Vom Wert des genauen Hinschauens

12. Januar 2012 von Laborjournal

Wie war das nochmal, wie Wissenschaft funktioniert?

  • Beobachte ETWAS (möglichst etwas Neues).
  • Beschreibe ES.
  • Überlege dir, warum oder wozu ES da ist.
  • Knobele Strategien aus, wie du testen kannst, dass ES eben darum oder dazu da ist.
  • Teste, teste, teste,… — wiederhole, wiederhole, wiederhole,…
  • … bis Konsens besteht, dass ES darum oder dazu da ist.

Projekte zu den Schritten 1 und 2 werden heutzutage oftmals etwas geringschätzig als „rein deskripitv“ abqualifiziert — im Gegensatz zu vermeintlich viel „edleren“ Projekten zur Entschlüsselung von Sinn und Funktion von ETWAS. Dabei ist durch das Schema selbst schon klar: Jegliche Suche nach Sinn und Funktion von ETWAS ist zwingend abhängig von sorgfältiger Beobachtung und Beschreibung. Und das kann bisweilen ganz schön knifflig sein…

Ein schönes Beispiel, wie wichtig allein die Wahl der Bedingungen ist, unter denen man beobachtet, lieferte im letzten Jahr das Paper „Stable structural color patterns displayed on transparent insect wings“ von Ekaterina Shevtsova und ihren Kollegen von der Universität Lund (PNAS vol. 108: 668-73). Das Team nahm sich jede Menge Insektenflügel und fotografierte sie vor schwarzem statt, wie üblich, vor hellem Hintergrund (siehe Foto oben). Und siehe da — was zuvor im Hellen ziemlich unspektakulär aussah, schillerte plötzlich fast schon wie Schmetterlingsflügel in allen möglichen Farben…

Diese Farben, so fanden Shevtsova et al., entstehen indes nicht durch Pigmente, sondern durch spezifische Lichtbrechungs- und -absorptionsphänomene, welche wiederum durch die mikroskopische Feinstruktur der jeweiligen Flügel bewirkt werden. Und diese Strukturen samt der entstehen Strukturfarben sind natürlich speziesspezifisch. Siehe etwa hier:

So mancher Insekten-Taxonom und -Systematiker dürfte über das Paper gejubelt haben. Denn vor allem Fliegen- und Wespenarten sind manchmal sehr schwer voneinander zu unterscheiden. Und was mit dieser einfachen, neuen Beobachtungs-Methode in dieser Hinsicht möglich ist, demonstrierten Shevtsova et al. in ihrem Paper gleich selbst. Aufgrund entsprechend verschiedener Flügelfarbenmuster konnten sie zeigen, dass sich hinter einer vermeintlichen Fliegenspezies  tatsächlich drei Arten verstecken:

Ebenso bekommen damit die gar nicht mal wenigen Leute, welche die genetische Kontrolle der Flügelentwicklung bei Drosophila studieren, ein schönes, neues Tool in die Hand, um entsprechend veränderte Phänotypen zu beobachten.

Als Fazit aus diesem Beispiel kann man folglich festhalten:

Und die Moral von der Geschicht‘:
Verachtet mir die deskriptive Forschung nicht.

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2 Gedanken zu „Vom Wert des genauen Hinschauens“

  1. cb sagt:

    Klasse! Und sehr schön.

  2. Ilya sagt:

    Das ist nicht nur interessant, das ist auch noch wunderschön.
    Nur der Gedanke an die jetzt flügellosen Wespen stimmt mich ein bisschen traurig.
    Liebe Grüße!

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