Nepper, Schlepper, Forscherfänger

8. Juli 2011 von Kommentar per Email

„Liebe Laborjournal-Redaktion,

ich wende mich an Sie, weil ich gestern einen dubiosen Anruf von jemandem bekommen habe, der offensichtlich versucht, Wissenschaftler mit der Verlockung einer ganz dringend erforderlichen Publikation in einem ganz wichtigen Organ zur Bezahlung von € 9.000 zu überreden.

Die Geschichte ging in etwa so: Kurz vor 18 Uhr — ich war schon in Eile, um mich auf den Weg nach Hause zu machen und dort meine Kinderbetreuung abzulösen — klingelt das Institutstelefon. Eine anonyme Nummer. Der Englisch-sprechende Anrufer erkundigt sich: Sind Sie Professor Lunger, Leiterin der Abteilung Neurobiologie [Name und Abteilung geändert, die Red.]? Es folgt eine Erklärung des Anrufers, er arbeite für ein Publikationsorgan (Zeitung? Buch?) des Public Service Review. Dieses würde daran mitwirken, Entscheidungsträger der EU darüber aufzuklären, in welche Forschungsgebiete diese zukünftig mehr Geld stecken müsse. Und das treffe für mein Fachgebiet ja zweifellos zu.

Der Anrufer sei unterwegs und habe daher im Moment keinen Zugang zum Internet, habe also auch keine Details über mich, wisse nur, dass ich DIE Top-Expertin auf meinem Feld sei. Gerade im Moment würde ein Meeting laufen, in dem über die nächste Ausgabe der Zeitschrift/des Buches entschieden wird — und er würde gerne vorschlagen, dass ich darin auf zwei Seiten über meine Arbeit berichte. Das sei dann unglaublich prestigeträchtig, allerdings eben auch schrecklich dringend. Irgendwann erwähnt der Anrufer noch, dass jeder Autor Page Charges zahlen muss, damit der Artikel erscheint.

Jetzt würde er mich aber, falls ich am Rechner säße, gerne durch das Projekt führen — und dann bräuchte er umgehend eine verbindliche Zusage, dass ich den Artikel bis zu einem fixen Datum im August schreibe. Und natürlich müsste ich ihm auch verbindlich zusichern, die Page Charges zu bezahlen. Wenn ich beidem zustimme, würde er sofort zurück ins Meeting gehen und mich vorschlagen.

Ich frage vorsichtshalber doch mal nach, um wie viel Geld es da geht — und spätestens bei Nennung der Summe von € 9.000 als Page Charges bin ich sicher, dass das Angebot nicht seriös ist! Höchst verwundert über so ein Nepper-Schlepper-Bauernfänger Angebot sage ich noch, ich habe weder Zeit für das Schreiben eines solchen Artikels und auch sicher keine € 9.000 dafür übrig — und beende das Gespräch.

Ein kurzer Blick ins Internet zeigt mir später, dass es Public Service Review tatsächlich gibt. Ob der Anrufer damit tatsächlich etwas zu tun hat und der Herausgeber tatsächlich solche Praktiken nutzt, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht nutzt jemand nur den Namen. Um welches konkrete Publikationsorgan es sich gehandelt hätte, wie der Anrufer hieß, Kontaktinformationen, wie die Zahlung abgelaufen wäre, etc., weiß ich alles leider nicht. Wie gesagt, ich war auf dem Sprung.

Zu Hause erzähle ich die Begebenheit meinem Mann, ebenfalls Wissenschaftler. Dieser entgegnet, dass er in der Vergangenheit schon zweimal einen quasi inhaltsgleichen Anruf bekommen hatte (war schon einige Zeit her; er vermutet, zweimal im Zeitraum der vergangenen 3-4 Jahre). Das Muster war das gleiche: Drängen auf sofortige Zusage des Artikels und der zu leistenden Zahlung.

Offenbar scheint jemand schon länger auf diese Art sein Unwesen zu treiben — und ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere Wissenschafter tatsächlich darauf hereinfällt. Was tut man nicht alles, um aufzufallen? Und dann noch  EU-Geldgeber…?

