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Stützen für ausgeleierte Gefäße

(06.08.2018) Einmal auf die Liste „30 under 30“ der deutschsprachigen Forbes-Ausgabe! Isabel Schellinger von der Universität Göttingen hat es geschafft. Hier erzählt sie uns wie.
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Isabel Schellinger erforscht in der Gruppe von Uwe Raaz an der Universitätsmedizin Göttingen Aufweitungen der Haupt­schlagader im Bauchraum, sogenannte Bauchaorten-Aneurysmen. Zusammen mit Raaz hat sie 2017 die Firma Angiolutions gegründet, was ihr eine Nennung in der Forbes-Liste der 30 erfolgreichsten Pioniere aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unter 30 Jahren in der Kategorie „Science and Healthcare“ eingebracht hat.

Laborjournal: Was hat Ihr Interesse an diesem Thema geweckt?

Isabel Schellinger: Bereits in meiner Doktorarbeit habe ich mich mit Blutgefäßen beschäftigt und untersucht, warum bei Nierenkranken die Gefäß-Neubildung gestört ist. Im Rahmen eines Auslands-Aufenthalts an der Universität Stanford habe ich dann mit Uwe Raaz zusammengearbeitet. Wir waren beide bei Philip Tsao beschäftigt, dessen Labor sich schwerpunktmäßig mit dem Bauchaorten-Aneurysma beschäftigt. Die Begeisterung der Labor­mitglieder für das Thema hat sich auf mich übertragen.

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Was weiß man über diese Art der Gefäß-Veränderung?

Schellinger: Patienten mit Bauchaorten-Aneurysma sind häufig über 65 Jahre alt, Männer und Raucher. Sie haben typischerweise Arterio­sklerose und Bluthochdruck. Bei der Entstehung der Gefäß-Aufweitungen spielen Apoptose, Entzündung und Matrixumbau in der Gefäßwand eine Rolle. Ein anderer wesentlicher Faktor bei der Entstehung der Aneurysmen sind biomecha­nische Einflüsse. Verschiedene Zelltypen der Gefäßwand können biomechanische Reize wahrnehmen und mit Änderungen der Gefäß-Steifigkeit reagieren. Wird ein kleiner Abschnitt der Aorta steifer, kann das die Vergrößerung eines Aneurysmas auslösen.

Eines meiner Forschungsthemen ist deshalb die erhöhte Gefäß-Steifigkeit bei Diabetikern. Eine weitere Forschungs­frage ist, wieso Gefäße mit zunehmendem Alter steifer werden. Die Gefäß-Gesundheit hat großen Einfluss darauf, ob und wie lange Menschen im Alter selbstbestimmt leben können oder pflegebedürftig sein werden.

Welche besondere Unterstützung haben Sie während Ihrer noch jungen Karriere erhalten?

Schellinger: Meine Eltern haben mir immer sehr viel Mut zugesprochen und eine positive Einstellung zur Arbeit vermittelt. Auch mein Doktorvater Karl Hilgers hat mich maßgeblich unterstützt. Bei meinem Forschungsaufenthalt in Stanford haben mir in der Abteilung von Tsao die flachen Hierarchien gefallen. Von jedem Labormitglied wurde erwartet, dass es Ideen einbringt, die auch gehört und wert­geschätzt wurden. Als ich dort ankam, hat mir Tsao allerdings erst einmal ein halbes Jahr Zeit gegeben, mich zurechtzufinden. In Stanford gibt es sehr viele Angebote für Vorträge und Workshops, die wahrzunehmen sich lohnt. Die Labore dort kollaborieren gerne und der Austausch von Daten wird positiv gesehen.

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Womit beschäftigt sich Ihre Firma Angiolutions?

Schellinger: Angiolutions ist eine Medizintechnik-Firma, die neuartige Produkte zur Beeinflussung der biomechanischen Gefäß-Eigenschaften entwickelt. Die Stärke unseres Teams liegt in der Zusammenarbeit von Grundlagenforschern, Medizinern und Ingenieuren. Wir haben ein Gefäß-Implantat entwickelt, das den Wachstumsreiz für Aneurysmen aufhebt.

Als Wissenschaftlerin kann ich meine Zeit zwischen Labor und Firma selbst einteilen. Für mich steht das Resultat im Vordergrund und nicht die tägliche Arbeitszeit. Ich möchte keine der beiden Seiten vernachlässigen. Daher ist das im Augenblick eine eher fordernde Zeit.

Wie hat sich die Firmengründung gestaltet?

Schellinger: In Stanford ist die Patentierung von neuen Entdeckungen sehr professionell organisiert. Wir wurden von der Universität angesprochen und bekamen juristische Experten zur Seite gestellt. In die betriebs­wirtschaftliche Seite mussten wir uns einarbeiten. Im Medizinprodukte-Bereich muss man sich auch mit Zertifizierungen und Qualitäts­management gut auskennen. Hierzu haben wir uns Hilfe geholt. Ich denke, wir profitieren davon, dass in Deutschland Biotechnologie und Startups in Politik und Öffentlichkeit im Gespräch sind und es finanzielle Unterstützung für die Firmen-Gründung gibt. Wir erhielten auch Gründungs-Förderung von der Universität Göttingen.

Welche weiteren Faktoren haben sich vorteilhaft auf die neue Firma ausgewirkt?

Schellinger: Unsere Ergebnisse zum Aorten-Aneurysma wurden zunächst kontrovers diskutiert. 2015 hat Uwe Raaz dann den Jörg-Vollmar-Preis der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin erhalten. 2016 kam der Young Investigator Award der deutsch-österreichisch-schweizerischen Gesellschaft für Arterielle Gefäß­steifigkeit hinzu. Das hat zu mehr Akzeptanz bei den Ärzten geführt, die Anwender unserer Produkte sein sollen.

Ein großer Erfolg war auch meine Aufnahme in die Forbes-Liste der „30 under 30“ Anfang dieses Jahres. Das positive Feedback hat uns geholfen, Mitarbeiter zu finden, Geldgeber auf uns aufmerksam zu machen und neue Kontakte zu knüpfen. Das hatten wir in diesem Ausmaß nicht erwartet. Auch über die Krankenkassen ist unser Forschungs­thema inzwischen präsent: seit Anfang des Jahres bieten sie eine einmalige kostenlose Ultraschall-Untersuchung auf Bauchaorten-Aneurysma für Männer über 65 Jahre an.

Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?

Schellinger: In meiner bisherigen Karriere haben sich jedes Jahr neue, überraschende Chancen eröffnet. Die Möglichkeiten, die ich mir erarbeitet habe und die sich geboten haben, habe ich immer versucht zu ergreifen. Ich kann mir vorstellen, in 10 Jahren noch in der Firma zu arbeiten, an der Universität wissenschaftlich tätig zu sein oder als Ärztin Patienten zu versorgen. Ich möchte diesen Weg nicht als Einzelkämpferin beschreiten und lasse mich daher vom Leben und den Menschen, denen ich begegne, überraschen. Ich schätze mich auch glücklich, als Ärztin viele Optionen zu haben.

Die Fragen stellte Bettina Dupont



Letzte Änderungen: 25.07.2018

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