Wutschrift eines Physikers über die «Forschungskultur» in der Biomedizin

10. September 2018 von Laborjournal

In schöner Regelmäßigkeit erhalten wir von unseren Lesern E-Mails, die man im Englischen als «Rant» bezeichnen würde. „Wutschrift“ oder „Tirade“ würde es im Deutschen wohl am ehesten treffen. Und natürlich sind es meist irgendwelche Zustände im hiesigen Wissenschaftssystem, die den Autoren immer wieder die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Mit dieser allgemeinen Einleitung sollte die Neugier auf ein konkretes Beispiel geweckt sein. Also gut, nehmen wir etwa die folgende Mail, die uns ein Physiker bereits vor einiger Zeit zuschickte und in der er zwar nur kurz, aber heftig über die Verhältnisse in der biomedizinischen Forschung ablederte. Geben wir ihm also selbst das Wort:…

Als Physiker, genauer gesagt als Theoretiker, der eher Einzelkämpfertum gewohnt war, geriet ich vor Jahren vom Hamburger DESY, also der Hochenergiephysik, in die biomedizinische Forschung — und ich kann nur sagen: Ein echter Kulturschock! PI-Kult und Impact-Faktor-Fetischismus ohne Ende. Dazu eine ausgeprägte Projektitis: Jedes Projekt kündigt mindestens die ultimative Erklärung für irgendetwas an, wenn nicht dazu sogar noch Firmenausgründungen, Patente und vieles andere mehr. Völlig logisch daher, dass die Antragsteller auf diese Weise schon im Antrag versprechen, was am Ende rauskommen wird (deliverables) — und in welchen Zeitabschnitten (milestones). Reine Beutegemeinschaften, meist mit einem Haupt-Beutegreifer.

Preprints — in der Physik fest etabliert — scheinen in der Biomedizin als Teufelswerk verschrien. Seit zehn Jahren versuche ich meinen Chef von Preprint-Publikationen zu überzeugen. Doch ich höre immer nur: Beim Publizieren fängt man bei Nature, Science und Co. an. Fast immer wird das Manuskript abgelehnt, und man schreibt es für das nächste Journal um, et cetera — um es schließlich nach einem halben Dutzend Versuchen in einem passenden Journal unterzubringen. Am Ende ist dafür dann mehr Zeit vergangen als für die Forschung selbst.

Was für eine irrsinnige Verschwendung von Zeit und Steuergeldern! Und am Ende muss man sich dann anhören: „Associate-Professor wollen Sie werden? Dafür haben sie aber nicht genügend Paper pro Zeiteinheit geschrieben.“

Schlimmer noch trifft’s die Doktoranden und Postdocs: Die sind eh nur Verbrauchsmaterial — fast schon Sklaven, mit denen man machen kann, was man will. (Kürzlich sagte bei uns etwa ein PI zum Erstautor eines Manuskripts: „Ich habe mit meinem PI-Kumpel beim Mittagessen über das Paper geredet, deshalb muss er mit auf die Autorenliste.“ Und das zielgenau nach der zweiten Revision, als klar war, dass das Paper durchkommt…) Ein Aufstand ist nicht möglich, sonst kann man sich den nächsten Zeitvertrag abschminken — nur um dann nach 15 Jahren doch auf der Strasse zu landen.

Programme, die mit viel Geld und Zeit gestartet wurden, verrotten vor solchem Hintergrund mannigfach auf irgendwelchen Servern — weil irgendwann keiner mehr da ist, um sie zu pflegen und weiterzuentwickeln. Wieder viel Steuergeld für die Katz‘! Kontinuierlicher Aufbau von Wissen und Knowhow findet so kaum statt — auch weil es ja keinen akademischen Mittelbau mehr gibt, der ihn weiter tragen könnte. Dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz sei dank!

So wird man die großen Fragen sicher nicht lösen. Sei es die nach der Entwicklung eines ganzen Lebewesens aus nur einer befruchteten Eizelle, oder die, warum wir altern und sterben, oder warum es überhaupt Leben auf der Erde gibt…

Irgendwelche Einsprüche? Bestätigungen? Relativierungen? Oder gleich noch einen «Rant» hinterher? …

Nehmen wir gerne! Als Kommentar hier unten oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.

