Empfehlungsschreiben abschaffen?

17. Februar 2021 von Laborjournal

 

Immer wieder wird debattiert über Sinn und Unsinn von Empfehlungsschreiben (Letters of Recommendation) im Rahmen von akademischen Bewerbungen – insbesondere auch über das dahinter verborgene Missbrauchspotenzial. Ein besonders krasses Beispiel für Letzteres brachten wir vor knapp acht Jahren an dieser Stelle. Ein Zitat aus dem damaligen Beitrag:

… Demnach hörte er in seiner Postdoc-Zeit über einen sehr bekannten Institutsdirektor, dass dieser solche Letters of Recommendation komplett für seine eigenen Bedürfnisse zweckentfremdete: War jemand richtig gut, schrieb er absolut lausige Empfehlungen, um sie/ihn möglichst lange in seinem Labor zu halten – genügte dagegen jemand seinen Ansprüchen nicht, lobte er sie/ihn über den grünen Klee, um sie/ihn möglichst schnell loszuwerden.

Offenbar sprach sich dieses ethisch mehr als fragwürdige Gebahren jedoch ziemlich schnell hinter den Kulissen herum, sodass den meisten bald klar war: Stellte sich jemand aus dem Labor dieses Schlaumeiers mit lausiger Referenz vor — unbedingt nehmen!

Auf Twitter wurde diese Diskussion gerade wieder frisch vom Immunologen Daniel Mucida von der New Yorker Rockefeller University aufgeworfen. Frei übersetzt schrieb er…

Das System der „Empfehlungsschreiben“ stärkt eine Kultur der Abhängigkeit, es erschwert die Mobilität von Abhängigen […] Wir sollten dieses System der „Empfehlungsschreiben“ abschaffen und ersetzen – ich bin sicher, wir können uns eine kreativere Lösung einfallen lassen.

… und versah den Tweet mit dem Hashtag #endreferenceletters.

Natürlich gab es darauf unmittelbar jede Menge Zuspruch, den die Autoren manchmal noch um weitere Details oder gar mit eigenen kleinen Anekdoten garnierten. Uns jedoch ist insbesondere die folgende – wiederum frei übersetzte – Antwort des Immunologen Thiago Carvalho vom Instituto Gulbenkian de Ciencia in Lissabon aufgefallen:

Sicher gibt es jede Menge nicht hilfreicher Letters of Reference. Was aber ist mit dem großartigen Studenten, dem jemand anders nur knapp zuvorgekommen ist, oder mit demjenigen, der ein wirklich originelles Projekt übernommen hatte und ein negatives Ergebnis erhielt, oder mit demjenigen, der zwischendrin ein krankes Familienmitglied pflegen musste, et cetera? Wer auf diese Weise aus der Norm fällt, ist ohne eine gutes Empfehlungsschreiben in der Regel dem Untergang geweiht. […] Ich habe jedenfalls einige gute Empfehlungsschreiben gesehen, die in diesem Sinne tatsächlich einen Unterschied gemacht haben.

Die Möglichkeit, so etwas bewirken oder richtigstellen zu können, sollte man bei der Suche nach Alternativen für das „System der Empfehlungsschreiben“ nicht leichtfertig mit über Bord schmeißen.

Ralf Neumann

(Foto: iStock / noella Raymond)

 

Kleine Lügen und echte Schweinereien

23. Januar 2016 von Laborjournal

(Cartoon via www.vadlo.com)

Vor knapp zwei Wochen schrieb Hans Zauner auf Laborjournal online über die Zwickmühlen, in denen viele stecken, wenn sie für ihre akademische Stellenbewerbungen „Letters of Recommendation“ brauchen. Wobei er gleich zu Beginn an deren Bedeutung keinen Zweifel aufkommen ließ:

Ohne Referenzen geht bei der Jagd nach Forscherjobs nichts. Die vertraulichen Briefe können über Karrieren entscheiden.

Wir wollen hier jetzt aber nicht den ganzen Artikel nacherzählen, sondern vielmehr einen ganz besonderen Aspekt dieses Themas nochmals aufgreifen — nämlich die weit verbreitete Praxis, den Bewerber das Empfehlungsschreiben selbst schreiben zu lassen. Zauner schreibt dazu:

Manche Seniorforscher schlagen den Ball ins Feld des Bewerbers zurück: „Gerne mach‘ ich das. Aber schreib‘ den Letter doch bitte gleich selbst, du weißt doch, ich hab keine Zeit für sowas, ich unterschreibe ihn dann.“

Und er fragt gleich hinterher:

Aber ist es fair, wenn sich manche Bewerber ihre Empfehlungen selber schreiben dürfen, während andere voll und ganz den anonymen Beurteilungen ausgesetzt sind?

Eine Meinung präsentiert er auch — nämlich diejenige des Biostatistikers Roger Day von der Universität Pittsburgh, der diese Praxis in Science gerade als klar unsauber verurteilt hat (Vol. 351: 198). Zauner referiert ihn zusammengefasst folgendermaßen:

Den Nachwuchsforschern werde damit beigebracht, dass „kleine Unehrlichkeiten“ in der Wissenschaft nicht nur toleriert, sondern sogar erwartet werden. Und auch dies lernt der Bewerber: „Groß wird man in diesem System offenbar dadurch, dass man Arbeit an weniger Mächtige abwälzt“, schreibt Day. Von da sei es nur noch ein kleiner Schritt zu eindeutig unethischen „Ehrenautorenschaften“ für einflussreiche VIPs, die zu einem Paper nichts beigetragen haben, aber der Studie zu mehr Glanz verhelfen.

Sicher, ist diese Praxis nicht wirklich schön. Aber ob Day mit seinen verallgemeinernden Extrapolationen nicht ein wenig über das Ziel hinausschießt? Klar, ist es eine „kleine Unehrlichkeit“, wenn der Prof den Schützling sein eigenes Empfehlungsschreiben verfassen lässt. Aber ob das tatsächlich gleich eine Keimzelle für generell unethisches Verhalten im akademischen Forschungsbetrieb darstellt? Da muss dann wohl doch noch einiges mehr dazukommen.

Oder?

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