Kennt noch jemand diese Masche und weiß mehr darüber?“

Dies fragt nicht nur die Autorin, sondern mit ihr auch die Laborjournal-Redaktion. Antworten entweder im Kommentarfenster unten, oder an redaktion@laborjournal.de.

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8 Gedanken zu „Nepper, Schlepper, Forscherfänger“

  1. Kommentar per Email sagt:

    Die Autorin trägt nach:

    Auf dem Sekretariatstelefon war übrigens doch eine Nummer zu sehen: +44 131 553 1100. Diese stammt laut publicservice.co.uk tatsächlich von diesem Verlag. Es scheint sich also tatsächlich um deren Geschäftsgebaren zu handeln…

  2. Ralf Neumann sagt:

    Wie uns jetzt bekannt wurde, hatte die DFG bereits Ende letzten Jahres eine Warnung vor der „unseriösen Geschäftspraxis der Verlagsgesellschaft ‚Public Service'“ ausgesandt.

    Im Wortlaut:

    Sehr geehrter Herr […],

    auf diesem Wege möchten wir Sie auf die u. E. unseriöse Geschäftspraxis einer britischen Verlagsgesellschaft aufmerksam machen, mit der Sie vielleicht bereits in Berührung gekommen sind oder noch kommen könnten.

    Die Verlagsgesellschaft „Public Service“ (www.publicservice.co.uk) ist in jüngster Zeit an eine Reihe von Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland heran getreten, um ihnen eine Eigendarstellung in der von Public Service herausgegebenen Zeitschrift „Public Service Review: Science and Technology“ anzubieten. Für diese Eigendarstellung, für die zumeist zwei oder drei Druckseiten angeboten werden und die in Form von Interviews, redaktionellen Beiträgen und/oder Eigenanzeigen gestaltet werden kann, werden die angesprochenen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zur Zahlung aufgefordert – je nach Umfang und Gestaltung zwischen 5.000 und 8.000 Euro.

    Als Referenz bei der Kontaktaufnahme verweist Public Service unter anderem auf Interviews mit bzw. Beiträge von führenden DFG-Repräsentanten, die in früheren Ausgaben von „Public Service Review: Science and Technology“ erschienen sind – namentlich von DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner („Promotion, politics, priorities“, erschienen in Science and Technology Nr.2, S. 87-89) und DFG-Vizepräsident Professor Konrad Samwer („Physics first?“, erschienen in Science and Technology Nr.8, S. 54-56). DFG-Präsident Kleiner wird den angefragten Einrichtungen zudem als „top contributor“ genannt. Dabei handelt es sich um redaktionelle Beiträge, nicht um Anzeigen.

    Hierzu möchten wir in aller Deutlichkeit feststellen:

    Diese Geschäftspraxis von Public Service ist uns jetzt mehrfach aufgefallen. Wir verurteilen diese unseriösen Praktiken auf das Schärfste und möchten klarstellen, dass dieses Vorgehen mit der DFG in keiner Weise abgesprochen war oder von dieser unterstützt wird.

    Zum besseren Verständnis und für den Fall, dass auch Sie von Public Service kontaktiert werden, möchten wir Ihnen weitere Informationen geben:

    Die von Public Service als Referenz genannten Beiträge von bzw. Interviews mit dem Präsidenten und führenden Repräsentanten der DFG sind im Wege regulärer redaktioneller Anfragen zustande gekommen. Public Service hat sich bei diesen Gelegenheiten und bei der redaktionellen Bearbeitung der Texte als durchaus seriös präsentiert.

    Die DFG hat für die so entstandenen Beiträge selbstverständlich kein Geld an Public Service gezahlt; anders als bei den nun kontaktierten Hochschulen und Forschungseinrichtungen hat Public Service von der DFG jedoch auch keine Bezahlung gefordert. Hätten diese Beiträge nur gegen Bezahlung erscheinen können, so hätte die DFG auf eine Zusammenarbeit verzichtet und die Beiträge nicht zur Verfügung gestellt. Ebenso wenig hätten wir mit Public Service zusammengearbeitet, wenn absehbar gewesen wäre, dass die DFG-Beiträge als „Türöffner“ für Folgebeiträge zweckentfremdet würden; dies war jedoch in keiner Weise absehbar.

