie die Motivation für die Gründungen? Gab es hier überraschende Erkenntnisse?

Iffländer: Überraschend war, dass die identifizierten Geschlechter-Unterschiede doch so deutlich sind. So ergab unsere Analyse, dass Wissenschaft­lerinnen eher durch idea­listische Motive getrieben sind. Sie verwerten ihre Forschung insbesondere mit dem Ziel, die Forschungs­ergebnisse in die Anwendung zu überführen, um ihre Forschung nicht vergeudet zu sehen und eine Wirkung in der Gesellschaft zu erzielen. Finanzielle Anreize spielen eine untergeordnete Rolle und wurden häufiger ungefragt verneint. Hingegen sind für Wissenschaftler vorrangig Motive, die die persönliche Weiterentwicklung und finanzielle Aspekte betreffen, handlungsleitend. Idealistisch geprägte Motive, die das gesellschaftliche Gemeinwohl adressieren, findet man hier eher selten.

Sind Männer die besseren Verwerter?

Iffländer: Unsere Forschungs­ergebnisse zeigen, dass die aktuelle Gründungslandschaft bisher kaum weiblich geprägte Gründungsmotive adressiert und finanziert. Darüber hinaus besteht beispielsweise der Mythos, dass Gründung und Familienleben nicht miteinander in Einklang zu bringen seien. Demnach bedarf es gender-sensibler Kommunikations­strategien und heterogener Vorbilder, die Wissenschaft­lerinnen in der Gründungsszene einen sichtbaren Platz einräumen. Der Innovations­gehalt weiblicher Gründungen unterscheidet sich nämlich nicht von dem männlicher Gründungs­vorhaben, wie ein Blick auf die geschlechts­spezifische Leistungs­fähigkeit im Unternehmertum allgemein zeigt.


Analyse von Transferstrukturen zur Stärkung der Verwertungsaffinität von Wissenschaftlern. Credit: Fraunhofer CeRRI

Gründen Frauen anders? Bedürfen Sie einer anderen Unterstützung?

Iffländer: Innerhalb des Projekts äußerten Männer und Frauen unterschiedliche Herausforderungen: Während Frauen einen Mangel an Zeit, finanziellen und Human­ressourcen sowie den fehlenden Austausch mit Gleichgesinnten als herausfordernd empfanden, äußerten männliche Gründer häufiger, dass sie die Entwicklung ihrer Geschäftsideen und -konzepte, die Interaktionen mit externen Akteuren, das fehlende Netzwerk und die Aufrecht­erhaltung einer Gründungs­mentalität als Herausforderung empfanden. Überraschend war, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ebenfalls überwiegend von Männern als herausfordernd benannt wurde.

Was sind zentrale Handlungs­empfehlungen, die Sie aus dem Projekt ableiten?

Iffländer: Das fehlende Bewusstsein der Forschenden für Transfer­optionen ließ sich im Rahmen des Projekts als zentrale Hürde identifizieren. Um diesem entgegenzuwirken und Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler frühzeitig für die Relevanz der Nutzung ihrer Forschungs­ergebnisse für die Gesellschaft aufmerksam zu machen und Karrierepfade in Richtung Unternehmertum aufzuzeigen, sollten Forschungs­einrichtungen verbindliche Programme und Instrumente zur Sensibilisierung für Transfer einführen. Beispiele für Sensibili­sierungsformate sind das Tool „Transfer entdecken“ sowie Formate, die Forschenden ermöglichen, Lösungen für Transfer-freundliche Rahmen­bedingungen im Wissenschafts­alltag zu entwickeln (Workshop „Transfer neu denken“), sie zur allgemein­verständlichen Wissenschafts­kommunikation ihrer Forschung befähigen (Workshop „Prototype your Research“), ihnen helfen neue Verwertungs­optionen zu identifizieren (Workshop „Prototype new Applications“) und mit Wirtschaft und Gesellschaft in den Austausch zu treten (Plattform „Science meets…“). Diese Methoden wurden alle innerhalb des Projekts entwickelt und adressieren Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler gleichermaßen. Allerdings bedarf es auch seitens der Transfer-Einrichtungen einer erhöhten Sensibilität für die unterschiedlichen Motive und Bedarfe ihrer Gründungs­interessierten. Deshalb haben wir für diese Zielgruppe das Format „Understand your Researchers“ entwickelt, das Transfer-Verantwortlichen mithilfe Design-basierter Methoden einen Perspektiv­wechsel erlaubt und die Optimierung der eigenen Angebote ermöglicht.

Welche bisher nicht oder wenig genutzten Maßnahmen halten Sie für am aussichtsreichsten, um den Transfer in die Anwendung und die nachfolgende wirtschaftliche Verwertung zu beschleunigen?

Iffländer: Neben einer verstärkten Sensibilisierung von Forschenden für Transfer­optionen erweist sich seitens der Transfer-Einrichtungen Innovation Scouting als vielversprechend. So können Transfer­potenziale aufgedeckt und ausgeschöpft werden.

Die Fragen stellte Ralf Schreck



Letzte Änderungen: 16.08.2018

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