Der sanfte Homo sapiens

28. Oktober 2014 von Kommentar per Email

Schuldet der moderne Mensch viele seiner Eigenschaften einer evolutionären „Verweiblichung“ durch Selbstdomestikation? Unser Autor Leonid Schneider mit einem Kongessbericht aus „dritter Hand“ zum Thema.

Jede menschliche Kultur betont die Sonderstellung unserer Spezies im Vergleich zu den anderen „wilden Bestien da draußen“ — oftmals geradezu zwanghaft. Denn, anders als es wilden Tieren wie etwa den Wölfen unterstellt wird, gehen wir ja nicht dauernd mit Zähnen und Klauen aufeinander los. Psychologen bezeichnen diese gruppeninterne Aggression als „reaktiv“. Damit wären wir eher den von Wölfen abstammenden und durch Domestikation friedlich gewordenen Hunden ähnlich.

Wie Science berichtet, wurde genau diese Theorie gerade erst auf dem Symposium „Domestication and Human Evolution“ am Salk Institute in Kalifornien frisch diskutiert. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche hatten sich dort unter anderem getroffen, um ihre Daten und Meinungen zu der Theorie zusammenzutragen, dass die Vorfahren des Homo sapiens sich im Laufe ihrer Evolution selbst domestiziert hätten. Dies hätte dann nicht nur unser Verhalten, sondern auch unser Aussehen verändert. Und nicht zuletzt hätte das friedliche Sozialleben der immer größer werdenden Gemeinschaften von Frühmenschen auch das entwicklungsbiologische und genetische Make-up des modernen Menschen mitgeprägt.

Unumstritten ist, dass unsere unmittelbaren Verwandte und Vorfahren, wie der Neandertaler und Homo heidelbergensis etwas „wilder“ aussahen als wir — mit dicken Augenbrauenwülsten und mächtigen vorstehenden Kiefern. Aber hat das „sanftere“ Aussehen des Homo sapiens tatsächlich etwas mit unserer zahmeren Lebensweise zu tun? Immerhin zeigte ein berühmtes sowjetisches Projekt aus den 50er Jahren, dass Silberfüchse, die damals im Laufe der Domestikation auf Zutraulichkeit hin selektiert wurden, sich genau diejenigen typischen Aussehensmerkmale aneigneten, die auch den Hund vom Wolf unterscheiden: kürzere Schnauze und breiterer Schädel, dazu Hängeohren, kringelnder Schwanz und geschecktes Fell.

Der Anthropologe Robert Franciscus von der Universität Iowa vermutet, dass unser rundliches Gesicht mit kleinen Kiefern und flachen Augenbrauen mit der Senkung des Testosteronlevels zusammenhängt. Da Testosteron bekanntlich mit Männlichkeit assoziiert ist, betitelt man die Menschen- und Hunde-typische Gesichtsabrundung auch als „Feminisierung“. Laut Franciscus wurden wir Menschen daher in dem Maße immer „weiblicher“ — heißt sozialer, friedlicher und auch optisch weniger bedrohlich — in dem die verminderte Testosteronproduktion die Aggressivität unserer Spezies reduzierte.

Die evolutionstheoretische Begründung für den Verlust der Aggressivität bot auf dem Symposium der Anthropologe und Schimpansenforscher Richard Wrangham aus Harvard. Demnach zähmten sich unsere Vorfahren selbst und nahmen die eigene Evolution in die Hand, indem sie alle solche Gruppenmitglieder physisch aus dem Genpool entfernten, die durch reaktive Aggression auffällig wurden. Gemeinschaftsmitglieder, die als Mörder und Frauenräuber auf ihre Nachbarn losgingen, wurden also umgehend mit präzisen Keulenschlägen aus dem Genpool entfernt, um den Gruppenfrieden aufrecht zu erhalten. Fortpflanzen konnten sich nach Wrangham nur diejenigen, die sozial eingestellt waren. Dies würde uns, aber auch die Bonobos, von den viel aggressiveren Schimpansen unterscheiden, die aus dem kleinsten Anlass aufeinander losgehen würden (siehe Vergleich von Bonobo- und Schimpansen-Verhalten). Wrangham betonte aber, dass das friedliche Zusammenleben in einer Gruppe natürlich nicht hieße, uns Menschen wäre der andere Aspekt der Aggressivität, nämlich die „proaktive Aggression“, abhanden gekommen. Tatsächlich sind wir Menschen in unserer jeweiligen Gemeinschaftsgruppe sehr wohl fähig und geneigt, grausame Raub- und Vernichtungsfeldzüge gegen unsere benachbarten Gemeinschaften zu führen. Ein Blick in die jeweils aktuellen Nachrichten genügt.

Die Domestikation der Tiere wird des Öfteren mit deren verzögerter phänotypischer Entwicklung und Reife assoziiert, wie der Biopsychologe Kazuo Okanoya vom RIKEN Institut in Japan am Beispiel von Vögeln, konkret Japanischen Mövchen (Lonchura striata var. domestica), auf dem Symposium vorstellte. Eine Theorie, wie eine Selektion auf Verhaltenseigenschaften hin auch das phänotypische Aussehen mitprägen könnte, erörterte dann der Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch von der Universität Wien. Zusammen mit Wrangham und dem Evolutionsbiologen Adam Wilkins von der Humboldt Universität Berlin vermuten Fitch, dass das zahme Verhalten, wie auch das damit verbundene Aussehen bei Hunden, Füchsen und Menschen, auf die verzögerte Migration der Neuralleisten-Zellen zurückzuführen wären. Im frühen Embryo wandern diese multipotenten Stammzellen aus der Neuralleiste in alle Richtungen aus, so dass deren Nachkommen später unter anderem auch große Teile des Schädels einschließlich Gesicht und Zähne, aber auch Pigmentzellen der Haut und Haare sowie die Nebennieren, bilden. Die Nebennieren produzieren bekanntlich Stresshormone und Testosteron, welche wiederum bei der Domestikation der Hunde und Füchse und der Selbstdomestikation der Menschen eine entscheidende Bedeutung spielen sollen. Für die Autoren ist es daher naheliegend, dass eine verlangsamte Wanderung der Neuralleisten-Zellen später nicht nur neurologische Auswirkungen aufs Verhalten, sondern auch  die mit der Domestikation verbundenen Änderungen des Aussehens nach sich ziehen würde.

Fitch gibt natürlich zu, dass diese Hypothese nicht perfekt wäre, denn anders als Hunde und Füchse haben wir, die domestizierten Menschen, keine Schlappohren und Pigment-Scheckung vorzuweisen. Was man aber dringend bräuchte, seien weitere experimentelle Daten, um die Theorie von der Selbstdomestikation des Menschen auf ein solides physiologisches und entwicklungsbiologisches Fundament zu stellen.

(Foto: „Tender Man I. Peaceful“ von Susa Dosa)

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