Oh, sorry — nur eine Verwechslung !?

9. Dezember 2013 von Laborjournal

Geht es nur uns so? Uns jedenfalls scheint es, dass immer mehr Errata und Corrections zu Papern erscheinen, in denen die Autoren Duplikationen in Abbildungen, die meist von anderen entdeckt wurden, nach dem folgenden Muster entschuldigen:

„Uuups, Verzeihung — da ist uns wohl beim Zusammenstellen der Abbildungen etwas durcheinander geraten. Und jetzt ist dummerweise Bande X, Scan Y oder Gewebeschnitt Z nochmals in eine zweite Abbildung hineingerutscht, die ja ein ganz anderes Experiment zeigt. Aber keine Angst, wir haben die richtige Bande U, Scan V oder Gewebeschnitt W natürlich wieder gefunden — und zeigen sie Euch jetzt hier im Erratum. Vergesst also die alte Abbildung, nehmt diese hier — und Ihr werdet ganz schnell sehen, dass alles, was wir geschrieben haben, natürlich trotzdem unverändert richtig ist. Die Daten im Erratum zeigen das ja jetzt auch viel schöner. Nicht böse sein, kann ja mal passieren. Und wenn Euch in anderen Abbildungen wieder etwas auffällt, meldet Euch einfach — wir kriegen das hin!“

Okay, das war die Persiflage. Nehmen wir ein echtes Beispiel. In Blood (Vol. 122(14): 2523) erschien Anfang Oktober eine Correction mit folgendem Text: 

On pages 2086 and 2089 in the 15 March 2000 issue, there are errors in Figure 1 and Figure 5. Inaccuracies in Figure 1A and Figure 5 originated from mistakes made inadvertently during the “cut and assembly” phase of Western blot images preparation. Repeated experiments, shown in the figures below, confirmed the original results. The corrected Figure 1 and Figure 5 and their revised legends are shown.

Aha, beim Ausschneiden und Zusammenstellen der Western Blot-Abbildungen sind den Autoren also Fehler passiert. Schauen wir uns die ursprünglichen Abbildungen ruhig einmal an (die neuen, nachgelieferten sparen wir uns — die gibt’s in der Correction). Hier ist also — extra groß — die alte „Figure 1A“, die angeblich aus Experimenten mit HeLa-Zellen (!) entstand:

xxx

Und hier kommt die alte „Figure 5“, für die angeblich aktivierte T-Zellen (!) herhielten:

xxx

Man braucht keine ausgefuchste Software, um zu sehen, dass die obere Blot-Bande aus Figure 1A samt den drei Dreckpunkten (!) im oberen Teil der Figure 5 („3 days, +“) wieder auftaucht — allerdings um 180 Grad gedreht (!). Genauso offensichtlich erscheint die linke Bande aus dem unteren Teil der Figure 1A, ebenfalls um 180 Grad gedreht, wieder in Figure 5 ganz links unten — also quasi in Spur 1. Schließlich wurde diese Bande in Spur 1 samt der Bande in der benachbarten Spur 2 nochmals „auf den Kopf gestellt“ — und in dieser Orientierung nochmals direkt nebendran in Spur 3 und 4 der Figure 5, unten, „hineinverwechselt“.

Auch ohne die Details zu nennen, sind es diese „Verwechslungen“, die die Autoren mit der Correction prinzipiell zugegeben haben.

Doch jetzt mal ehrlich: Wenn diese Verdopplungen und Verdrehungen beim Ausschneiden und Zusammenstellen von Blot-Banden zweier völlig verschiedener Experimente aus Versehen („inadvertently“) geschehen sein sollen — ja, wie schlampig wird denn da gearbeitet? Kann man den Autoren dann überhaupt bei irgendetwas trauen, wenn solche gravierenden Dinge aus Versehen passieren?

Ist es nicht vielmehr so, dass gerade die Ergebnisse, die man nach langer, mühevoller Arbeit am Ende tatsächlich in einem Paper präsentieren kann, fast schon „heilig“ sind — dass man sie hütet wie kleine Schätze und auf fast schon paranoide Weise aufpasst, dass nichts Schlimmes mit ihnen passiert? Vor allem, dass man da um Himmels willen nichts verwechselt?

Interessanterweise berichtete unsere Lab Times-Eule in ihren „Observations of the Owl“ erst kürzlich über einen ähnlichen Fall aus ihrer fiktiven Welt (Lab Times 4-2013: 14) — und schließt mit folgendem schönen Monolog :

It was downright admirable how Harrier desperately tried to keep up his belief in the good in bird. For me, however, the case was clear and so I had to disillusion him:

“See Harrier, photographic images of cells are primary data. If you show a picture of some cells and tell these are cells A after treatment B, and later you show the same picture and tell these are cells C after treatment D, you are falsifying data.

“In Magpie’s case, I can’t even grant that it might have been down to sloppy mistakes, because I just cannot imagine how they can happen. In the end, you have some, say, 30 or so core images that you want to show. If you did the experiments, you know them by heart — and you know the story behind every single image. Hence, you don’t mix them up. You can accidentally write ‘x200 magnification’ instead of ‘x100 magnification’ but you surely won’t re-use the same image twice by accident.

“The correlation of a picture and the story behind it is vital. We have to trust the author that those correlations are always true because we have no real way of proving that. Now re-using the same picture with different stories automatically destroys this trust because it makes it obvious that at least one story behind the picture is not true.

“Therefore, it is inexcusable. And, therefore, those often-heard elusions that such ‘minor errors’ would, in the end, not interfere with the central claims of a study are nothing but ridiculous. Any bird who believes such silly nonsense has no clue about science at all.”

