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Im Würgegriff der Verlage

(02.07.2018) Ist Open Access in der Wissenschafts-Gemeinde angekommen? Welche Probleme müssen noch gelöst werden? Diese und weitere Fragen beantwortete uns Anja Oberländer, OA-Expertin der Uni Konstanz.
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Anja Oberländer ist Referentin für Elektronisches Publizieren und Open Access am Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM) der Universität Konstanz. Die promovierte Wirtschafts­wissenschaftlerin koordiniert zudem die Open Access-Informations­plattform open-access.net.

Laborjournal: Kennt sich die Scientific Community inzwischen im Open Access-Publizieren aus?

Anja Oberländer: Nur ein kleiner Teil der Wissenschaftler setzt sich aktiv mit Open Access und dem Publikations­wesen auseinander. Der Informations­bedarf ist also relativ hoch. Spricht man mit den Wissenschaftlern direkt und klärt sie auf, ist aber fast jeder ein Befürworter der Idee. Zudem beobachten wir in den verschiedenen akademischen Fächern unterschiedliche Trends, was die Akzeptanz von Open Access angeht.

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Welche Richtlinien gibt es an der Universität Konstanz?

Oberländer: Laut Universitäts­satzung sollen wissenschaftliche Beiträge, die in Zeitschriften publiziert und mindestens zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, spätestens nach Ablauf von 12 Monaten über unser Repositorium KOPS frei zugänglich gemacht werden. Das Land Baden-Württemberg hat im Hochschulgesetz festgelegt, dass die Universitäten ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter verpflichten sollen, eine Zweitver­öffentlichung nach einer Frist öffentlich zugänglich zu machen. Konstanz hat dies als erste und einzige Hochschule als Modell umgesetzt. Gegen die Zulässigkeit einer solchen Verpflichtung haben allerdings 17 Professoren gegen die Universität geklagt. Das Verfahren liegt nun beim Bundesverfassungsgericht.

Hat das Open Access-Modell auch negative Entwicklungen mit sich gebracht?

Oberländer: Viele zum Teil sehr renommierte Open Access-Zeitschriften finanzieren sich über Autorengebühren, die in der Regel auch von vielen Universitäten übernommen werden. Das hat zum Aufkommen der sogenannten Predatory Journals geführt. Diese geben vor, ernsthafte Zeitschriften zu sein und buhlen vielfach mit gefälschten Zeitschriften-Webseiten und dem falschen Aufführen renommierter Wissenschaftler/innen in ihren Editorial Boards um Autoren und deren Gebühren. Diese unseriösen Zeitschriften sind sehr aktiv im Kommunizieren und behelligen die Forscher mit Spam-Mails. Dadurch erscheint das Problem größer als es tatsächlich ist.

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Was unternimmt die Bibliothek der Universität Konstanz, um Veröffentlichungen in unseriösen Journals zu vermeiden?

Oberländer: Wir fördern über den Publikationsfonds der Universität nur Veröffentlichungen in Zeitschriften, die im unabhängigen Directory of Open Access Journals (DOAJ) gelistet sind. Dieses enthält qualitätsgeprüfte Open Access-Zeitschriften mit Peer Review. Ansonsten versuchen wir, unsere Wissenschaftler/innen bestmöglich aufzuklären und zu beraten.

Wie können Wissenschaftler die Seriosität einer Open Access-Zeitschrift beurteilen?

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Anja Oberländer

Oberländer: Im Grunde mit gesundem Menschenverstand und wie bei einer herkömmlichen Zeitschrift auch. Sie sollten zum Beispiel schauen, wo die einschlägigen Fachkolleg/innen publizieren und ob die Artikel in der ausgewählten Zeitschrift eine entsprechende Qualität aufweisen. Kriterien für die Beurteilung, ob ein Journal oder eine Konferenz seriös sind, liefert auch die Webseite Think Check Submit. Letztlich liegt die Verantwortung aber bei jedem einzelnen Wissenschaftler selbst, das zu prüfen.

Welche Probleme sind bezüglich Open Access noch ungelöst?

Oberländer: Eine Hoffnung der Open Access-Bewegung war und ist es, dem finanziellen Würgegriff der großen Verlage zu entkommen. Geforscht, publiziert und begutachtet wird in der Regel durch öffentlich bezahlte Wissenschaftler/innen. Die Publikationen erscheinen in Zeitschriften, die durch öffentlich finanzierte Bibliotheken von Verlagen erworben werden müssen. Gerade bei den großen Verlagen sind die Gewinn-Margen hier unverschämt hoch und die Verlage haben natürlich kein Interesse daran, dass sich das ändert. In mancher Hinsicht ist diese Problematik sogar noch schlimmer geworden. Bei renommierten Open Access-Zeitschriften sehen wir zum Teil sehr starke Preis­steigerungen. Studien zeigen, dass die Kostendeckung für einen Artikel bei maximal 500 bis 1.000 Euro liegt. Viele Zeitschriften verlangen aber bereits bis zu 4.000 Euro für einen Artikel. Ein weiteres Problem ist, dass Verlage wie Springer in der letzten Zeit erfolgreiche Open Access-Zeitschriften in Subskriptions-Zeitschriften umgewandelt haben.

Wie sieht für Sie die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens aus?

Oberländer: Ich glaube, dass wir vielen Problemen nur entkommen können, wenn das Publizieren fair gestaltet wird und nicht vornehmlich von Gewinn-Interessen der Verlage geprägt ist. Ein Weg sind erfolgreiche Universitätsverlage und konsortiale non-profit-Modelle, wie die Open Library of Humanities, bei denen viele Bibliotheken gemeinsam Plattformen für Open Access-Zeitschriften finanzieren. Hier können Wissenschaftler und Bibliotheken gemeinsam entscheiden, welche Zeitschriften sie fördern wollen. Auch unseriöse Zeitschriften könnten so leichter ausgeschlossen werden. Damit Wissenschaftler selbst kostengünstige Zeitschriften herausgeben können, bietet die Universitätsbibliothek Heidelberg einen Publikations-Service für online Open Access-Zeitschriften an. Das Projekt wird von der DFG gefördert. Auch die Universität Konstanz und das Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin sind daran beteiligt.

Die Fragen stellte Bettina Dupont



Letzte Änderungen: 28.06.2018

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