„Forschungserfolg hängt auch von der Abwesenheit gewisser Hindernisse ab“

19. November 2018 von Laborjournal

Und immer wieder fragt die Wissenschaftspolitik: Wie bekomme ich möglichst gute Forschung, Spitzenforschung gar? Mit viel Geld, das ich in aufwendige Wettbewerbe pumpe? Wie etwa zuletzt in der Exzellenzstrategie?

Unserem Chefredakteur kommt bei diesem Thema immer wieder ein kurzer Aufsatz des finnischen Evolutionsökologen Juha Merilä in den Sinn. Einige Abschnitte daraus (aus dem Englischen übersetzt):

Ein Charakteristikum kreativer Forschungsumgebungen ist, dass sie in der Regel recht klein sind und damit enge und intensive Interaktionen zwischen den Individuen fördern.

Des Weiteren nennen Beschreibungen kreativer Forschungs­um­fel­der immer wieder die Bedeutung der sogenannten „kollek­tiven Kreativität“. Diese entsteht als emergente Eigenschaft aus den Wechselwirkungen von Personen mit unterschiedlichen Fähig­kei­ten, Ansichten und Ideen innerhalb eines informellen For­schungs­netz­werks.

Solche informellen Forschungsnetzwerke stehen übrigens in scharfem Kontrast zu bürokratischen Organisationen, die vor allem Wiederholbarkeit und Vorhersagbarkeit schätzen — und daher Kreativität wegen der ihr innewohnenden Unbe­rechen­bar­keit eher hemmen. Hierarchiefreie, ungezwungene Wechsel­wir­kun­gen scheinen folglich wesentliche Bestandteile für die Ge­stal­tung kreativer Forschungsumgebungen zu sein.

Nicht wirklich das, was mit der Exzellenzstrategie gerade beherzigt wird. Und das nicht nur, da in deren Rahmen enorme zusätzliche Ver­wal­tungs­kapazitäten geschaffen werden mussten…

Doch es geht noch weiter bei Merilä:

Ein interessantes Merkmal kreativer Forschungsumgebungen ist, dass man die Gründe für ihr Entstehen zumindest teilweise erkennt und versteht — dass es aber viel schwieriger ist, die Ursachen für entsprechende Misserfolge zu verstehen. Mit anderen Worten, es gibt ein „Unsichtbarkeitsproblem“: Während wir von den positiven Beispielen lernen können, sind die negativen — Fälle also, wo alle vermeintlich notwendigen Bestandteile vorhanden waren, aber dennoch „nichts Besonderes“ entstand — viel schwerer zu durchdringen. Klar ist nur, dass Forschungserfolg offenbar nicht nur vom Zugang zu den notwendigen Ressourcen abhängt — ob materieller oder immaterieller Art —, sondern auch von der Abwesenheit gewisser Hindernisse.

Wenn wir daher versuchen, kreative Forschungsumgebungen zu gestalten, scheint die Identifikation solcher Hindernisse ebenso wichtig zu sein wie die Ermittlung der begünstigenden Faktoren — wenn nicht sogar wichtiger. Denn wie wir alle wissen, sind empfindliche Geräte schwer zu bauen, gehen aber sehr leicht kaputt.

Womit die Frage auf der Hand liegt, ob durch üppig aufgezogene Wettbewerbe um große Förderprogramme nicht doch eher das eine oder andere Hindernis erst errichtet wird.

Ralf Neumann

(Foto: Shutterstock / skyfish)
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