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Sicherheit geht vor

(28.06.2018) Bioterrorismus-Abwehr, Zielfernrohre – auch Vertreter der Laborindustrie profi­tieren vom aktuellen Sicherheits-Hype. Das BMBF schenkt der Branche mehrere Millionen Euro.
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Kürzlich verkündete das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Forschungsförderung in Millionenhöhe. „Jippie!“ ertönt es allerorts. Aber wofür sind die 360 Millionen Euro eingeplant? Naturschutz? Grundlagenforschung? Oder vielleicht Open Access? Natürlich nicht! In einem von der CDU geführten Ministerium kann es nur um eins gehen: Sicherheit.

Diverse Politiker werden nicht müde, der Bevölkerung zu erzählen, dass sie permanent in Gefahr ist. „Die zunehmende Komplexität von Energie- und Verkehrsnetzen, Internet und Telekommunikation oder Warenketten für Lebensmittel und Gesundheit führen zu neuen Verwundbarkeiten. Weitere Bedrohungen sind Naturkatastrophen, der weltweit operierende Terrorismus und die organisierte Kriminalität“, heißt es dann auch auf der entsprechenden BMBF-Webseite.

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Forschung für ein sicheres Leben

Diese allgegenwärtigen Gefahren gilt es natürlich einzudämmen und zwar mit einem just beschlossenen, 6 Jahre laufenden Forschungsprogramm. Pro Jahr steuert das BMBF 60 Millionen Euro bei. „Mit den Erkenntnissen und Innovationen aus der zivilen Sicherheits­forschung machen wir das Leben unserer Mitmenschen in allen Lebens­bereichen sicherer. Mir liegt das sehr am Herzen und deshalb will ich für die Bürgerinnen und Bürger unsere Forschungs­anstrengungen in diesem Bereich stärken“, meint eine gutgläubige Anja Karliczek, ihres Zeichens Forschungs- und Bildungsministerin, in einer Pressemitteilung.

Was wird denn in der zivilen Sicherheitsforschung so erforscht? Unter anderem genau das, was man befürchtet: Beim Durchklicken der Unternehmen, die in Deutschland Forschung für die zivile Sicherheit betreiben und womöglich von der Förderung profitieren (einzusehen auf der Security Research Map), stößt man recht schnell auf bekannte Namen wie Krauss-Maffei. Der Kriegsgeräte-Hersteller wirbt mit seinen mobilen Einsatz- und Führungs­fahrzeugen für den Polizei-, Grenz- und Katastrophenschutz. „Abgerundet wird das Portfolio u.a. mit Aufklärungs- und Beobachtungseinrichtungen sowie fernbedienbaren Lafetten für Missionen bei Tag und Nacht.“

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Smarte Software und Überwachung

Dass Sicherheit im CDU-Sinne oft mit Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte einhergeht, zeigt auch die Auflistung verschiedenster Projekte, die sich auf Gesichtserkennungs-Software und intelligente Überwachungs­kameras spezialisiert haben. Jeder „unerwünschte Vorgang oder verdächtiges Verhalten“ wird registriert, in Datenbanken gespeichert und ausgewertet. Orwell lässt grüßen.

Insgesamt listet die Übersicht mehr als 500 Institutionen in Deutschland auf, davon befinden sich 181 an Hochschulen, 165 sind Klein- und Mittelständische Unternehmen (KMU) und 65 Großunternehmen. Erstaunlicherweise sind darunter auch einige Vertreter der Laborindustrie.

IUT Medical GmbH aus Berlin zum Beispiel entwickelt Analysatoren, die bestimmte Gase aufspüren können. „Die Anwendungsfelder reichen von der Raumluft-, der Prozess-, der Rauchgas-/Abgasüberwachung, über Anwendung in der Halbleiter­produktion und im Bereich der Arbeitsplatz­sicherheit bis hin zur Detektion von Chemischen Kampfstoffen (CWA) in dem Bereich der ‚Homeland Security‘“, stellt sich das Unternehmen auf der Security Map vor.

B-Kampfstoffe also biologische Waffen sind hingegen unter anderem die Expertise von miprolab GmbH aus Göttingen. Eigentlich eher in der Veterinärmedizin angesiedelt, kommen die Nachweisverfahren von Toxinen (Ricin, Botulinum-Neurotoxin etc.) und Bakterien (u.a. Yersinia pestis) praktischerweise auch der „Bioterrorismus-Abwehr“ zugute. Dass das Unternehmen auch selbst B-Kampfstoffe produziert – Botulinum-Neurotoxin als „Standard“ - erzeugt jedoch ein eher mulmiges Gefühl.

Extraktionen für die Front

Bioterrorismus ist auch in den Augen von Qiagen eine ernstzunehmende Gefahr: „Eine schnelle Antwort auf potentielle Gefahren und volle Einsatzbereitschaft um Pläne von Bioterrorismus zu durchkreuzen, sind von höchster Wichtigkeit für die öffentliche und internationale Sicherheit“, gibt Qiagen auf der Security Map an. Mit ihren Extraktions- und Detektions-Plattformen für B-Kampfstoffe geben sie Forschern, Unternehmern und „Warfighters“ die nötigen Werkzeuge an die Hand.

Und weiter geht's. Bruker Daltonics bringt man als Lebenswissenschaftler eher mit Geräten für die Massenspektrometrie in Verbindung. Allerdings machen die Analytik-Experten auch mit dem übersteigerten Sicherheitsempfinden Profit. Zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking verkauften sie Geräte und Software für die Detektion von chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Agenzien.

Zu guter Letzt (und das ist nur eine kleine Auswahl) sei noch Mikroskop-Hersteller Carl Zeiss erwähnt. Klar, als Optik-Spezialist sind Oberkochener „Grenzraum­überwachungs­anlagen, handgehaltene Beobachtungsgeräte sowie spezielle Ferngläser und Zielfernrohre“ sehr begehrt.

Mit der Angst der Menschen ließ sich schon immer gut verdienen. Der anhaltende Schrei nach mehr Sicherheit, der jede Vernunft übertönt, macht das Geschäft mit der Gefahr derzeit äußerst lohnenswert. Und die Politik hilft tatkräftig mit.

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 28.06.2018

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