Resultate gefälscht — sauber zurückgezogen

6. Juli 2011 von Laborjournal

Offenbar können Kommissionen, die den Verdacht auf Forschungsfälschung untersuchen, durchaus schnell sein. Zumindest scheint jetzt ein entsprechendes Gremium an der Universität Marburg deutlich fixer gearbeitet zu haben, als dies in vielen anderen Fällen kritisiert wird.

Dabei geht es um folgenden Fall:

Im Januar 2009 erschien in Genes & Development der Artikel “PRMT1-mediated arginine methylation of PIAS1 regulates STAT1 signaling” (Band 23: 118-32). Erstautorin war Susanne Weber, damals Doktorandin am Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung der Universität Marburg, als Seniorautorin zeichnete ihre damalige Chefin Uta-Maria Bauer, dazwischen reihten sich zwei weitere Marburger und zwei Berliner Forscher. Thema des Papers war die vermeintliche Entlarvung der Arginyl-Methyltransferase PRMT1 als negativer Regulator des Interferon-aktivierten STAT1-Signalwegs.

Nach einem Bericht unserer Freunde von Retraction Watch zogen sämtliche Autoren das Paper in der aktuellen Ausgabe von Genes & Development zurück. Die ‚Retraction Notice‘ lautet wörtlich:

In agreement with all authors, we herewith retract our above-mentioned article. In this article, we identified PRMT1 as a novel transcriptional corepressor of IFN-induced STAT1 target genes that cooperates with PIAS1. In the process of following up these findings, researchers in the group of the corresponding author recently uncovered that the original experimental data points of a subset of quantitative PCR (qPCR) results were intentionally falsified by the first author. Therefore, the reported results of Figures 3 (B and C) and 6 (B and C) and Supplemental Figures S7, S11B, and S12 are not supported by the raw qPCR data. As a consequence, we cannot maintain the central conclusions of our paper that PIAS1 is recruited to STAT1 target gene promoters in a PRMT1- and methylation-dependent manner; that PIAS1 methylation leads to promoter release of STAT1 from a subset of target genes and, consequently, to transcriptional repression; and that PRMT4 and PRMT6 do not influence PIAS1-dependent STAT1 target genes. Other results of the paper (Figs. 1, 2, 4, 5, 7) and their conclusions remain unaffected.

We deeply apologize for any inconvenience this scientific misconduct might have caused

Zuallererst ist dies eine erfreulich offene ‚Retraction Notice‘, die niemanden über die relevanten Details der Retraktion im Unklaren lässt. Das ist leider in vielen Fällen anders — siehe etwa hier oder hier.

Zum anderen ist die Sache offenbar schnell und sauber abgeschlossen worden. Auch wenn man zugeben muss, dass die Umstände dafür deutlich günstiger waren als in den meisten anderen Fällen: die Erstautorin Susanne Weber hatte eine absichtliche Datenfälschung in dem Paper gestanden und zudem die aktive Forschung zugunsten ihrer Mutterschaft bereits irreversibel verlassen.

Dummerweise veröffentlichten Susanne Weber und Uta-Maria Bauer im Mai 2009 noch einen sogenannten ‚Feature‘-Artikel über genau diese Ergebnisse in Cell Cycle (“Arginine methylation in interferon signaling: New light on an old story”, vol. 8: 1461-5). Auch diesen zogen sie logischerweise mit einer ähnlich ausführlichen ‚Retraction Notice‘ zurück.

Überdies überprüfte die Kommission laut Uta-Maria Bauer auch Susanne Webers Daten zu zwei weiteren Artikeln, die sie als Ko-Autorin zeichnete — fand hier aber keine weiteren Manipulationen. Dennoch blieb der Universität Marburg natürlich nichts anderes übrig, als Susanne Weber aufgrund der Untersuchungsergebnisse den Doktortitel wieder zu entziehen.

Summasummarum also zweieinhalb Jahre von der Publikation bis zur sauberen und umfassenden Abwicklung eines Fälschungsfalles. Wobei man womöglich mit berücksichtigen muss, dass noch einige Zeit verging, bevor der erste Verdacht aufkam.

Wir finden, das ist schnell — auch wenn diesem Fall natürlich die gesamte Komplexität fehlt, die ‚ungeständige Täter‘ nach sich ziehen. Denn mit solchen geht die richtige ‚Drecksarbeit‘ ja in der Regel erst los.

Schlagworte: , , , , ,

6 Gedanken zu „Resultate gefälscht — sauber zurückgezogen“

  1. Ralf Neumann sagt:

    Und wieder eine Retraktion aus deutschen Landen. Eine Gruppe von zwanzig Autoren, die meisten davon aus München und Tübingen, zogen ein Paper zur Cystischen Fibrose zurück — Titel: CXCR2 mediates NADPH oxidase–independent neutrophil extracellular trap formation in cystic fibrosis airway inflammation. Es erschien erstmals online am 5. September letzten Jahres und nachfolgend in print im Oktoberheft von Nature Medicine (vol. 16(10): 1018-23). Corresponding Author war Dominik Hartl, Leiter des Lehrstuhls für Pädiatrische Infektiologie & Immunologie an der Universität Tübingen.

