Nobelpreis reformieren oder abschaffen!

23. September 2015 von Laborjournal

In zwei Wochen ist wieder „Nobelpreiswoche“. Zeit und Gelegenheit, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen über Sinn, Zweck und Wirkung der höchsten Auszeichnung, die ein Wissenschaftler je bekommen kann.

Jedes Jahr würdigt das schwedische Nobel-Komitee die wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften in ausgewählten Fachgebieten, indem es den Preis an bis zu drei Hauptentdecker verleiht. Diese Einschränkung (Alfred Nobel wollte ursprünglich gar keine Aufteilung der jeweiligen Preise!) erzeugt aber eine Gewinnermentalität, die nicht unbedingt dem Wohl der Wissenschaft dient. Während die anderen Mit-Entdecker leer ausgehen, genießen die Nobelpreisträger neben dem Geldpreis von 842.000 Euro pro Kategorie, einer Medaille aus echtem Gold und allerbesten beruflichen Aussichten auch die höchste gesellschaftliche Bekanntheit und Anerkennung. Mit dem Nobelpreis wird nämlich auch stillschweigend der Nimbus des Genies oder Übermenschen verliehen. Der Nobelist (es sind nun mal größtenteils Männer) wird von den Massenmedien und der Populärkultur zu einer höheren moralischen Instanz ernannt und als Experte für alles, wenn nicht gleich als Prophet, akzeptiert. Und genau aus diesem letzteren Grund finde ich, der Nobelpreis gehört entweder abgeschafft oder radikal umgewandelt. 

Zunächst zum Problem der falschen Exklusivität. Das Nobel-Komitee muss zwei schwerwiegende und fehleranfällige Entscheidungen treffen: Erstens, welches sind tatsächlich die wichtigsten Entdeckungen? Im naturwissenschaftlichen Bereich gelten bis heute, wie schon zu Zeiten des Preisstifters, lediglich Medizin (bzw. Physiologie), Chemie und Physik als für die Menschheit besonders wichtig. Die biologische Grundlagenforschung gewann aber seitdem derart an Bedeutung, dass sie die drei preiswürdigen Felder locker an Publikationsausstoß und Forschungsinvestitionen übertrifft. So gehen oft die Chemie- und Medizin-Nobels an die sogenannten Lebenswissenschaftler, zum Nachteil der ursprünglichen Preis-Disziplinen.

Ansonsten ist nicht alles, was das Nobel-Komitee für preiswürdig ansieht, frei von Kontroverse. Die Vergabe des Preises in 1949 für die Entwicklung der Lobotomie, der tausende wehrlose Psychiatrie-Patienten zum Opfer fielen, war wohl der krasseste Fall. Aber auch der 1997er-Nobelpreis für die Entdeckung der Prionen als neuartige hirnschädigende Infektionsagenten wird gelegentlich als voreilig vergeben kritisiert. Denn sobald etwas das Nobel-Siegel bekommt, wird es zu einem unumstößlichen Wissenschaftsdogma, insbesondere für Förderinstitutionen. Forschungsprojekte, die das Prionen-Modell kritisch angehen wollten, hatten daher nach der Preisverkündung mit ausgeprägten Finanzierungsproblemen zu kämpfen.

Sobald in Schweden eine Entdeckung in die engere Auswahl kommt, wird es noch komplizierter. Wer genau soll den Preis bekommen? Heutzutage wird die Wissenschaft fast immer als kommunale Anstrengung betrieben — nicht einzelne Forscher konkurrieren und kollaborieren, sondern ganze Labore, Institute und Konsortien. Den Nobelpreis dürfen aber maximal nur drei Personen erhalten. So bekommen den Preis letztlich diejenigen, die das entscheidende Projekt initiiert und gemanagt haben. Gelegentlich aber auch die, die sich rechtzeitig in Szene setzten und keine Skrupel hatten, unliebsame Konkurrenten beiseite zu wischen.

Die Wissenschaftler Arturo Casedevall und Ferric Fang, bekannt für ihre objektive und sachliche Kritik des Forschungsbetriebs, argumentieren in ihrem Artikel „Ist der Nobelpreis gut für die Wissenschaft?“ mit einer langen Liste vergessener und auch schamlos ausgenutzter Entdecker, die vom Nobelpreis-Komitee übergangen wurden. Meist passierte es wohl, weil die maximale Zahl der drei Forscher erreicht war.

