Etiketten ohne Info

15. Mai 2012 von Kommentar per Email

Es geht um Molekulargewichte und wofür wir sie im Labor brauchen. Für die meisten Wissenschaftler sind Molekulargewichte nichts weiter als eine kleine Unannehmlichkeit auf dem Weg, eine Lösung bestimmter Molarität herzustellen — oder gar einen Puffer zu mixen. Und genau dies stand kürzlich mal wieder an…

Konkret wollte ich im Wägeraum eine Lösung aus zwei Substanzen in jeweils verschiedener Molarität ansetzen. Beide Reagenzien standen dort in den gewohnten weißen Gefäßen mit rotem Deckel — und beide offenbar erst seit kurzer Zeit. Dies war offensichtlich, da sich neuerdings die Chemikalien des betreffenden Unternehmens durch das Fehlen einer entscheidenden Informationen auf Etikett oder Verpackung auszeichnen — weit und breit keine Angabe des Molekulargewichts.

Ich wägte meine Optionen ab. Ich konnte entweder zurück ins Labor latschen und nach Chemikalien-Handbüchern suchen, oder ich konnte in mein Büro gehen und die gewünschten Molekulargewichte im Internet recherchieren. Während ich noch unentschlossen die Regale anstarrte, fiel mein Blick plötzlich auf ein paar alte Kataloge, die sich in einer Ecke versteckten. Ich blätterte also die Monster-Schinken durch — und fand eines der gesuchten Gewichte. Die andere Substanz war jedoch nirgendwo aufgeführt.

Also wanderte ich schließlich doch den ganzen Weg zu meinem Büro am anderen Ende des Gebäudes zurück und befragte das Internet nach der letzten fehlenden Information, mit der ich meine eigentlich simple Aufgabe endlich beenden konnte. Logisch, dass ich auf all diesen Umwegen deutlich mehr Zeit verbraten musste als früher, wo man die Molekulargewichte noch bequem auf dem Etikett ablesen konnte.

Genauso unnötig ist es wohl zu erwähnen, dass ich mächtig sauer war. Auch durch eine kurze Suche im Internet konnte ich nicht herausfinden, was die Änderung der Kennzeichnungsstrategie der Firma verursacht hat — geschweige denn, wie sie womöglich begründet wird. Was bleibt, sind daher nur vage Vermutungen — etwa die, dass sie etwas Geld für Tinte sparen will; oder aber, dass irgendein seltsames Gesetz neuerdings die offene Angabe von Molekulargewichten verbietet, um mutmaßlichen Terroristen das Herstellen von Bomben so schwer wie möglich zu machen.

Wie auch immer, die beiden betreffenden Gefäße sind nun von Hand mit den zugehörigen Molekulargewichten verziert — fetter, schwarzer Permanent-Marker auf weißem Grund. Und wenn man sich im Wägeraum genauer umschaut, wurden auch schon andere Flaschen, Tonnen und Gefäße Opfer dieser absolut überflüssigen Selbsthilfe-Technik.

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3 Gedanken zu „Etiketten ohne Info“

  1. Ralf Neumann sagt:

    Das Ganze war auch schon Thema in Derek Lowe’s Blog In the Pipeline — und zwar unter dem Titel „Disappearing Information, Courtesy of Aldrich Chemical“. Interessant sind auch die darunter anschließenden Kommentare Nummer 10…

    There is a school of thought that says if you provide half the safety information on the bottle then the customer is entitled to think that’s _all_ they need to know about the stuff. If you don’t tell them that it’s a chronic problem to inhale the stuff on the label then they may well sue you. Put all the stuff on the web for them to look up, devolve all responsibility to the customer and you may in fact be better covered, as long as of course the customer provides informed consent that the responsibility has been hand-balled to them.

    The other thing I have noticed is that even last night at a Sigma sponsored function the sales rep asked about „Do you use ChemNavigator“ I suspect that this is where they want you to spend most of your time.There is a school of thought that says if you provide half the safety information on the bottle then the customer is entitled to think that’s _all_ they need to know about the stuff. If you don’t tell them that it’s a chronic problem to inhale the stuff on the label then they may well sue you. Put all the stuff on the web for them to look up, devolve all responsibility to the customer and you may in fact be better covered, as long as of course the customer provides informed consent that the responsibility has been hand-balled to them.

    The other thing I have noticed is that even last night at a Sigma sponsored function the sales rep asked about „Do you use ChemNavigator“ I suspect that this is where they want you to spend most of your time.

    … und 12:

    […] marketers want us to go look up the information on the Aldrich website (which I do quite often when I „work off the books“). That way they have an opportunity to sell more junk to me.

  2. Kommentar per Email sagt:

    Habe mich sehr über den Artikel gefreut, da ich gerade gestern dasselbe Problem hatte.

  3. chemiker sagt:

    ein periodensystem, ein taschenrechner und zwei minuten zeit lösen das problem.

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