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Der Dekan und der "tägliche Wahnsinn"

Nur drei Monate war LJ-Autor Axel Brennicke Dekan der Fakultät für Naturwissenschaften an der Uni Ulm. Warum nur so kurz, und was das alles mit LJ zu tun hat, berichtete Christoph Mayer Anfang Februar in der Ulmer Südwest Presse:

(12.02.2005) Mit spitzer Feder gegen den "Wasserbauch" namens Uni-Verwaltung zu sticheln, um dann eben jene Verwaltung zu Lasten der Forschung zu schwächen: Das wollte Prof. Axel Brennicke nicht. Nach nur drei Monaten als Dekan der Fakultät für Naturwissenschaften schmiss er nun hin.

Ein Blatt vor den Mund hat Prof. Axel Brennicke nie genommen. Der Hochschullehrer und Chef der Abteilung Molekulare Botanik der Universität Ulm gilt - nicht nur unter Kollegen - als streitbarer Geist; und wie fürs wahre Leben trifft auch für den Oberen Eselsberg zu, dass man sich als streitbarer Geist nicht nur Freunde macht.

Nun ist es nicht so, dass Brennicke ein humorloser Nörgler ist. Über den "täglichen Wahnsinn an einer deutschen Uni" (gemeint ist natürlich die Ulmer) kann sich der Lehrstuhlinhaber zwar mächtig aufregen; er kann darüber aber auch schmunzeln. Und schreiben. Letzteres tat Brennicke seit eineinhalb Jahren als freier Autor, unter anderem für die Zeit, vor allem aber für das Laborjournal, ein Magazin für Biowissenschaften, das mit einer monatlichen Auflage von knapp 25 000 Exemplaren erscheint.

Kühe geschlachtet

In der Laborjournal-Reihe "Ansichten eines Profs" schlachtete Brennicke in schöner Regelmäßigkeit und mit Süffisanz heilige und weniger heilige Ulmer Hochschulkühe; schrieb über "Uni-Schmarotzer" (gemeint: die seiner Meinung nach überflüssige Fotozentrale), "Job-Rotation" (Thema: inkompetentes Verwaltungspersonal), "Uni-Denkmäler" (unnütze Bauwerke, die nur errichtet werden, damit der neue Rektor etwas zum Einweihen hat); die Internationalisierung der Uni ("Selbstbeweihräucherung") war nicht sicher vor seiner Feder, ebenso wenig wie vermeintliche "Bibliothekshansels", das Akademische Auslandsamt ("dein Freund und Partner") oder die Drittmittelabteilung (Titel: "Doppelte Haushaltsführung nach Parkinson").

Empörung war garantiert. Etwa von Seiten des Personalrats. Brennicke sei ein Nestbeschmutzer, der das Ansehen der Universität schädige und den Frieden störe, hieß es in einem Brief an das Rektorat und Wissenschaftsminister Peter Frankenberg. Der Rektor möge Brennicke auffordern, sich zu mäßigen.

Ob Rektor Karl Joachim Ebeling der Aufforderung nachkam, ist nicht geklärt. Jedenfalls verpflichtete Brennicke sich nach seiner Wahl zum Dekan der Fakultät für Naturwissenschaften im August 2004, "nichts Negatives mehr über unsere Uni zu schreiben". Was dem Wissenschaftler nicht leicht fiel angesichts der Tatsache, dass für immer mehr Studenten immer weniger Geld zur Verfügung stehe und "Lehre und Forschung den Bach herunter gehen, während die Wasserbauch-Verwaltung wächst".

An diesem Punkt wäre die Geschichte zu Ende, wäre da nicht die Sache mit der neu zu schaffenden A 13-Stelle für die Studienkommission der Fakultät gewesen - eine unbefristete Verwaltungsstelle, wohlgemerkt. Zu den Aufgaben des Stelleninhabers gehört die Organisation von Praktika sowie die Abstimmung zwischen den Fächern Physik, Chemie und Biologie, ebenso die Umstellung der Diplom-Abschlüsse auf Bachelor und Master.

Dass diese Stelle für die kommenden zwei Jahre notwendig ist, bestreitet Brennicke nicht. Dass die Wahl auf einen Bewerber "ohne Forschungserfahrung" fiel, kritisiert er dagegen scharf. "Ich habe mich dafür eingesetzt, einen Wissenschaftler einstellen, der mittelfristig auch forscht und in der Lage ist, Drittmittel einzuwerben." Ausgerechnet Prorektor Prof. Peter Dürre sei ihm in den Rücken gefallen, indem er einen ungeeigneten Bewerber durchgeboxt habe. Dürre habe sogar gedroht: Falls der Dekan nicht zustimme, dann müsse er die Arbeit eben selbst machen, sagt Brennicke, der bedauert, "dass die Stelle nun für Forschung und Lehre dauerhaft verloren ist".

Brennicke zog die Konsequenzen. Nach nur drei Monaten als Dekan trat er zurück, getreu der Devise: Besser gar kein Dekan als ein ohnmächtiger. "Ich kann nicht publizistisch gegen den Ausbau der Verwaltung die Klappe aufreißen und dann solch eine Entscheidung selbst mittragen."

Rektor Ebeling kritisiert Brennicke zwar nicht direkt. Aber indirekt: Der Biologe vertrete sehr stark die Interessen von Forschung und Lehre, sagt er. "Heute kommt es aber auf den Teamgedanken an."

Prof. Dürre wollte sich gegenüber der Presse nicht äußern. Brennicke wird das nun wieder häufiger tun. Sein nächster Artikel für die Zeit ist schon aufgesetzt.

(mit freundlicher Genehmigung der "Südwest Presse")

(Anmerkung der Laborjournal-Redaktion: Brennickes nächster Beitrag für seine zwischenzeitlich pausierende LJ-Kolumne "Ansichten eines Profs" liegt bereits vor - und erscheint in der März-Ausgabe)



Letzte Änderungen: 16.02.2005
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