Der Nobelpreis von 2011 für die Entdeckung der angeborenen Immunantwort war hierfür gleich in zweifacher Hinsicht ein Paradebeispiel. Zum einen protestierten Fachkollegen, dass Ruslan Medzhitov (und sein inzwischen verstorbener Mentor Charlies Janeway) eine mindestens genau so große Rolle bei der Erforschung des Toll-Rezeptors spielten wie der Gewinner Bruce Beutler (siehe etwa hier). Zum anderen zeigte die damalige Preisverleihung auch, dass die „Junior“-Forscher grundsätzlich nicht in die engere Auswahl kommen, wenn es eng wird. So strich Jules Hoffmann 2011 den anderen Teil der Nobel-Ehre ein, und nicht etwa sein damaliger Postdoc Bruno Lemaitre. Wie Lemaitre selbst in seinem Blog berichtet, habe er das Projekt, welches das Feld revolutionieren sollte, damals fast im Alleingang gestemmt, während sein (fachfremder) Chef nur ein sehr mäßiges Interesse dafür zeigte. Dies änderte sich natürlich, als Hoffmann für den Nobelpreis in Frage kam und diesen letztlich auch erhielt. Die entscheidende Leistung seines Postdocs Lemaitre will Hoffmann seitdem aber grundsätzlich nicht würdigen.

Dass dies in solchen Fällen auch anders geht, bewies der Chemie-Nobelpreis von 2008. Damals ignorierte das Nobel-Komitee beim Preis für die Entdeckung des fluoreszierenden GFP-Proteins Douglas Prasher, der immerhin das zugehörige Gen isolierte, klonierte und sequenzierte. Die beiden stattdessen ausgewählten Gewinner, Martin Chalfie und Roger Tsien, luden den „gescheiterten Wissenschaftler“ Prasher, der damals als Shuttle-Fahrer einer Autowerkstatt arbeitete, auf eigene Kosten zur Preisverleihung nach Stockholm ein und würdigten ihn dort explizit. Dieses Bisschen an verspäteter Anerkennung verhalf ihm immerhin, wieder in die Forschung zurückkehren zu können — in das Labor des Preisträgers Tsien.

Genauso schlimm wie solche Fälle ist jedoch der Automatismus, dass die Nobelpreisträger aufgrund ihres „Genies“ plötzlich zu Experten für alle möglichen Dinge werden, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben. Was dann leider allzu oft passiert, ist, dass sie ihren Genie-Ruf (wie auch ihre gleichsam mit dem Nobelpreis erworbene Macht und ihren Einfluss) dazu nutzen, andere Forschungsfelder mit haarsträubendem Unsinn zu kontaminieren. Der Nobel-gekrönte PCR-Entdecker Kary Mullis beispielsweise hält AIDS für eine Verschwörung, die nichts mit HIV zu tun habe. Und das ist nur eine von seinen wirren pseudowissenschaftlichen Theorien. Weitere Beispiele für diesen „Morbus Nobel“ – etwa zu Linus Pauling, dem Ehepaar Curie, Nikolaas Tinbergen oder Luc Montagnier — gibt es hier.

Als Genies sind Nobelpreisträger anscheinend über jede Kritik erhaben und überall gern gesehen. Ganz egal, wie problematisch ihre Weltanschauungen sein mögen. Konrad Lorenz, Verhaltensforscher und Preisträger von 1973, war ein Nazi, der auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches weiter die Eugenik, sprich den Ausschluss „minderwertiger“ Menschen von der Fortpflanzung, predigte. Auch der US-amerikanische Entdecker des Halbleiters, William Shockley, Nobelpreisträger von 1956, war ein übler Eugeniker und Rassist. Den im Jahr 1962 für die Entdeckung der DNA-Doppelhelix geehrten James Watson machte sein Rassismus erst 40 Jahre später zum Paria. Bis dahin konnte er seine unappetitlichen Ansichten, auch zu Frauen und Homosexuellen, ungestört überall kundtun.

Die zuletzt aktuelle Debatte um den 2001 geehrten Entdecker der Zellzyklus-Steuerung, Tim Hunt, zeigte, dass es nicht immer eine gute Idee ist, Veranstaltungen ohne näheren Anlass mit Nobelisten zu dekorieren. Hunts Versuch, bei der Ehrung der weiblichen Wissenschaftsjournalisten in Korea witzig zu sein, ging nach hinten los. Ob Hunt wirklich Frauen in der Wissenschaft benachteiligen würde, sei dahin gestellt (es gibt aber Anhaltspunkte dazu). Bezeichnend aber ist, dass die Hunt-kritischen Zeugenaussagen schnell an Glaubwürdigkeit verloren, als ganze acht Nobelpreisträger diese anzweifelten. Dies, obwohl sie gar nicht dabei waren. Einer von ihnen, Andre Geim, Graphen-Entdecker und Preisträger von 2010, vermutete gar einen zersetzenden Einfluss der ethnischen Minoritäten und der militanten Feministen hinter Hunts „Kreuzigung“. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die gelegentlichen öffentlichen Äußerungen mancher Preisträger zuweilen nicht unbedingt zur Würde des Nobelpreises beitragen.

