Institutionen mit auf die Anklagebank

22. Juli 2014 von Kommentar per Email

(Unser Autor Leonid Schneider plädiert in folgendem Text für härtere Bestrafung bei vorsätzlicher Forschungsfälschung.)

Die Wissenschaft hat ein zunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem. Immer mehr, zum Teil sehr hochkarätige Publikationen werden zurückgezogen oder von Kollegen öffentlich angezweifelt. Man siehe etwa nur die Retractions der beiden Nature-Paper über die märchenhaften STAP-Zellen

Die Gründe sind leider eher selten, wie oft von Autoren behauptet, „ehrliche Fehler“, sondern gravierende Datenmanipulationen, die nur mit Vorsatz zu erklären sind. Damit gerät die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Gefahr — folglich muss etwas getan werden, um den Pfuschern in der Forschung das Handwerk zu legen.

Gewisse Lösungsvorschläge gehen bereits in die richtige Richtung. Da ist beispielsweise einmal die Stärkung der unabhängigen Überwachung von Forschungsintegrität wie auch des Post-Publication-Peer-Review im Internet, wie etwa die Retraction Watch-Gründer Adam Markus und Ivan Oransky fordern (hier und hier). Die Beiden fordern überdies aber auch die Einführung strafrechtlicher Konsequenzen für wissenschaftliches Fehlverhalten. Denn die schriftliche Rüge und der (zeitweiliger!) Ausschluss von Antragstellung, wie neulich von der DFG im Fall Dennis Rottländer verhängt, hören sich nicht unbedingt nach einer ausreichenden Strafe an. Woanders, wie im Fall Alfredo Fusco in Italien, ermittelt die Polizei; in den USA gab es bereits erste Gerichtsprozesse und Verurteilungen.

Der wohl derzeit prominenteste Fall betrifft jedoch den HIV-„Forscher“ Dong-Pyou Han, der gestand, die Blutproben von Kaninchen mit fremden Antikörpern gespickt zu haben, um einen Immuneffekt der von ihm entwickelten Vakzine vorzutäuschen. Daraufhin bekam er für sein Versprechen eines AIDS-Impfstoffes zusammen mit Kollegen sagenhafte 14,5 Millionen Dollar von dem staatlichen US-Forschungsförderer NIH. Nun, nachdem Han seinen Job bei der Iowa State University (ISU) verlor, steht er tatsächlich vor Gericht; ihm drohen bis zu fünf Jahren Haft und eine gehörige Geldstrafe. Besonders schmerzhaft für die ISU aber: die NIH weigerte sich unter diesen Umständen, die letzte Tranche von 1,4 Millionen Dollar zu überweisen, und holte sich auch noch fast 500.000 Dollar an Hans Gehalt zurück.

Genau da sehe ich persönlich den besten Ansatz, effektiv gegen wissenschaftliches Fehlverhalten vorzugehen. Die Universitäten und Forschungseinrichtungen dürfen sich nicht mehr automatisch als ahnungslose Opfer aus der Verantwortung stehlen. Denn der (vermutlich erzwungene) Rücktritt von Han von seinem Posten bei der ISU sowie weitere Entlassungen von überführten Pfuschern (siehe Beispiele hier und hier) sind leider nicht die Regel. Der STAP-„Erfinder“ Charles Vacanti sowie der berüchtigte Stammzell- und Herzinfarkt-Forscher Piero Anversa sitzen zum Beispiel bis jetzt fest in ihren Positionen beim Bostoner Brigham & Womens Hospital. Und wenn es doch heiß wird, kann man oft einfach die Forschungseinrichtung wechseln. Während die Uniklinik Köln der verantwortlichen Chefin von Rottländer, Uta Hoppe, hinterher ermittelt, leitet diese inzwischen die Salzburger Universitätsklinik für Innere Medizin — dort offenbar über jeden Verdacht erhaben. Auf diese Weise sind die akademischen Institutionen bisweilen eher Teil des Problems, wenn sie die Aufklärung des wissenschaftlichen Fehlverhaltens, aus welchen Gründen auch immer, nicht ernst nehmen wollen.

Mein Vorschlag ist, genau so zu verfahren wie beim Rauchverbot in Gaststätten. Diese sind erfahrungsgemäß erst dann wirksam, wenn die dicke Geldstrafe nicht nur die rauchende Kunden trifft, sondern auch die Gaststätten-Betreiber. Dann schaut nämlich niemand mehr weg, und das Rauchverbot wird auch konsequent durchgesetzt. Genauso sollten Universitäten und Forschungseinrichtungen, je nach Schwere des Falls, die Erstattungsforderungen von Teilen oder gar der kompletten Fördermittel drohen, wenn deren Wissenschaftler beim Pfuschen erwischt wurden. Insbesondere, wenn die erfolgreichen Antragsteller explizit auf Publikationen als Vorarbeiten verwiesen, die nachfolgend eine Expression of Concern oder Retraction erlitten.