    Nachdem die DFG auf die unseriöse Geschäftspraxis aufmerksam wurde, haben wir uns bei Public Service umgehend dagegen verwahrt. Ebenso haben wir die journalistische Zusammenarbeit aufgekündigt und deutlich gemacht, dass es keine weiteren Beiträge von DFG-Repräsentanten für Public Service geben wird. Diese Reaktionen haben Public Service jedoch offensichtlich nicht davon abgehalten, auch ganz aktuell an weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen heran zu treten.

    Mehrere Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben sich in den vergangenen Wochen an die DFG mit der Bitte um Rat gewandt – auch in der konkreten Frage, ob sie auf die Angebote von Public Service eingehen sollen. In dieser Entscheidung sind die Hochschulen und Forschungseinrichtungen selbstverständlich frei. Wir raten Ihnen jedoch, auf die nach unserer Meinung unseriösen Angebote nicht einzugehen. Eben dies würden wir auch allen anderen Wissenschaftseinrichtungen raten, die noch von Public Service kontaktiert werden.

    Wir hoffen, Ihnen mit diesen Informationen behilflich zu sein – und dürfen unsererseits Sie um eine kurze Information, gerne auch per Mail, bitten, wenn Sie von Public Service ein entsprechendes Angebot erhalten. Eine solche Information wäre für die Dokumentation und Weiterver- . folgung dieser ärgerlichen Angelegenheit wertvoll.

    Mit freundlichen Grüssen

    Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DFG

  3. Ralf Neumann sagt:

    … und ganz aktuell warnt auch die Leibniz-Gemeinschaft vor dem „sonderbaren Geschäftsgebaren“ der Verlagsgesellschaft ‚Public Service‘. Unter dem Betreff „Warnung vor ‚Abzocke'“ schreibt deren Pressesprecher Josef Zens in einer Rund-Mail:

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    nachdem ich zweimal schon die Warnung der DFG (siehe Anhang, hier ein drittes Mal) versandt habe, höre ich jetzt, dass die selbe Verlagsgesellschaft nun auch im Veranstaltungsbusiness versucht, Instituten Geld aus der Tasche zu ziehen.

    Es sind mir zwei Fälle zu Ohren gekommen, wo Leibniz-Institute gedrängt werden, gegen eine doch stattliche Gebühr von 6000 Euro Artikel zu veröffentlichen im Zusammenhang mit einer Konferenz im November. Jetzt kommen weitere Aufforderungen, für Plakate etc. zwischen 9.000 und 24.000 Euro zu bezahlen (so zumindest informierte mich das Brüssel-Büro).

    Es handelt sich um folgende Veranstaltung:

    http://www.eurekanetwork.org/showevent?p_r_p_564233524_articleId=965818&p_r_p_564233524_groupId=10137

    Während das Eureka-Network unverdächtig wirkt, möchte ich nochmals eindringlich vor Geschäften mit Public Service warnen.

    Mit freundlichen Grüßen […]

  4. K Rockendorf sagt:

    In seinem Blog hat Andrew Jaffe (Astrophysiker am Imperial College) die Bekanntschaft mit „Public Service Review“ dokumentiert; vor allem die Kommentare sind enorm erhellend (u. a. meldet sich ein vermeintlicher ehemaliger Mitarbeiter zu Wort). Zu finden unter

    http://www.andrewjaffe.net/blog/science/000475.html

    Und auf einer Telefonnummern-Rückverfolgungsseite („Who Calls me“) breiten sich enorm viele Angerufene in Länge und Breite über PSCA aus. Zu finden unter

    http://whocallsme.com/Phone-Number.aspx/01618327387

    Insgesamt sehr lustig – so man denn nicht betroffen ist…

  5. xxx sagt:

    Welcher Professor darauf reinfällt, den möchte ich sehen! Sofortiger Entzug der Lehrerlaubnis.

  6. Pingback: NeuroKognition
  7. Pingback: source
  8. Gudrun W sagt:

    ich muss sagen es gibt inzwischen gerade in der forschung sehr dubiose methoden – wer darauf reinfällt ist selbst schuld…totaler schwachsinn, schön das darüber berichtet wird 🙂

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