Der Nobelpreis spielt sicherlich eine unschätzbar wichtige Rolle dabei, die breiten Schichten der Gesellschaft für die Forschung zu begeistern. Aus meiner Sicht ist er aber oft ungerecht und schafft falsche Idole. Das Nobel-Komitee sollte die Wissenschaft ehren, und nicht auserwählte Wissenschaftler. Wie schon Casedevall und Fang vorschlagen, sollte der schwedische Nobelpreis, ähnlich dem norwegischen Friedensnobelpreis, auch an Gruppen und Verbünde verliehen werden dürfen. Wenn man dann Dutzende von Forschern für ihre ausgezeichnete Gemeinschaftsleistung ehrt, kann sich niemand mehr so einfach zum Genie ernennen lassen oder sich mit den Meriten anderer schmücken. Der übertrieben hohe Geldpreis sollte lieber dazu verwendet werden, alle unmittelbar an einer preiswürdigen Entdeckung beteiligten Forscher nach Stockholm einzuladen und angemessen öffentlich zu ehren.

Wenn das königliche schwedische Nobel-Komitee aber darauf beharrt, weiterhin im Denken des 19. Jahrhunderts stecken bleiben zu wollen, wäre es aus meiner Sicht besser, den Nobelpreis komplett abzuschaffen.

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7 Gedanken zu „Nobelpreis reformieren oder abschaffen!“

  1. Ute Gerhardt sagt:

    Eine Frage, weil das für mich aus dem Text nicht so ganz klar hervor geht: Bezüglich der Weltanschauung, was genau ist da die Forderung? Jemandem mit inakzeptablen Privatansichten auch für seine wissenschaftlichen Leistungen prinzipiell keinen Preis zu verleihen? Unabhängig davon, ob die beiden Bereiche einander tangieren oder nicht? Oder ihn nur nicht zu Veranstaltungen einzuladen? Letzteres wäre für mich völlig verständlich, ersteres offen gestanden nicht…

  2. Liebe Ute Gerhardt, tut mir leid wenn es missverständlich rüber kam. Natürlich ging es mir um das letztere, das Nicht-Einladen zu Veranstaltungen. Aber das Problem würde sich erübrigen, wenn der Preis an Forschergruppen vergeben wird und die Genie-Huldigung damit aufhört.

  3. BadBoyBoogie sagt:

    Die Nobelpreisverleihung ist das einzige regelmäßig wiederkehrende Ereignis, das die Bedeutung der modernen Wissenschaft in den Fokus auch des „Normalbürgers“ rückt – übertroffen nur noch von Ereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft und dem Oktoberfest. Man würde daher der Wissenschaft einen wahren Bärendienst erweisen, würde man diese einmalige Gelegenheit abschaffen und damit die Biologie (jaja, ich weiß: der Preis ist für die Medizin/Physiologie…!), die Physik und die Chemie gesellschaftlich quasi unsichtbar machen. Bloß nicht!

  4. Ralf Neumann sagt:

    Habe nicht den Eindruck, dass die gerade frisch verkündeten Laureaten jetzt daraufhin im obigen Sinne Porzellan zertrampeln werden. Wie das eben bei den allermeisten anderen Preisträgern ebenfalls nicht der Fall war/ist…

  5. Panagrellus sagt:

    Ich glaube auch nicht, dass die Nobelpreisträger aus Überheblichkeit Porzellan zertrampeln. Aber das Besondere am Nobelpreis ist doch, dass die Preisträger sich plötzlich zu allem möglichen äußern sollen – und dafür erhebliche Aufmerksamkeit bekommen, ob sie sich im Thema auskennen oder nicht.

    Jüngstes Beispiel: Südhof in der FAZ
    http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/nobelpreistraeger-thomas-suedhof-ueber-burnout-smartphones-und-staendige-erreichbarkeit-13837125.html

    Er erzählt zwar hier keinen so ganz großen Unsinn, soweit ich feststellen kann, und er weist auch selbst darauf hin, dass er kein Psychiater ist. Aber wieso befragt man jetzt den Südhof ausführlich zu Burnout und den Risiken der Smartphone-Nutzung? Hat er dazu jemals publiziert? Gibt’s da nicht bessere Experten?

  6. BadBoyBoogie sagt:

    „und dafür erhebliche Aufmerksamkeit bekommen, ob sie sich im Thema auskennen oder nicht“

    Sag ich doch.

    Und natürlich ist’s bescheuert, wenn sich ein öffentlich bislang eher unsichtbar-blasser Reagenzglasschwenker und Antragschreiber plötzlich als Universalgenie zum Weltfrieden, zur Ebolakrise oder zu extraterrestrischen Intelligenzen gleichermaßen äußern soll und muss. Aber immer noch tausendmal besser, das macht jemand, der wenigstens ansatzweise weiß, worüber er spricht, als ein TV-Quiz-Moderator, ein Politiker oder ein Popsternchen.

  7. Hallo BadBoyBoogie,
    ich kann Deine Argumentation nicht ganz nachvollziehen. Was ist denn falsch daran, einfach einen tatsächlichen Experten zu etwas zu befragen, anstatt eines Prominenten wie Nobelpreisträger (oder Fernsehmoderator)? Warum dieser Celebrity-Zwang? Sind „normale“ Wissenschaftler sonst zu unattraktiv oder zu unbekannt, um der Öffentlichkeit die Forschung zu erklären?

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