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Der Mörder ist nicht immer der Krebs

(6.9.16) Der invasive Große Höckerflohkrebs verdrängt seine einheimischen Verwandten aus den Flüssen Mitteleuropas. Statt diese jedoch selbst zu jagen, besetzt der Einwanderer lediglich deren Verstecke – so dass die ebenfalls eingewanderte Schwarzmundgrundel fette Beute unter den Mitteleuropäern machen kann.

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© Michal Grabowski

Wo in unseren Gewässern der Große Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) auftaucht, nimmt der Bestand des einheimischen Gewöhnlichen Flohkrebses (Gammarus pulex) rapide ab. Das hat dem Einwanderer aus dem Schwarzmeerraum den zweifelhaften Ruf als „Killer-Shrimp“ eingebracht.

Im Jahre 1992 wurde er erstmals in der Donau nachgewiesen, drei Jahre später erreichte er den Rhein. Zeitgleich gingen die Bestandszahlen des einheimischen Flohkrebses zurück, bis dieser im Uferbereich der oberen Donau von Kelheim bis zur österreichischen Grenze kaum noch nachweisbar war. Stattdessen tummeln sich dort Große Höckerflohkrebse und Schwarzmundgrundeln (Neogobius melanostomus), ein weiterer Einwanderer aus der Schwarzmeerregion, der gut zehn Jahre nach dem Höckerflohkrebs in der Donau ankam. Der benthische Raubfisch ernährt sich ab einer bestimmten Körpergröße bevorzugt von Weichtieren und Kleinkrebsen.

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Zwar gilt der Höckerkrebs als Hauptursache für den Artenschwund unter seiner heimischen Verwandtschaft, doch war seine Eigenschaft als „Killer“, also als Jäger anderer Flohkrebse, bislang eine bloße Vermutung. Wissenschaftler des Lehrstuhls für Aquatische Systembiologie der Technischen Universität München widerlegten nun diese Theorie und zeigten, dass vielmehr ein Zusammenspiel der beiden Invasoren, Krebs und Fisch, dem Mitteleuropäer das Leben schwer macht. Die in BMC Ecology veröffentlichte Arbeit des Teams um Sebastian Beggel ist die weltweit erste Verhaltensstudie, die ein solches Zusammenspiel beim Rückgang einer heimischen Art zeigt.

Kein „Killer“, aber dafür …

Die Wissenschaftler untersuchten das Verhalten beider Flohkrebsarten, ihre Beziehung zueinander sowie die Nahrungspräferenz der Schwarzmundgrundel in einem standardisierten Laborversuch. Dazu richteten sie Aquarien mit und ohne Versteckmöglichkeit ein, in die sie jeweils entweder nur eine Krebsart oder ein Gemisch beider Arten einsetzten – wobei sich die Forscher an der Besatzdichte in freier Wildbahn orientierten. Nachdem sich die Flohkrebse ans Versuchsbecken gewöhnt hatten, setzten sie die Fische hinzu und analysierten nach einem Beobachtungszeitraum von drei Stunden deren Mageninhalt.

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Befanden sich die Krebse ohne Raubfisch im Becken, führte die Anwesenheit des Höckerflohkrebses – unabhängig davon, ob Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung standen –nicht zu einer erhöhten Sterblichkeit des Gemeinen Flohkrebses, was gegen eine Räuber-Beute-Beziehung der beiden Arten spricht. Vielmehr war es im Laborversuch die Schwarzmundgrundel, die sich von den Flohkrebsen ernährte und dabei eine Präferenz für die einheimische Art zeigte. Ihr Jagderfolg war in Aquarien ohne Rückzugsmöglichkeiten generell größer, und sie erbeutete sowohl bei getrennt als auch bei gemeinsam angebotenen Flohkrebsarten immer signifikant mehr Gammarus als Höckerflohkrebse. In einem Aquarium ohne Verstecke war die Zahl der erbeuteten einheimischen Flohkrebse unabhängig davon, ob diese alleine oder mit dem Einwanderer zusammen vorkamen. Letzterer scheint also unter den Versuchsbedingungen für den Fisch keine echte Nahrungsalternative darzustellen. In Aquarien mit Rückzugsmöglichkeiten stieg die Zahl der erbeuteten Gemeinen Flohkrebse in Anwesenheit des Höckerkrebses dann sogar auf das Dreifache an – von rund 9 auf 27 Prozent.

… ein gemeiner „Hausbesetzer“

In Verhaltensversuchen zeigte sich der Eindringling deutlich passiver als der einheimische Verwandte, der sich länger in der freien Wassersäule aufhielt. Gerade bei großem Räuberdruck wie durch die Schwarzmundgrundel, die in den Uferbereichen mancher Flüsse bis zu zwei Drittel des gesamten Fischbestands ausmacht, ist es aber sinnvoller sich zu verstecken als zu fliehen. Laut Sebastian Beggel nutzt der Höckerflohkrebs die im Habitat vorhandenen Verstecke intensiver und verdrängt den Gemeinen Flohkrebs daraus. So wird dieser letztlich zur leichten Beute der Schwarzmundgrundel.

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Durch ihr gemeinsames Auftreten können die beiden Einwanderer folglich das Nahrungsnetz von Flüssen wie der bayerischen Donau nachhaltig verändern. Ein schönes Beispiel, wie durch die Einwanderung mehrerer invasiver Arten in einen neuen Lebensraum synergistische Effekte auftreten, die komplexe Ökosysteme nachhaltig umstrukturieren können.

Larissa Tetsch

(S. Beggel et al., 2016, BMC Ecol. 16: 32)

 

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Letzte Änderungen: 26.09.2016

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