Macht man sich diese sicherlich gängige „Psychologie“ hinter dem Erstellen eines Papers klar, fällt es doch arg schwer, in solchen Fällen an reine Verwechslungen zu glauben.

(Kleine Ironie am Rande: Letztautor des obigen Blood-Papers ist Harald Stein, der bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2010 Direktor des Pathologischen Instituts an der Charité war. In dieser Eigenschaften war er auch Vorgesetzter von Silvia Bulfone-Paus zu deren „Berliner Zeit“, in der immerhin fünf von ihren insgesamt 13 zurückgezogenen Publikationen entstanden.)

(Auf die Details in dem Blood-Paper machte uns Clare Francis aufmerksam.)

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4 Gedanken zu „Oh, sorry — nur eine Verwechslung !?“

  1. Michael sagt:

    Wow, solche Blots wären aber für mich nicht ein Fall eines erratums oder einer correction sondern für eine Zurückziehung. Das ganze ist offensichtlich handfester Betrug für den die Autoren offensichtlich auch noch zu blöde sind – die simple Entfernung von Dreckpunkten mit Hilfe einer Software ist nun kein Hexenwerk. Interessant dabei wäre, ob die Antimanipulationssoftware, die Journals angeblich zumindest teilweise einsetzen, solche Manipulationen aufdecken kann.

  2. Oliver sagt:

    Wenn ich das richtig sehe, ist auch die 2. Spur aus 1A, unter Teil, wieder verwendet worden: In Figur 5, unter Teil, Spur 5. Somit tauchen beide Banden aus HeLa in den T-Zellen wieder auf, oder eben anders herum, wie es eben gerade gebraucht wurde…

  3. Ralf Neumann sagt:

    Hier kommt noch so eine Correction, bei der man kaum an ein „Versehen“ glauben kann:

    Formal Correction: Corrections to Figures

    Posted by PLoS_ONE_Group on 28 Feb 2013 at 18:58 GMT

    Several of the figures in the published article had been generated using bands or after carrying adjustments to the original blots. The authors are issuing this Correction to provide the following corrected figures:

    Figure 1: Duplicate bands from the original blot were cut to generate the figure. We report the entire blot for IL-8 at 6 h and at 24 h, indicating the different concentrations of CSE in duplicate. Since the bands increased, two panels have been added instead of one (Panel A: 6 h and panel B: 24 h). The revised figure legend is as follows:

    ‚Figure 1. Effects of Cigarette smoke extract (CSE), alone and in combination with lycopene, on IL-8 production in human THP-1 cells. Panels A-E: intracellular IL-8 production; panel F: IL-8 production in culture medium. Panel A: effects of different CSE concentrations for 6 h, panel B: effects of different CSE concentrations for 24 h; panels C, D, E: effects of a pre- treatment for 6 h with lycopene (2 mM) followed by a 24-h CSE (0.5%) exposure; panel D: effects of a pre-treatment with different concentrations of lycopene followed by a 24-h CSE (0.5%) exposure; Panels A, B, C, D: representative Western Blot analyses; the values indicated represented the ratio of IL-8 and actin. Panel E: mRNA levels by reverse transcription polymerase chain reaction.

    Panel F: Chemiluminescence Immunometric Assay. In the different panels, the values were the means ± SEM of three independent experiments. Values not sharing the same letter were significantly different (P<0.05, Fisher's test).'

    Figure 2D. In the published figure, the bands for the different raw blots (p-IKKa, p-IKba, IKba and actin) had been cut and pasted to align the bands in the figure, we attach the original blot.

    Figures 2C, 3C, 5B, 5D and 6D. The published figures were processed to eliminate background, we report the original blots.

    Figure 5C. In the published figure the actin bands were rotated, we present the corrected figure.

    Updated Versions of Figures:

    http://www.plosone.org/corrections/pone.0019652.g001.cn.tif
    http://www.plosone.org/corrections/pone.0019652.g002.cn.tif
    http://www.plosone.org/corrections/pone.0019652.g003.cn.tif
    http://www.plosone.org/corrections/pone.0019652.g004.cn.tif
    http://www.plosone.org/corrections/pone.0019652.g005.cn.tif
    http://www.plosone.org/corrections/pone.0019652.g006.cn.tif

    No competing interests declared.

    Citation: Simone RE, Russo M, Catalano A, Monego G, Froehlich K, et al. (2011) Lycopene Inhibits NF-kB-Mediated IL-8 Expression and Changes Redox and PPARγ Signalling in Cigarette Smoke–Stimulated Macrophages.
    PLoS ONE: http://dx.doi.org/10.1371/annotation/4993e0e2-c580-4547-90d8-3227b87e6ae9

    xxx
    Das Paper selbst ist eine Ko-Produktion von Labors in Rom und Jena und erschien in PLoS ONE (DOI: 10.1371/journal.pone.0019652). Scheinbar denken auch dort die Editoren, dass so etwas „korrigiert“ werden kann — statt zurückgezogen.

  4. Panagrellus sagt:

    Wirklich schwieriges Thema.
    Hier auch ein interessantes Beispiel in Cell, ein Paper aus dem Baumeister-Labor:

    https://pubpeer.com/publications/23953116

    Die Diskussion auf Pubpeer führte zu folgendem Erratum:

    http://www.cell.com/fulltext/S0092-8674%2813%2901354-8

    Sieht hier aber, entgegen dem ersten Eindruck nach Lesen der Kommentare bei Pubpeer, doch nach „honest error“ aus.

    Aber dass sich solche Fälle so häufen, hinterlässt jedenfalls ein ungutes Gefühl.

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