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Tut der Daumen schon weh?

(22.11.16) Da wir gerade bei Pipetten sind (siehe vorheriges Editorial): Haben Sie auch zuletzt Werbung von Pipettenherstellern bekommen, in denen diese mächtig Ergonomie-Panik machen? Als ob einem bald der Daumen abfallen könnte…

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© WetCanvas/Michael

„Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, welche Schwerarbeit Ihr Daumen während eines mehrstündigen Pipettier-Marathons leistet?“ Bedrohlich fett gedruckt springt einem diese schicksalsträchtige Frage vom Kopf des Firmenprospekts tief ins Gewissen – und landet direkt in der Abteilung „Selbstprüfung“.

„Äh, nein – nicht wirklich“, muss sich der in nahezu einem Jahrzehnt Laborarbeit gestählte Postdok eingestehen. „Schwerarbeit verrichte ich eher auf dem Mountainbike, dem Snowboard oder dem Fußballplatz“, denkt er vielmehr. „Ach ja, und natürlich beim Holz machen für den Kachelofen, Garten umgraben, Getränkekisten schleppen,… Aber hier im Labor? Höchstens mit unserem Riesenrotor, immer wenn das sukzessive Abzentrifugieren meiner 15-Liter-Fermenterkulturen ansteht. Aber beim Pipettieren?“

Dennoch schaut er sich unbewusst seinen Pipettier-Daumen an. Sieht doch ganz normal aus. Lässt sich auch gut und schmerzfrei in alle Richtungen bewegen. Also, sei‘s drum. Unser Postdok nimmt sich die Broschüre der nächsten Firma. Schließlich hat der Chef gesagt, nach fast zwanzig Jahren seien jetzt mal neue Pipettensätze fällig. „Durch einen patentierten Einstellmechanismus wird die für den Spitzenabwurf aufzuwendende Kraft um 50 Prozent reduziert“, liest er darin. „Dadurch sinkt das Risiko von RSI-Symptomen (Repetitive Strain Injury) deutlich.“

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Wieder ein fragender Blick auf seinen Daumen. Hm…? Weiter, die nächsten fünf Prospekte: „Ungünstige Armhaltung“, „Chronische Tenosynovitis (Sehnenscheidenentzündung)“, „Muskelverspannungen“, „Tendinitis des Daumens“, „Karpaltunnelsyndrom“, „Cumulative Trauma Disorders (CTD)“,…

„Wow, Pipettieren scheint ja doch gar nicht so ohne zu sein“, denkt er sich. Ist da nicht vielleicht doch ein kleiner, dumpfer Schmerz in seinem Daumen? Und lief die alte TA aus dem Weiner-Labor letztes Jahr nicht tatsächlich wochenlang mit einem Daumen-Verband herum? Das mit dieser „Injury“ gibt‘s wohl also wirklich.

„Hm, mal durchrechnen.“

Er pipettierte wirklich viel, sicherlich mehrere Zehntausend Kolbenhübe und Spitzenabwürfe pro Woche. Mit zwanzig Jahre alten, garantiert vollkommen unergonomischen Pipetten.

Nochmal probierte er seinen Daumen. Und nochmal. Dann schüttelte er leicht den Kopf und begann süffisant zu lächeln: „Ganz klar, nach denen müsste ich jetzt eigentlich schwerkrank sein. Und mein Daumen so rettungslos verschlissenen wie alte Bremsbeläge.“ Er schob die Prospekte auf die Seite und lächelte noch ein wenig breiter: „Aber Hauptsache, Panik gemacht. Sieht so aus, als hätten die Laborgeräte-Hersteller jetzt auch das Angst-Marketing entdeckt.“

Ralf Neumann

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Letzte Änderungen: 07.02.2017

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