Gutachten immer und überall

3. Dezember 2019 von Laborjournal

 

 

Wohl kaum eine andere Berufsgruppe wird derart oft und ausgiebig evaluiert wie die Forscher. Diplom- und Doktorarbeit, Bewerbungsgespräche und Berufungskommissionen — geschenkt, das gibt‘s woanders auch. Dann aber jedes einzelne Manuskript und jeder Förderantrag — das macht bisweilen Dutzende von kritischen bis kleinkarierten Gutachten im Jahr, die man erst mal schlucken muss. Dazu noch die regelmäßigen Berichte an Förderorganisationen, Verwaltung, Fakultätsleitung oder Trägergesellschaft — alles ebenfalls durchaus existentiell hinsichtlich Finanzierung, Gehalt, Verteilung von (Service-)Pflichten, Gewährung von Rechten und anderem mehr. Und wenn einer dann noch lehrender Forscher ist, muss er sich auch noch der Bewertung seiner Lehrleistung durch Studenten und Institutskollegen stellen…

Zusammen macht das eine Evaluationslast, über die eine US-Professorin einmal schrieb:

Nimmt man die Menge und Intensität all dieser Evaluationen, muss man sich wundern, ob ohne ein titanisches Ego überhaupt jemand diesen Prozess überleben kann. Allerdings, die meisten können!

Natürlich wird man bei dieser Evaluationsmasse auch immer wieder mit ungerechten, schlampigen, rüden und manchmal auch schlichtweg dummen Antworten konfrontiert. Das kann einen dann — je nach Naturell — auch mal richtig wütend oder niedergeschlagen werden lassen.

Dennoch muss man als Forscher über kurz oder lang grundsätzlich akzeptieren, dass Gutachten von ihrer reinen Intention her kritisch sein sollen. Schlussendlich sollte diese Kritik in einer idealen Welt mit perfekt funktionierendem System die Arbeit der Forscher am Ende des Tages gar verbessern helfen.

Doch gerade die Egos vieler Jungforscher müssen dies erst lernen und begreifen — vor allem den Unterschied zwischen schonungslos kritischen, aber dennoch konstruktiven Gutachten einerseits sowie rein bösartiger Gutachter-Willkür auf der anderen Seite.

Die erwähnte US-Professorin dokumentiert das sehr nett in folgender kleinen Anekdote:

Immer wieder kam einer meiner Mitarbeiter wegen eines vermeintlich absolut grausamen Gutachtens völlig zerknirscht zu mir. Und fast genauso oft habe ich dann nach eigenem Durchlesen gedacht: „Großartiges Gutachten. Mit richtig hilfreichen Kommentaren.“

Ralf Neumann

Was interessiert den Ex-Postdoc sein altes Geschwätz?

15. Oktober 2018 von Laborjournal

Wieder einmal landete eine Frage auf unserem Redaktionstisch, zwischen deren Zeilen man eine gewisse Wut förmlich riechen konnte — und die ging so:

Da gibt es etwas, das ich einfach nicht verstehe. Schon vor zwanzig Jahren habe ich Doktoranden und Postdocs immer wieder stöhnen hören, wie schlimm sich das Wissen­schaftssystem entwickelt habe und wie sehr sie unter den Instituts-Hierarchien und -Platzhirschen leiden würden. Jetzt sind die meisten von ihnen selber Gruppenleiter, Instituts-Chef oder sogar noch mehr. Aber nichts hat sich geändert, sie verhalten sich heute genauso wie diejenigen, die sie damals kritisiert haben — vielleicht sogar noch schlimmer. Dabei sind doch sie es, die heute die Dinge tatsächlich ändern könnten, über die sie damals noch so gemeckert haben — wenigstens in ihrem eigenen Umfeld. Da muss man sich schon fragen: Wollen sie das inzwischen vielleicht gar nicht mehr?

