Der vorbereitete Geist

27. Juni 2012 von Laborjournal

… ein alter Spruch, für dessen Wahrheit die Forschung immer wieder neue Belege liefert.

Wie war das etwa mit den kleinen regulativen RNAs. Jede Menge Forscher dürften in ihren RNA-Gelen „komische Signale“ nahe der Lauffront gesehen haben. „Unspezifische Abbau-Produkte“, war deren Diagnose. Schließlich ist RNA deutlich instabiler als DNA, und RNAsen lauern auch quasi überall. Und so dachten sie nicht weiter darüber nach — auch wenn „kleine RNAs“ im nächsten und übernächsten Gel wieder vorneweg liefen.

Wer weiß, wie viele von ihnen sich letztlich mit der Hand kräftig vor die Stirn klatschten, als Ende der Neunziger klar wurde, dass die Zelle ganz gezielt solche kleinen RNAs produziert, um damit die Expression ihrer Gene feinzusteuern? Typischer Fall von nicht-vorbereitetem oder zu eng fokussiertem Geist.

Auf ganz ähnliche Weise dürften sich in den letzten Tagen wiederum andere Forscher an die Stirn geklatscht haben. Nämlich solche, die in ihren Proteinpräparationen immer wieder RNA-Reste fanden — und diese als Kontaminationen abtaten. Gleich zwei frische Paper legen jetzt nahe, dass dieses Urteil in einigen Fällen allzu voreilig gefällt wurde: „Insights into RNA Biology from an Atlas of Mammalian mRNA-Binding Proteins“ (Castello et al., Cell 2012, 149(6):1393-1406) und „A Screen for RNA-Binding Proteins in Yeast Indicates Dual Functions for Many Enzymes“ (Baltz et al., Molecular Cell 2012, 46(5):674-690). Beide Publikationen förderten  spezifische RNA-Bindungen von insgesamt viel mehr Proteinen zutage als bisher angenommen — darunter auch von so manchem gut studierten Enzym, das als völlig unverdächtig galt, überhaupt irgendeine Beziehung zu mRNA einzugehen. (Weitere Details zu den beiden Studien auf Laborjournal online.)

Jetzt, im Nachhinein, findet man natürlich ältere Studien, die durchaus Hinweise auf die entsprechende RNA-Bindung des ein oder anderen Enzyms enthielten. Aber, wie gesagt, die entsprechenden Geister waren zu dieser Zeit offenbar nicht auf die Bedeutung dieser Befunde vorbereitet — und erklärten sie kurzweg zu „Kontaminationen“.

Tröstlich an der ganzen Geschichte ist indes, dass auch die größten Köpfe der Wissenschaft manchmal „unvorbereitet“ auf das waren, was sie tatsächlich vor sich liegen hatten. So hatte etwa der US-Psychiater Robert Galbraith Heath in seinen Studien mit Schizophrenie-Patienten die Existenz eines Belohnungssystems im Gehirn eigentlich gezeigt — aber nicht erkannt. James Olds und Peter Milner mussten dies schließlich 1954 mit Ratten nachholen.

Und auch der große Charles Darwin hatte die Kreuzungsdaten für die Gesetze der Vererbung, wie Mendel sie später formulieren sollte, aus eigenen Studien mit Löwenmäulchen (Antirrhinum) und Primeln (Primula) auf dem Tisch — übersah allerdings deren Bedeutung. Der Kölner Genetiker Jonathan Howard schrieb zu dieser Randnotiz der Wissenschaftsgeschichte in seinem exzellenten Essay „Why didn’t Darwin discover Mendel’s laws?“ (J. Biol. 2009, 8:15):

Darwin’s focus on small quantitative variations as the raw material of evolution may have prevented him from discovering the laws of inheritance.

[…]

Obviously Darwin was not on the right wavelength to be able to use inheritance data from crosses involving unit characters. Why not? The material was there and the problem of inheritance was patently unsolved and important. […] The explanation, though, for why Darwin turned away from the inheritance of unit characters as a possible route to resolving the general inheritance problem was simply that he did not believe that such characters had anything to do with the kind of variations that he thought were the raw materials of evolutionary change. Such qualitative and striking variations he characterized as ’sports‘. They might be useful for the breeders of fancy plants and animals, but although artificial selection of such anomalous variants could provide an analogy to evolution by natural selection, this was not the real thing.

[…]

However, if Darwin failed to discover Mendel’s laws, it was not so much because of what he lacked in genius or numeracy or the experimental cast of mind, but rather because of the forceful tendency of what he already possessed. His focus on continuous variation as the source of evolutionary change was not wrong, and coupled with the power he could see in the integration of infinitesimals over time he built his case on the solid foundation of Lyell’s uniformitarian thinking. Much of variation and inheritance was simply opaque in those terms, but continuous variation, not unit characters, was, for Darwin, the way forward. Thus Darwin boxed himself in, unable to see the laws of inheritance in continuous variation, unable to see the real importance of discontinuous variation where the laws of inheritance could be discerned.

Scheint also, dass in einem Kopf, der bereits eine große Idee ausbrütet, kein Platz mehr für eine weitere ist. Und mag dieser Kopf auch noch so groß sein.

 

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