„Impactitis“…

5. März 2020 von Laborjournal

… — schon seit Langem hat sich diese heimtückische Krankheit in Forscherkreisen weiter verbreitet, als es Covid-19 wohl jemals schaffen wird. Und auch ihre schlimmsten Symptome sind weithin bekannt: Anfangs völlig unbemerkt schleicht sich das infektiöse Agens in das Kreativitätszentrum des armen Forscheropfers und polt es langsam aber sicher um — bis der „Patient“ mit seinem ganzen wissenschaftlichen Schaffen nicht mehr danach strebt, möglichst „Großes“ zu entdecken, sondern vielmehr nur noch den Phantomen möglichst „hoher“ Publikationen in High-Impact-Zeitschriften nachläuft.

Ein fataler Irrweg, der in der Summe zwangsläufig die Qualität des wissenschaftlichen Fortschritts untergraben muss — und gegen den bislang noch keine wirklich wirksame Therapie in Sicht ist. Wer sollte die auch entwickeln, wenn gerade diejenigen, die sich besonders effizient in den High-Impact-Journalen tummeln, dafür erst recht belohnt werden? Von Berufungskommissionen, Forschungsförderern, Journal-Editoren, Preis-Jurys,…

Sprichwörtlich kann ja bisweilen schon ein wenig Einsicht der erste Schritt zur Besserung sein. Zumindest schaden kann sie nicht. Hier also ein paar Dosen „Einsicht“:

(1) Relativ gesehen müssen High-Impact-Journals weitaus am häufigsten bereits publizierte Artikel wieder zurückziehen — oftmals wegen Fälschung.

(2) Die Mehrheit der Paper in High-Impact-Blättern werden unterdurchschnittlich zitiert; ihre hohen Impact-Faktoren erreichen sie vielmehr durch wenige Zitations-Blockbuster.

(3) Viele wirklich einflussreiche Studien wurden überhaupt erst jenseits des Zweijahres-Fensters zitiert, in dem sie für die Berechnung des Impact-Faktors mitzählen.

(4) Veröffentlichung in einem High-Impact-Journal ist nicht äquivalent mit wissenschaftlichem Wert. Erst kürzlich zeigte eine Studie, dass wirklich neue Erkenntnisse („novel“) sogar eher in Low-Impact-Zeitschriften erscheinen (Research Policy 46(8): 1416-36).

Bleibt als Ergebnis dieser vier kleinen Therapie-Dosen: Artikel in High-Impact-Journalen repräsentieren also keinesfalls automatisch die beste Forschung, nicht selten sogar ganz im Gegenteil.

Und, wie geht es jetzt Ihrer „Impactitis“? Fühlt sich die eine oder der andere vielleicht schon ein bisschen besser?

Ralf Neumann

Illustr.: iStock / z_wei

Zitat des Monats (24)

23. Januar 2015 von Laborjournal

In einem Kommentar in Times Higher Education macht sich Dorothy Bishop, Professorin für Entwicklungsneuropsychologie an der Universität Oxford, folgende Sorgen um das aktuelle Forschungssystem:

Some top researchers from the past would not have flourished in the current system, because their research was not expensive enough. After a career spanning 40 years, Daniel Kahneman’s elegant experiments led to a 2002 Nobel prize, but they did not require costly equipment or large squads of staff. This kind of research would be devalued in the current system for not generating enough research income.

But there is a deeper concern about changes in our scientific culture. The system of valuing high-impact publications and expensive grants has rewarded those who achieve these goals, and who have a vested interest in perpetuating the status quo. In effect, we may be driving out the very people we need to retain: those who are interested in science as an end in itself, rather than as a way of achieving personal advancement.

 

Zitat des Monats (17)

2. Januar 2014 von Laborjournal

What a let down for the running dogs of citationalism!

… schrieb ein Kommentator im Blog Retraction Watch. Dieser hatte über die Zurückziehung eines Cell-Papers wegen Datenmanipulationen berichtet, die ziemlich sicher noch weitere Retraktionen in Nature und anderen „hochrangigen“ Journals nach sich ziehen wird. Die Ironie an der Geschichte, auf die sich auch das Zitat bezieht: Das betroffene Flanders Institute for Biotechnology (VIB) in Ghent vergibt Prämien an Forscher, die regelmäßig „besonders hoch“ publizieren.

Zitat des Monats (15)

23. Oktober 2013 von Laborjournal

Der kanadische Verhaltensforscher und Professor Emeritus Bennett Galeff mag so einiges nicht an dem Weg, den die moderne Forschung gerade eingeschlagen hat:

I doubt that I would  fare particularly well in today’s academic environment. At least at my University, there is currently an emphasis on participation in collaborative mega-grants, having a large laboratory, publication in a handful of journals with the highest citation indexes and pursuit of coverage by the local popular press. None of these things have been of particular interest to me. Quite the contrary.

(Current Biology, vol. 19(6): R228–R229)

Schaut doch bitte, bitte mal nach Mikroproteinen!

22. Dezember 2012 von Laborjournal

Okay, Okay — es ist nur Luft. Sieht aber spitze aus, oder?

… und doch noch ein Post vor Weihnachten. Einfach zu schön, wie Stephan Feller von der Universität Oxford im Editorial der jüngsten Ausgabe von Cell Communication and Signaling (vol. 10:42) das zunehmende „Overhyping“ gewisser Forschungsergebnisse auf die Schippe nimmt. Schon das Abstract lässt keinen Raum für Fehldeutungen:

With iPS cells, sncRNAs, chromatin modification regulation and cancer stem cells already cooling off again, i.e. not being guaranteed publications in the ‚ultimate‘ journals anymore, what will be very soon the new red-hot (or super-cool, i.e. anything but lukewarm) ‚kid on the block‘? We would vote for microproteins. In case you do not know what they are, no need to worry: nobody does.

Mikroproteine also. Oder weil bekanntlich knackige Abkürzungen die Musik machen: miPs. Wobei das enorme Potential dieser miPs natürlich klar ist:  Diesen Beitrag weiterlesen »

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