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Ehrliche Fehler

(19.4.16) Wenn grobe Irrtümer schwarz auf weiß in einem wissenschaftlichen Journal stehen, sollten sie eigentlich umgehend berichtigt werden. Aber es fehlen Anreize für Forscher, ihre Fehler aus eigener Initiative auszubügeln. Und am Wort "Retraction" haftet ein Stigma.

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© Christin Lola / fotolia

Fehler in wissenschaftlichen Journalen, die nicht korrigiert werden, können Folgen haben – im schlimmsten Fall für die Gesundheit von Patienten, wenn Mediziner beispielsweise Wirksamkeit und Risiken medizinischer Verfahren falsch einschätzen. Weniger schlimm, aber dennoch ärgerlich ist es, wenn Doktoranden und Postdocs wertvolle Zeit mit dem Versuch verplempern, Experimente nachzukochen, die gar nicht "funktionieren"; die also andere als die publizierten Ergebnisse bringen.

Dabei bieten doch die Journale einen einfachen Weg, Fehler in der Fachliteratur zu tilgen: Die "Retraction", wenn die ganze Arbeit nicht mehr vertrauenswürdig ist, und das "Corrigendum", wenn einzelne Aspekte falsch sind, ohne dass gleich die Haupt-Schlussfolgerung betroffen ist.

Korrekturen und Retractions erscheinen aber selten auf Eigeninitiative der Autoren. Bei Verdacht auf Betrug und Plagiat werden manchmal (beileibe nicht immer) Institute und Journal-Editoren tätig. Aber daneben gibt es die "ehrlichen Fehler" – ausgelöst beispielsweise durch vertauschte Etiketten, fehlerhaft programmierte Software, simple Missverständnisse oder einfach durch einen Streich des Zufalls.

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Eigentlich sollte es im Interesse der Autoren sein, solche Fehler selbst schnellstmöglich richtigzustellen – könnte man doch meinen. Das aber ist die große Ausnahme.

Pamela Ronald hat 2013 vorgemacht, wie es geht (wir haben berichtet): Ein neuer Mitarbeiter entdeckte, dass etwas an früheren Arbeiten aus dem Ronald-Labor zur Immunität von Reispflanzen nicht stimmen konnte. Anstatt das Problem zu ignorieren, machte sich das gesamte Labor auf eine akribische Fehlersuche, die schließlich in zwei Retractions mündete – viel Arbeit, aber die Forschung in diesem Bereich ist jetzt wieder "auf der Spur". Und Pamela Ronalds Reputation hat die Richtigstellung nicht geschadet, im Gegenteil: Kollegen äußerten Respekt für die Aufklärungsarbeit in eigener Sache.

Aber, wie gesagt: Dieses intensive Bemühen um die Korrektheit der eigenen Publikationen war eine Ausnahme. Und nur etwa jede fünfte Retraction fällt in die Kategorie "ehrlicher Fehler".

Wie groß die Dunkelziffer sein mag? Wie oft kommt es vor, dass Doktoranden und Postdocs bei ihren Experimenten bemerken, dass Daten ihrer Vorgänger eigentlich nicht stimmen können? Wird solchen Verdachtsmomenten dann konsequent nachgegangen – oder wird das Projekt klammheimlich beerdigt?

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Stanford-Forscher Daniele Fanelli meint, einen Grund gefunden zu haben, wieso die Selbstkorrektur bei Forschern so unbeliebt ist (siehe seinen Kommentar bei NatureNews): Das Stigma, das an dem Wort "Retraction" haftet, sei ein Problem – und in der Tat erweckt das R-Wort über einem Artikel schnell den Verdacht, es sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen. Wenn betrogen wurde, wenn Daten gefälscht, Banden kopiert, Text plagiiert, Foto frisiert oder Kurven geglättet wurden, so besteht dieses Stigma wohl auch zurecht – so eine kapitale Verfehlung ist ein Schandfleck im Forscher-Lebenslauf, sofern sie nicht sowieso das Ende der Karriere bedeutet.

Solche Betrügereien sind aber eine ganz andere Kategorie als die verantwortungsvolle Selbstkorrektur eines ehrlichen Fehlers – aber beides erscheint in Literaturdatenbanken unter der Überschrift "Retraction".

Fanelli schlägt also vor, dass die Journals einfach zwei Arten des Paper-Rückzugs unterscheiden sollten. Die lobenswerte Richtigstellung ehrlicher Fehler sollte demnach als "Self-Retraction" deklariert werden – sofern einige Kriterien zutreffen, die sicherstellen sollen, das tatsächlich nur "ehrliche Autoren"  dieses Etikett bekommen.

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Der Vorschlag, den ehrlichen Korrekturen das Stigma zu nehmen, ist gut gemeint. Aber letztlich geht Fanellis Idee doch am Kern des Problems vorbei. Denn ein neues, neutraleres Etikett ändert ja nichts daran, dass es kaum positive Anreize gibt, Fehler in eigenen Papers publik zu machen – aber viele gute Gründe, genau das nicht zu tun. Autoren werden zwar für ihre Publikationen nicht in barer Münze bezahlt. Aber dennoch ist die Publikationsliste eine Währung, die gegen Karrierechancen eingetauscht wird. Davon freiwillig ein Stück wieder herzugeben, und dafür sogar noch zusätzlich Zeit und Mühe reinzustecken: so viel Anstand wird unter den derzeitigen Bedingungen leider nicht belohnt.

 

Hans Zauner

 



Letzte Änderungen: 10.06.2016

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