Unser täglich Brot gib uns heute…

14. November 2014 von Laborjournal
 
Wie wirken Ökologie und Religion zusammen? Ein neues Paper sagt: Vielleicht stärker, als man bislang dachte. Gedanken dazu von unserem Autor Leonid Schneider.
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Unser Planet bietet die verschiedensten klimatischen Zonen. Fast alle wurden von Menschen besiedelt. Alle diese verschiedenen menschlichen Gesellschaften entwickelten nachfolgend ihre eigenen Kulturen und Sozialstrukturen — aber auch ihre eigenen Religionen. Unter sämtlichen diversen Glaubensvorstellungen gibt es viele, die das individuelle Verhalten sanktionieren und die Regeln des Zusammenlebens festlegen. Fachleute bezeichnen sie als „moralisierend“. Warum aber haben Menschen an manchen Orten der Erde sich solche strengen, moralisierenden Götter als Autoritäten zugelegt, während die Götter anderer Kulturen sich eher selten vorschreibend ins Privatleben ihrer Gläubigen einmischten? Kurzum, warum war der alttestamentarische Gott ein paranoider mordlustiger Kontrollfreak, während die alten Griechen gewissermaßen beim Bankett mit ihren lebenslustigen Göttern mitbechern konnten?

Unter Fachleuten ist offenbar umstritten, ob das Aufkommen der organisierten Religionen durch gesellschaftlich-kulturelle Veränderungen, wie Siedlungswachstum und Aufkommen der Landwirtschaft, oder durch die in der jeweiligen Region vorherrschenden besonderen Umwelt- und Klimabedingungen zu erklären ist. Eine neue Studie, kürzlich in PNAS erschienen (publ. onl. 10. Nov. 2014), geht nun dieser Frage nach der Entstehung der moralisierenden Religionen unter Einbeziehung der jeweiligen ökologischen Umweltbedingungen nach (Medienberichte hier und hier). Die Leitautoren sind der Evolutionsökologe Carlos Botero vom National Evolutionary Synthesis Center in North Carolina, USA, sowie der Psychologe Russell Gray, inzwischen Direktor des neugegründeten Max-Planck-Instituts für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena. Als ökologische Daten zogen die Autoren unter anderem Pflanzen- und Tierreichtum, Regenmenge, jährliche Temperaturen und deren Schwankungen, aber auch deren Vorhersagbarkeit und Beständigkeit heran. Dazu nutzten sie das bereits im Jahr 1967 erschienene Standartwerk „Ethnographic Atlas“, welches die Religionen von 589 menschlichen Gesellschaften überall auf der Welt in Bezug auf die relevanten Umweltbedingungen zusammenfasste.

Verblüffenderweise fanden Botero und Co. dabei erstaunliche Parallelen zwischen der Gott-gewollten Recht und Ordnung des menschlichen Zusammenlebens und dem kooperativen Brutverhalten von Vögeln. Manche Vogelarten helfen sich unter bestimmten Umständen gegenseitig und nachbarschaftlich bei der Brutpflege, was die Überlebenswahrscheinlichkeit der Küken natürlich deutlich erhöht. Sowohl dieses besondere Verhalten von Vögeln wie auch der religiös vorgegebene soziale Zusammenhalt von Menschen korrelierten jeweils in über 90% der untersuchten Fälle mit bestimmenden örtlichen Umweltbedingungen und deren Beständigkeit. Je „strenger“ die Umwelt, umso mehr rücken die Vögel und Menschen zusammen — und umso strenger sind dann, zumindest bei Letzteren, auch die Götter.

Vor einiger Zeit beschrieb übrigens eine groß angelegten Studie, dass sogar moderne menschliche Gesellschaften unter zunehmender Bedrohung — ob menschengemacht (Krieg, Überbevölkerung) oder umweltbedingt (Krankheiten, Naturkatastrophen) — immer restriktiver und intoleranter gegenüber Abweichlern und Fremden werden. Gleichzeitig schneiden dann geographisch besser gestellte Gesellschaften deutlich toleranter bei Fragen der persönlichen Freiheit ab.

Botero et al. heben nun hervor, dass bestimmte zivilisatorische Konzepte vorhanden sein müssen, um eine restriktive Religion mit moralisierenden Göttern aufkommen zu lassen. Dazu gehören offenbar in erster Linie Viehhaltung, beziehungsweise das Konzept des beweglichen Eigentums — sowie eine gewisse gesellschaftliche Hierarchie. Botero schlussfolgert, dass Glaubensausprägungen am Ende durch eine Kombination von geschichtlichen, sozialen und ökologischen Faktoren bestimmt werden. Dennoch sei die wichtigste Voraussetzung für die göttliche Strenge die Knappheit, oder eher die Unberechenbarkeit bei der Versorgung mit Nahrung und Wasser. Dies ist zum Beispiel auch in den ariden Gebieten des mittleren Ostens der Fall, wo alle drei monotheistischen Religionen entstanden. Letztautor Gray fasst entsprechend zusammen: „Wenn das Leben hart oder unvorhersehbar ist, glauben die Menschen an mächtige Götter.“ Dazu passt auch, dass einer der Ko-Autoren, der Religionswissenschaftler Joseph Bulbulia, bereits in einer früheren Studie zeigte, dass Erdbeben-Überlebende sich nachfolgend tendenziell der angeblich haltgebenden (hier christlichen) Religion zuwenden würden.

Russel Gray sagt auch, das von den moralisierenden Religionen vorgeschriebene prosoziale Verhalten könnte maßgeblich dafür gesorgt haben, dass Menschen sich überhaupt in einer harschen und unberechenbaren Umwelt „halten“ konnten. Diese Bedeutung des Glaubens für soziales Verhalten, Ehrlichkeit und  Altruismus wurde auch vor einigen Jahren in einer Übersichtsarbeit in Science nahegelegt. Allerdings sollte man vorsichtig sein, voreilige Schlüsse über die soziale Bedeutung der Religion zu ziehen. Religionsdogmatiker, insbesondere die der drei hochmoralisierenden monotheistischen Religionen behaupten zwar gerne, der Glaube an Gott hielte die menschlichen Gemeinschaften erst überhaupt zusammen — und ohne die Religion samt der göttlichen Moralregeln würden wir sofort mordend und plündernd übereinander herfallen. Ich finde, man sollte zuerst bedenken, ob es nicht doch eher die organisierte Religion gewesen sein könnte, die von Anfang an die bereits allgemein akzeptierten sozialen Regeln und Werte plagiierte. Zumal solch ein nachträglich verpasster göttlicher Ursprung der Sozialmoral nicht zuletzt auch die weltliche Macht der „Hüter“ organisierter Religionen zementierte.

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