Selbstlose Fremdgänger

5. September 2014 von Laborjournal

Nochmal zum letzten Post: Wie darin berichtet, hatten drei orthopädische Chirurgen der Harvard Medical School nach einer durchaus aufwändigen Umfrage veröffentlicht, dass „Corresponding Authors“ nicht gerade eine hohe Antwortmoral bezüglich Nachfragen zu ihren jeweiligen Papern an den Tag legen.

Eine Sache beschäftigte uns in diesem Zusammenhang weiterhin: Warum machen orthopädische Chirurgen sowas? Man sollte meinen, die haben doch jede Menge andere Dinge zu tun. Zumal sie für die entsprechende Studie sicher auch keine direkten Forschungsgelder zur Verfügung hatten.

Dabei fiel uns auf, dass solche „Nebenprojekte“ durchaus öfter vorkommen. Erst vor einigen Wochen berichteten wir beispielsweise über eine Software-Entwicklerin, die zusammen mit einem Zellbiologen nach umfangreicher Recherche feststellte, dass…

…in den Life Sciences männliche Fakultätsobere weniger Frauen einstellen.

Oder referierten im letzten Jahr die großangelegte Stichprobenstudie einiger Entwicklungsbiologen, wonach in über der Hälfte der Paper…

…Reagenzien, Konstrukte, Zelllinien oder Modellorganismen derart ungenügend im jeweiligen Methodenteil beschrieben waren, dass eine Reproduktion der beschriebenen Ergebnisse schon allein dadurch unmöglich sein musste.

Oder schrieben vor knapp zwei Jahren über die Mammutstudie französischer Ökologen, in der sie aus den „Submission Histories“ von insgesamt 80.748 Artikeln der Jahre 2006 bis 2008 aus 923 biowissenschaftlichen Zeitschriften ein “Netzwerk der Manuskriptflüsse” konstruierten — und am Ende unter anderem folgendes als Schlussfolgerung präsentierten:

Manuskripte, die nach ursprünglicher Ablehnung erst im zweiten oder einem noch späteren Anlauf in einem Journal erschienen, sammelten in den drei bis sechs Jahren nach Veröffentlichung im Schnitt deutlich mehr Zitierungen als diejenigen Paper in demselben Journal, die sofort akzeptiert und gedruckt wurden.

Die Frage ist also durchaus allgemeiner zu stellen: Warum investieren forschende Biologen und Mediziner immer wieder derart Zeit in die Untersuchung von allgemeinen wissenschaftssoziologischen oder publikationsrelevanten Dingen? Eine Art Auftrag dazu haben sie sowieso nicht, und extra Forschungsgelder wohl auch kaum. Auch Ruhm und Anerkennung unter den jeweiligen Fachkollegen wird es dafür nur wenig geben. Irgendwie scheint sie vor allem die pure Neugier dazu zu treiben, solche an sich gar nicht unwichtigen Fragen möglichst empirisch zu analysieren — offiziell ohne direkte Förderung und quasi in ihrer Freizeit.

Umso schöner, dass sie es dennoch tun.

 

 

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