Wie Forscher zu Migranten werden…

17. Dezember 2018 von Laborjournal

(Viel wird gerade über Migration gesprochen in Deutschland und Europa. Dies tut auch der Autor des folgenden Briefes. Allerdings bekommt darin „Migration“ im wissenschaftspolitischen Zusam­men­hang eine ganz andere Note…)

Mit diesem Brief möchte ich Sie auf einen wei­te­ren „Migrationsfall“ in der Bil­dungs­re­pub­lik Deutschland aufmerksam machen.

Als Sohn eines Winzers habe ich es trotz drohender Auslese beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium (Originalzitat der Grundschulleitung: „Was will der Sohn eines Bauern auf dem Gymnasium?“) schließlich zum Biologie-Studium und sogar zur Habilitation gebracht.

Kurz bevor der Ablauf der Frist des Wissen­schafts­zeit­ver­trags­ge­setzes mich zum Taxi­fah­rer degradiert hätte, konnte ich an einer süd­deut­schen Universität (Baden-Württemberg) eine Stellenhülse ergattern. Um diese Hülse mit Gehalt zu füllen wurde ich in Häppchenverträgen an eine Norddeutsche Universität (Nieder­sachsen) abgeordnet. Der Länderfinanzausgleich auf dieser Ebene läuft also optimal. Nachdem mir die Norddeutsche Universität siebeneinhalb Jahre die Karotte einer festen Stelle vor die Nase gehalten hat, wurde mir diese aufgrund von Strukturänderungen nun genommen.

In der Zwischenzeit habe ich alles getan, wozu ein Bürger unsers Landes aufgerufen ist. Ich habe eine Familie gegründet und drei zukünftige Steuerzahler in die Welt gesetzt. Ich habe gebaut und bin aufs äußerste mobil. Schließlich bin ich fast acht Jahre zwischen Süd- und Norddeutschland gependelt — selbstverständlich auf eigene Kosten. Meine Frau bekam auf diese Weise als verheiratete und alleinerziehende Diplom-Biologin genug Möglichkeit, sich in der Erziehung unserer Söhne zu verwirklichen — während ich erfolgreich BMBF-, GIZ- und EU-Mittel einwarb, sowie forschte, publizierte und habilitierte.

Meine BAföG-Rückzahlung habe ich vor zwei Jahren abgeschlossen, da es mir wegen des Unterhalts der drei Kinder nicht möglich war, einen Frührückzahlungsrabatt in Anspruch zu nehmen. Zum Glück habe ich es gerade noch geschafft, bevor mein eigener Sohn im letzten Jahr zu studieren anfing.

Da aufgrund der vergangenen Hochschulreformen a) der Mittelbau an den Universitäten nicht mehr existiert und b) nur dreißig Prozent aller deutschen Wissenschaftler überhaupt eine der übrig gebliebenen Stellen innehaben (Zahlen des BMBF), sehe ich mich nun gezwungen, eine Stelle im Ausland anzunehmen. Dort sind 75 Prozent aller Wissenschaftler in fester Anstellung, und in meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich in zwei Jahren einen Anspruch auf Beförderung habe. Solch eine Formulierung war mir aus meinen bisherigen Häppchenverträgen in Deutschland völlig fremd.

Nun gehöre ich also zu derjenigen Kategorie von europäischen Bürgern mit Migrationshintergrund, die in den aktuellen Debatten keine Rolle spielt — obwohl man mich nach dem oben Gesagten irgendwie schon als (wissenschafts-)politischen Flüchtling bezeichnen kann. Aber sei’s drum, ich will nicht undankbar sein: Immerhin bekam ich in Deutschland eine teure und exquisite Ausbildung. Meine Expertise und Erfahrung stelle ich jetzt aber dem Herkunftsland meiner Mutter zur Verfügung. Dort freut man sich, denn am Ende wird man nur meinen Lohn bezahlt haben müssen.

Illustr.: www.clipartmax.com

Kommen sie schon, die Forscher aus Brexit-Country und Trump’s Nation?

12. September 2017 von Laborjournal

Spätestens seit dem Frühjahr konnte man nahezu überall nachlesen, dass England nach dem Brexit einen Brain Drain an Akademikern erleiden würde — zuletzt unter anderem hier. Bevorzugtes Ziel dieser Kandidaten: Deutschland.

Ähnliches verlautet seit diesem Jahr auch aus den USA, die ja bis dato weithin als DAS Scientific Betterland schlechthin angesehen wurden. So wurde beispielsweise erst letzten Monat der US-Bioklimatologe Ashley Ballantyne von der University of Montana folgendermaßen zitiert:

It used to be that European scientists would come to the US for opportunities. But I think the tides are turning, and there have been several really well-respected, midcareer scientists leaving for institutions in Germany and Switzerland and France [and] England. … In some respects, there’s been a bit of a reverse brain drain.

Donald Trump macht’s offenbar möglich!

Doch kommen tatsächlich Wissenschaftler aus UK oder den USA hierzulande an? Bisher scheint es dazu allenfalls anekdotische Hinweise zu geben — wie etwa denjenigen unseres Sommeressay-Autoren Stephan Feller, der uns vor zwei Wochen via E-Mail wissen ließ:

Im Moment ist gerade ein ‚Fenster offen‘, um tolle Jungforscher aus USA und UK nach Deutschland zu holen (dank Trump und Brexit). Wäre vielleicht auch mal einen Artikel wert.

Konkretes Beispiel: Wir haben in Nature eine W1 Juniorprofessur (tenure track) an der MLU Halle ausgeschrieben und erwarten alleine aus Oxford fünf bis sechs Bewerber. Die Frist ist noch nicht um, daher habe ich noch keinen Gesamtüberblick, aber mindestens ein weiterer Bewerber ist noch von einer US- Eliteuni dabei.

Tja, und weil wir jetzt wirklich ausloten wollen, ob das Thema einen Artikel wert ist, fragen wir hiermit unsere Leser: Gibt es an Ihrer Einrichtung auch bereits Anzeichen für einen derartigen Brain Gain aus den USA und dem UK? Und wenn ja, betrifft das gesteigerte Interesse tatsächlich auch Kandidaten aus den dortigen Elite-Einrichtungen?

Wir sind dankbar für jede Rückmeldung, vor allem für weitere konkrete Beispiele. Entweder gleich hier unten als Kommentar auf diesen Post, oder direkt als E-Mail an die Redaktion.

 

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