Illustr.: DeviantArt / baleshadow

 

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8 Gedanken zu „Wutschrift eines Physikers über die «Forschungskultur» in der Biomedizin“

  1. Yannick sagt:

    Alles sehr richtig beobachtet. Mein Mitbewohner ist theoretischer Physiker und begeistert vom Wissenschaftssystem. Ich bin Biologe und ausgestiegen. Dabei wollten wir doch das Gleiche erreichen: neues Wissen.

  2. Trifft so, mehr oder weniger, auf grosse Teile der Biomedzin zu, würde ich aus meiner Perspektive sagen.

  3. Laborjournal sagt:

    Gerade kam auf Twitter folgender Kommentar rein:

  4. Michael sagt:

    Es trifft auf den kompletten biowissenschaftlichen Bereich zu. Und als jemand, der selber ausgestiegen ist, kann ich diesen Bereich auch nicht mehr empfehlen. Die Arbeits- und Zukunftsbedingungen sind einfach zu schlecht. Und studieren/promovieren um dann Pharmavertreter zu werden kann es ja auch nicht sein.

  5. D sagt:

    Ich verstehe die Wut dahinter und gebe dem Autor recht. Aber deshalb die biomedizinische Forschung an den Akademien gänzlich aufgeben und den Privatfirmen überlassen? Kann doch auch nicht die Lösung sein.

    Ich schließe erst einen Master in diesem Feld ab, trotzdem bekam ich in den letzten Monaten diesen Druck der PI auf die PhD Studierenden mit. Ich frage mich also, was tun? Wie kann man diesen Trend ändern um in Zukunft wieder Wissenschaft zu betreiben?

    Über konstruktive Vorschläge würde ich mich sehr freuen 🙂

  6. Laborjournal sagt:

    Noch ein Kommentar via Twitter:

  7. Lieber D,

    in dieser frühen Phase kann man leider nicht viel tun, das ist eigentlich unser Job: wir Alten können da Hebel umlegen, allerdings sind auch wir mittlerweile in der Unterzahl:

    GlamHumpoer Labore werden von GlamHumpern bevölkert. Da die GlamMagz das Geld fliessen lassen, werden diese Labors grösser und bilden so mehr neue GlamHumper aus, als andere Labors. Nach der ersten Vorlesung Evolutionsbiologie, weiss jeder wo das hin führt.

    Nach knapp 25 Jahren in diesem Betrieb bin ich der Meinung, dass man diese Evolution nur stoppen kann, indem man dafür sorgt, dass es diese Journale nicht mehr gibt: Abonnements abbestellen und damit den Geldhahn zudrehen.

    Also das einzige was Studierende/Doktoranden machen können, ist sich zu organisieren und bei den Bibliotheken Druck zu machen, die Abonnements alle abzubestellen. Mit Unpaywall, Sci-Hub et al. kann man heute ja eh an alles auch ohne Abonnement ran kommen.

  8. bombjack sagt:

    […]auch weil es ja keinen akademischen Mittelbau mehr gibt, der ihn weiter tragen könnte.[…]

    Ketzerische Frage: Gilt das auch für TAs?

    Als ich aus Honolulu zurück kam, wo ich als TA an der dortigen Uni u.a. Labormanager, Peptidsynthese-Experte (mit nach 6 Semestern abgebrochenem Chemiestudium), „Gerätedesigner“ (als gelernter Werkzeugmacher) und „Mädchen für Alles“ war, und mich hier in Deutschland bewarb, gab es nur Zeitverträge. An meinen fünf Fingern konnte ich demnach abzählen, dass ich nach einigen Jahren wieder auf Jobsuche sein würde… Auch damit geht eine Menge methodischen Wissens verloren… Mal ganz zu schweigen, dass derjenige ja nicht jünger wird und Zukunftssicherheit anders aussieht…
    Meint jemand, der dann 2010 an einer Uni in der Schweiz eine Dauerstelle als TA ergattert hat und im Dezember 50 Jahre alt wird…

    bombjack

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