Stell Dir vor, keiner gutachtet mehr

12. Januar 2010 von Laborjournal

Es ist noch gar nicht lange her, da war ein US-Professor derart genervt davon, wie oft ihn Forschungsorganisationen und Zeitschriften um Gutachten zu Föderanträgen und Manuskripten baten, dass er zu einer drastischen Maßnahme griff. Zuerst sortierte er gewissenhaft aus, welche Organisationen und Zeitschriften tatsächlich wichtig für ihn und seine Forschung waren; dann schrieb er allen anderen ein und denselben Brief mit der Kernaussage: „Ich schlage Euch folgenden Deal vor: Ihr schickt mir keine Manuskripte/Anträge mehr, und ich schicke Euch auch keine. Fazit: Ich muss nichts für Euch begutachten, und ihr nichts von mir.“ Klingt fair, oder?

Leider gibt es keine Kunde davon, wie die jeweiligen Adressaten reagierten. Allerdings zeigt die nette Anekdote auch so, wie sehr die „Ehrensache“ als Peer zu fungieren die Forscher mittlerweile von ihrem „Kerngeschäft“ — dem Forschen — abhält. Dabei ist die Gutachterei tatsächlich vorrangig „Ehrensache“ und keineswegs Pflicht. In ihrem Aufsatz „Die netten peers von nebenan“ schreibt Christine Prußky in der aktuellen Ausgabe  der Deutschen Universitätszeitung duz denn auch unter anderem  folgendes:

Die Spreu vom Weizen trennen. Was bisweilen leicht und schnell erledigt ist, kann manchmal einfach nur lästig sein und abhalten von dem, was unbestritten zur Dienstpflicht des Professors gehört: Forschung und Lehre nämlich. Dass auch das Schreiben von Gutachten zum Professorenberuf gehört, ist dagegen juristisch längst nicht ausgemacht. Prof. Dr. Max-Emanuel Geis, Staatsrechtler an der Universität Erlangen-Nürnberg, nennt derlei Behauptungen jedenfalls schlicht „Humbug“. Für Geis gehören „Gutachten nur zur Dienstpflicht eines Professors, wenn sie vom Dienstherren, also dem Rektor beziehungsweise Präsidenten oder dem Ministerium, explizit bestellt werden. Als Peer für eine Forschungsförderorganisation tätig zu sein, gehört zwar auch zum wissenschaftlichen Leben in Deutschland. Die Teilnahme an diesem Leben beruht aber auf einer freien Entscheidung des Professors.“ Mit anderen Worten: Die Profs könnten geschlossen Nein sagen, Honorare fordern – und damit das gesamte Vergabesystem in Deutschland auf den Kopf stellen.

Ja, nicht nur der Vereinssport funktioniert kaum ohne Ehrenamt.

(Photo: iStockphoto / gill henshall)

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