Geldstrafen tun immer weh, erst recht den notorisch geldklammen Universitäten und Forschungsinstituten. Als Konsequenz werden sie sich zweimal überlegen, ob sie potentielle oder gar ertappte Betrüger einstellen. Kündigungen, Ausschluss von Antragsstellung oder gar lebenslanges Forschungsverbot für überführte Wissenschaftler sind absolut notwendig, und manchmal muss auch das Strafrecht zum Einsatz kommen.

Aber: eine Grant-Rückforderung gegenüber den individuellen Antragstellern wäre, wie der Fall Han zeigt, ziemlich aussichtslos, vor allem wenn es um Millionen geht. Weiterhin sehe ich, obwohl ich kein Jurist bin, folgendes Problem bei der Schadensermittlung im Wissenschaftsbetrug: das unrechtmäßige eingestrichene Fördergeld dient, anders als die Straftatbestände der Steuerhinterziehung oder Veruntreuung, nicht primär der eigenen Bereicherung. Wie bei Han geht nur ein Bruchteil der unlauter eingeworbenen Fördergelder ins Portemonnaie des Antragstellers, und sogar dann meist als genehmigtes und versteuertes Gehalt. Der Rest fließt in Mitarbeiter-Gehälter, Geräte und Verbrauchsmittel; übrigens bekommt oft die gastgebende Forschungsinstitution ihren Anteil als sogenannten „Overhead“.

Han hat den Betrug gestanden, aber dies ist wiederum eine Ausnahme. Wie weist man den Vorsatz bei den STAP-Autoren Obokata und Vacanti nach, die weiterhin alles bestreiten? Vor Gericht wäre da doch höchstens fahrlässiger Umgang mit Daten oder Inkompetenz eindeutig nachweisbar. Andererseits man könnte schon deren Arbeitgeber, das japanische Riken-Institut und das Brigham & Women‘s Hospital, belangen – dafür, dass sie solche Leute eingestellt und deren Arbeitsmethoden jahrelang toleriert haben.

Übrigens sind die Forschungsinstitute keine physischen Personen. Anders als bei Wissenschaftlern ist die Unschuldsvermutung dort nur soweit anwendbar, wenn sie den Verdachtsfällen umgehend glaubwürdig und konsequent nachgehen würden. Das Wegschauen, Aussitzen und Vertuschen muss nicht nur deshalb ein Ende haben.

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9 Gedanken zu „Institutionen mit auf die Anklagebank“

  1. Enrico Bucci sagt:

    I fully agree with the general conclusions of this article. However, I am concerned that, if an Universiy is deprived of fundings, all researchers there will experience tough times – which would be dramatic especially for those innocent working on low-budget scientific projects.

  2. Enrico Bucci sagt:

    Ich stimme den generellen Schlussfolgerungen dieses Artikels zu. Allerdings befürchte ich, dass, wenn einer Universität Fördermittel abgenommen werden, dann alle deren Forscher harte Zeiten erleben werden. Das wäre vor allem für all die Unschuldigen besonders dramatisch, die an wissenschaftlichen Low-Budget-Projekten arbeiten.

  3. Leonid Schneider sagt:

    Hallo Enrico Bucci,
    das ist wäre ein sehr valider Aspekt, und die Balance sollte dann ggf. durch Gerichte bewahrt werden. Andererseits, die Geldrückforderungen würden die Institutionen motivieren zu sparen, indem sie die unehrlichen Forscher entlassen und deren Drittmittelkonten und Laborausstattung beschlagnahmen (und letztere ggf. den „unschuldigen“ Kollegen übergeben).

  4. Kommentar per Email sagt:

    (Via Twitter:)

    Geht in die richtige Richtung, da es Methoden wie „Gute Note bei ‚richtigen‘ Ergebnissen“ und „Ein Thema mit zwei konkurrierenden Postdocs“ entgegenwirkt.

  5. Benard Soares sagt:

    In reply to Enrico Bucci.

    „dramatic especially for those innocent working on low-budget scientific projects“.

    Surely those are the people most likely to continue? Early mammals in the time of the dinosaurs.

  6. Leonid Schneider sagt:

    Und genau so etwas würde dann vielleicht doch nicht passieren: https://plus.google.com/101046916407340625977/posts/1pKwsaLKA1G

  7. Augustin sagt:

    „Das Wegschauen, Aussitzen und Vertuschen muss nicht nur deshalb ein Ende haben.“

    Muss es! Aber ich ich finde, dass hierfür über die gesamte Breite gesehen leider die Anreize fehlen – sonst hätten wir das Problem längst behoben bzw. es wäre niemals entstanden.

    Die Anreizstrukturen sind wie so oft das Problem!

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