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iStock / :Lisa-Blue

Uns fiel daraufhin sofort ein Editorial ein, in dem wir vor gut drei Jahren die Ergebnisse einer Studie zu diesem Thema vorstellten (LJ 4/2015, S. 3) — und aus dem wir im Folgenden quasi als Versuch einer Antwort zitieren wollen:

[…] Zu denken geben sollte diesen aber die Doktorarbeit der Wiener Wissen­schafts­forscherin Lisa Sigl, in der sie untersuchte, wie sich die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse junger Biowissenschaftler auf deren Forschungstätigkeit auswirken. Sigl beleuchtet zunächst die verschiedenen Unsicherheitsfaktoren, die das Leben der jungen Biowissenschaftler prägen. Etwa die Unwägbarkeiten beim Erkenntnisgewinn, die jeder Forschung innewohnen, sowie die existentiellen Risiken, die durch die Verkettung von Zeitverträgen entstehen. Anschließend kommt sie dann zum eigentlich interessanten Punkt ihrer Dissertation: Wie gehen ihre Probanden und die Arbeits­gruppe insgesamt mit dieser Belastung um und welchen Einfluss hat sie auf die Ausrichtung ihrer Forschung?

Die Wienerin beobachtete vier unterschiedliche Strategien zur Bewältigung des auf den Forschern lastenden Drucks. Die erste und unter Biowissenschaftlern sehr beliebte Variante bezeichnet sie als Clan-Verhalten: Die Gruppe ordnet sich dem dominanten Labor- oder Gruppenleiter unter, der nicht nur die wissenschaftliche Ausrichtung der Gruppe bestimmt, sondern auch die finanziellen Mittel verteilt. Entsprechend groß ist seine Macht, aber auch seine soziale Verantwortung gegenüber den Gruppenmit­glie­dern. Klar, dass hier jedes Mitglied der Arbeitsgruppe versucht, dem Chef nicht unbe­dingt ans Bein zu pinkeln.

Die zweite Bewältigungsstrategie, das zusammenarbeitende Kollektiv, ist sicher die sympathischste Variante, die aber durch den zunehmenden wissenschaftlichen und ökonomischen Druck im Labor immer seltener anzutreffen ist. Bei dieser Form mit flachen Hierarchien und einem häufigen Erfahrungsaustausch unter den Wissen­schaft­lern steht die Gruppenarbeit im Vordergrund.

Und jetzt kommt der Teil, der für die Beantwortung der obigen Frage womöglich am interes­san­testen ist:

Mit zunehmender Forschungserfahrung treten bei Doktoranden und Postdocs neben diesen beiden gemeinschaftlichen, zwei weitere, individuelle Strategien zu Tage: die Manager- und die Tricksterstrategie.

Der Manager verwaltet seine Forschung und versucht die akademische Karriereleiter mit möglichst geringem Risiko emporzusteigen. Für diesen Jungforscher-Typus steht nicht die Forschung selbst, sondern das Karriere-Risikomanagement der Forschung im Vordergrund. Der Trickster hingegen versucht seine prekäre Situation „auszutricksen“ und versteckt seine eigenen Projekte hinter verklausulierten Anträgen, um an Geld heranzukommen. Trickster sind unter Biowissenschaftlern aber eher selten anzutreffen.

Die prekäre Lebenssituation von jungen Biowissenschaftlern fördert also, so das Fazit von Sigl, vermehrt Clan-Verhalten und Wissenschaftler, die vorwiegend Risikomana­ge­ment betreiben. Jungforscher, die aus reiner Neugier riskanten aber spannenden wis­sen­schaft­lichen Fragen und Projekten nachgehen, bringt das aktuelle Wissen­schafts­sys­tem hingegen immer seltener hervor.

Gut, die Schlussfolgerung geht damit in eine andere, mindestens ebenso spannende Richtung. Aber könnten Sigls Erkenntnisse hinsichtlich des Strategiewechsels bei zunehmender „System­erfahrung“ nicht auch eine Antwort auf die obige Eingangsfrage liefern — wenigstens in Teilen? Oder gibt es noch andere Aspekte, die dabei mitspielen, dass die „Bosse“ von heute nichts von dem ändern, worüber sie einst als Doktoranden und Postdocs selbst noch heftig meckerten?

Ralf Neumann

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