Verborgen, weil verboten?

27. Februar 2012 von Laborjournal

Werden hierzulande illegale Stammzelltherapien im Verborgenen durchgeführt? Es gibt zumindest Verdachtsmomente. In Bonn-Bad Godesberg steht jedenfalls ein Krankenhaus namens Elisées-Klinik, das ein buntes Mischmasch an Behandlungsformen anbietet: Ästhetisch-plastische Chirurgie, Immunmodulation mittels traditioneller chinesischer Medizin, Bandscheibenoperationen, Nanomed-Behandlungen via Biophotonik oder „nanovernebelter“ Wirkstoffe,… und Stammzelltherapien.

Wer jedoch mit deutscher IP-Adresse unter http://www.elisees-stemcell.com/ die entsprechenden Informationen dazu auf deren Website einsehen will, bekommt rundweg ein „404 Page Not Found“ auf den Monitor. Mit IP-Adresse von außerhalb bekommt man dagegen folgende Startseite zu sehen:

(Die gleiche Seite samt aller nachgeschalteten Seiten kann man übrigens mit deutscher Adresse derzeit noch über den Google-Webcache einsehen — siehe etwa hier.)

Wer auf diese Weise weiter gräbt, erfährt zum Beispiel, dass man sich in der Klinik für gutes Geld Stammzellen entnehmen und gegen alle möglichen Leiden wieder zurückspritzen lassen kann: Alzheimer, Autismus, Multiple Sklerose,… bis hin zur erektilen Dysfunktion. Ob es für all diese Leiden überhaupt Daten gibt, die der autologen Stammzelltherapie auch nur den Hauch einer Erfolgschance verschaffen, scheint die Bad Godesberger dabei kaum zu scheren. Genausowenig wie die dazu vorgeschriebenen Zulassungsverfahren…

Der erste Schelm, der Böses dabei dachte und darüber berichtete, ist offenbar der in Japan lebende US-Amerikaner Doug Sipp. Auf seinem Blog Stem Cell Treatment Monitor berichtete er in dem Posting „The latest in stem cell subterfuge“ über diese seltsame selektive Verschleierungstaktik. Und er stellt einen interessanten Zusammenhang her:

[…] the head of their anesthesia and pain department is Aladin Elsisi, whose previous gig was as Chief of Anesthesiology and Assistant Medical Director at X-Cell Center, a stem cell treatment marketing organization that had the unfortunate habit of killing and maiming pediatric patients through expensive and scientifically unjustified „stem cell“ surgical procedures. X-Cell was closed by authorities in 2011, although its business model lives on in Switzerland. And apparently now in Bonn as well. Just don’t tell the Polizei — the hard-working docs at Elisées have been working hard to escape their attention.

Stimmt, da war was. Auch in Laborjournal. Hier und hier berichteten wir damals über die Machenschaften wie auch über die Schließung des Düsseldorfers X-Cell-Centers.

Es dauerte nicht lange, bis sich eine gewisse Christina Stoeva für die Elisées-Klinik bei Doug Sipp meldete — und natürlich sämtliche Anschuldigungen, Verbindungen und Verdachtsmomente weit weg wies. Sipp veröffentlichte daraufhin Teile der Mail samt seiner Antworten in einem weiteren Posting mit dem Titel „How do you say ‚frivolous legal threat‘ in German?“. Darin wirft Stoeva Sipp unter anderem vor:

[…] Spreading false information about the Elisées Clinic and the people that work here. Your statement the Elisées Clinic is using an evasive tactic or trying to avoid government attention is untrue. The comparison made to the X-Cell center and the implication the Elisées Clinic has an „unfortunate habit“ of killing patient definitely falls under internet defamation.

Worauf Sipp antwortete:

I disagree. I cannot think of an adjective in the English language that better describes the practice of purposely blocking access to a website from the country within which it is hosted than „evasive,“ especially when the owner of the website is advertising unproven medical treatments without government approval. If you have any alternative suggestions, though, I am happy to hear them. If your company is not hiding its website within Germany for the purposes of avoiding detection of its evidently illegal activities by the local authorities, could you please explain why you are doing it?

Auf solch eine Erklärung wären wir — ehrlich gesagt — auch sehr gespannt. Sipp weiter:

I also stand by the statement that X-Cell Center’s habit of killing and maiming children is unfortunate, (and I should say that in this case I can think of many more appropriate adjectives, which I would be happy to use instead, such as „reprehensible“, „abhorrent,“ or indeed „criminal“). I note that you do not dispute that such cases are true and well-documented, such as in the reports here, here and here. I also stand by the connection between X-Cell and Elisees, in that the former assistant director of medicine at X-Cell is now the head of the Elisees anesthesiology and pain department.

Your understanding and use of the term „defamation“ therefore appears to be mistaken, as this requires the intentional spreading of false information to harm another.

Natürlich drohte Stoeva auch damit, die ganze Angelegenheit den Anwälten zu übergeben, falls Sipp sein Posting nicht innerhalb von 24 Stunden löschen sollte. Worauf dieser antwortete:

Your strong insistence is duly noted. I encourage you to contact your attorney, as I will be notfiying my colleagues in the German government and stem cell research community of your company’s claims and activities, and the legal threats you are making against me for calling attention to them, and I will recommend strongly that they contact the law enforcement authorities in Bonn.

Soweit der bisherige Stand der Dinge. Der Verdacht, dass in Bonn-Bad Godesberg nach deutschem Recht illegale Stammzelltherapien im Verborgenen durchgeführt werden, besteht also erst recht. Weshalb Laborjournal jetzt eigene Recherchen dazu aufgenommen hat…

 

 

 

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7 Gedanken zu „Verborgen, weil verboten?“

  1. Wolfgang sagt:

    Spätestens nach dem geschwollenen Nano Geschwurbel und der Nennung von TCM sollte eigentlich klar sein, dass es sich hier um einen Esoterik Verein handelt. Dass sich diese Jungs wenig um Wirkungsnachweise scheren, ist genauso klar. Wirklich absurd wird es, wenn bei uns teils seriöse Forschung im Bereich der Stammzellentherapie bekämpft wird, aber hier zugleich damit hausiert wird.
    Der Standardbürger differenziert dann natürlich nicht zwischen seriös und nicht seriös und verurteilt gleich die ganze Technologie. Ich fände es super, wenn ihr in einem Artikel wie diesem noch deutlicher hervor streicht, aus welcher Sparte das Ganze kommt.
    Es wäre äußerst wichtig, dass gegen solche Machenschaften viel effizienter vorgegangen wird. Beispielsweise für den Herrn Klehr schaut es jetzt nicht mehr so rosig aus: http://goo.gl/Sgjbj Aber wie lange hat das bitte gedauert?

  2. Kommentar per Email sagt:

    Man kann es in so einem Fall mit http://www.hidemyass.com probieren. Das ist ein Proxy, mit dem man z.B. die GEMA-Sperre bei YouTube umgehen kann.

    In das Feld, das erscheint, die URL eingeben, in dem Fall „http://www.elisees-stemcell.com/“, und wenn man Glück hat, funktioniert es.

    Manchmal klappt es bei YouTube nicht. Warum, das habe ich noch nicht herausbekommen…

  3. Doug Sipp sagt:

    Dear Ralf

    Many thanks for picking up this story! I was glad to see it in a German-language forum. (I cannot speak German, but used Google translate to get an idea of the text).

    One minor point – I posted the mail from Ms Stoeva in its entirety (not partially). This is only important in that I don’t want people to get the impression that I did any selective editing.

    Thanks again for the nice article, and good luck with your investigation 🙂

    Best
    Doug

  4. Es werden dort tatsächlich Patienten betrogen und kein Verdacht sagt:

    Hallo,

    es wird dort behandelt und habe genug Nachweise. Mann soll dort anrufen und nach der Behandlung fragen, da die Mitarbeiter nicht über den Verbot informiert, den die Klinik von den Behörden erteilt bekommen.
    Mann soll sich als Patient vorstellen, und wird damit viele Informationen bekommen.

    Es werden täglich Patienten behandelt.

    MfG

  5. Ralf Neumann sagt:

    Spiegel TV hat gestern auch über die Stammzell-„Machenschaften“ der Elisées-Klinik berichtet. Wer’s nicht gesehen hat, hier ist der Beitrag.

  6. Ralf Neumann sagt:

    … und heute kommt der große Spiegel online-Artikel zum Thema. Darin wird u.a. folgende verdeckte Recherche erzählt:

    […] Am 5. April 2012 wandte sich SPIEGEL ONLINE mit einer fingierten Patientenanfrage an Elisées Stemcells. Ein angeblich im europäischen Ausland ansässiger Patient bat darin um Hilfe: Er leide an einem schweren Leberleiden und brauche eine Stammzelltherapie, weil ihm anders nicht mehr zu helfen sei.
    Am Mittwoch, dem 11. April 2012, erfolgte die Antwort der Klinik: „Ich sende Ihnen hiermit einen Patientenfragebogen. Füllen Sie ihn bitte aus und schicken Sie ihn an mich zurück. Unsere Ärzte werden sich das Formular ansehen und Ihnen nach Beratung mitteilen, ob diese Behandlung für Sie möglich ist und was die empfohlene Prozedur kosten wird.“
    Signiert wurde die Mail von einer Sónia L. B., versehen mit einer Handy-Rückrufnummer und der Absendeadresse der deutschsprachigen Web-Seite der Bonner Klinik. Im Klartext: Wer die internationale Web-Seite anschreibt, bekommt Antwort von der offiziellen Web-Seite der Elisées in Deutschland. B. war auch die Vertreterin der Elisées, die Douglas Sipp im Februar 2012 mit einer Anzeige drohte, sollte er seine Behauptungen über die Bonner Klinik nicht zurückziehen. […]

  7. Ralf Neumann sagt:

    Der Spiegel hat wiederum Neues zur Elisees-Klinik.

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