    Um es gleich ganz klar zu sagen: Fälschung war wohl nicht im Spiel. Dies wird vor allem durch die wiederum vorbildlich transparente Retraction Note deutlich:

    In the version of this article initially published, we reported that CXCL8 could efficiently induce neutrophil extracellular trap (NET) formation in vitro. When we followed up on the effect of recombinant CXCL8 (IL-8) on NET formation by comparing different cell culture conditions and extending our studies to neutrophils obtained from a larger number of healthy blood donors, we found that the CXCL8 effect was donor dependent and was less robust than we previously thought. In investigating the underlying factors, we observed that the CXCL8 effect that we initially observed was favored by our cell culture conditions (CXCL8-72aa (CXCL8 that is 72 amino acids in length) at 100 nM; RPMI-1640 medium; absence of albumin, buffers or serum; supplementation with L-glutamine; and precoating of culture plates with poly-D-lysine 30–70 kDa). We had initially chosen these conditions because we felt that they resembled the pulmonary microenvironment. On the basis of our recent observations, however, we conclude that these culture conditions are unstable and allow nonspecific neutrophil activation and autocrine/paracrine CXCL8 release.

    In light of these results, we revise our conclusions to state that the effect of recombinant CXCL8 on NET formation is less efficient than we previously reported, donor dependent and less robust compared to the effect of phorbol 12-myristate 13-acetate. Thus, we wish to retract the paper.

    Noch ein wenig mehr dazu hat Retraction Watch.

  2. BadBoyBoogie sagt:

    Nu ja, DAS ist halt Forschung. Gut so. – Das, was sonst so läuft im Publikationswesen, ist oftmals eben wenig mehr als Selbstdarstellung und Karriereplanung um jeden Preis… leider.

  3. Ralf Neumann sagt:

    Wie man mit wissenschaftlichem Fehlverhalten in Spanien umgeht — oder besser: nicht umgeht — beschrieb Paul Ingendaay, FAZ-Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal, vor drei Wochen in seinem Artikel „Plagiatoren in Spanien — War die Guttenberg-Affäre denn zu gar nichts gut?“

    Fazit: Wo kein Unrechtsbewusstsein ist, muss offenbar auch nichts untersucht werden.

  4. Winfried Köppelle sagt:

    Erstens: Schön, dass die FAZ eine solche doch so fern der Heimat passierende Sache derart ausführlich thematisiert! Die anderen „Leit“medien hierzulande verweigern sich der Thematik ja traditionell (mit wenigen Ausnahmen).

    Zweitens: Es wird vom FAZ-Autor suggeriert, hier in D ginge man viel offener und konsequenter mit derlei Vorwürfen um. Dies möchte ich in Frage stellen. Hier in D agiert man doch nur transparenter, wenn man durch Blogs und Whistleblower dazu gezwungen wird (Beispiel: GuttenPlag, VroniPlag, K. Wiebauer, etc.). In der Regel wird ähnlich konsequent vertuscht wie in Spanien.

    Drittens: Dass „man bizarre Dinge über diesen [Professor hört]; etwa, er laufe an der Uni in Shorts, T-Shirt und Latschen umher, sei ein Freund sexueller Anspielungen und, wie man sich erzählt, auf dem Campus schon einmal im Darth-Vader-Kostüm aus „Krieg der Sterne“ aufgetreten.“ tut nichts zur Sache und gehört eher in die Schublade „Boulevard“. Auch LJ-Reporter laufen gerne in Shorts, T-Shirts und Latschen umher.

    Und dass „Mejuto […] in derber Sprache vor einer Reihe gequält lächelnder Kollegen über den Zustand der Universität“ schwadronieren würde, nun ja, derartige Szenen kenne ich zur Genüge aus eigener Erfahrung hier in D.

    Viertens: Dass man mit drei Papern in Spanien Professor werden kann, wie im FAZ-Artikel zu lesen, ist ein Skandal, richtig.

    Genauso ein Skandal ist es allerdings, dass man im bundesdeutschen Witzenhausen (zur Uni Kassel gehörig) mit noch viel weniger Substanz ebenfalls Professor(in) werden kann – siehe „Der Gnomen-Klüngel“ in Laborjournal 12/2006, und dass man ebendort über „dynamisierten Hornmist“, „kosmische und irdische Kräfte an Boden und Pflanze“ und ähnlichen anthropologisch-biodynamischen Nonsens „forschen“ darf. Darüber hat die FAZ unseres Wissens noch nie berichtet (oder doch?).

    Das Fazit des FAZ-Artikels („Ja, das Thema ist ernst. Ernst sind die Verschleierung, das Taktieren und das gleichgültige Einverständnis damit, dass die Kriterien wissenschaftlicher Arbeit auf den Hund kommen.“) würde somit genauso auf die Wissenschaftsszene in D passen.

    Trotz alledem: Wir wünschen uns mehr solcher FAZ-Artikel!

  5. Ralf Neumann sagt:

    Es scheint, der Eisberg taucht immer weiter auf. Retraction Watch listet das dritte zurückgezogene Paper aus einem deutschen Labor binnen einer Woche. Nach deren Bericht wird eine 2009er-Publikation in Circulation Research über die Regulation der Reparatur von verletzten Blutgefäßen ab sofort aus dem Scientific Record gestrichen. Titel der Arbeit war „Novel role of the CXC chemokine receptor 3 in inflammatory response to arterial injury: involvement of mTORC1“, die zehn Autoren um Seniorautorin Dietlind Zohlnhöfer-Momm arbeiteten großteils am Deutschen Herzzentrum, Technische Universität München. (Frau Zohlnhöfer-Momm wechselte nahezu zeitgleich mit der Publikation an die Charité Universitätsmedizin Berlin, Medizinsche Klinik II — Kardiologie und Pulmologie Campus Benjamin Franklin.)

    „Böser Bube“ ist der Erstautor und damalige Postdoc Johannes Schwarz. In der „Retraction Notice“ heißt es wörtlich:

    The authors of the following article have requested that it be retracted from publication in Circulation Research:

    Schwarz JB, Langwieser N, Langwieser NN, Bek MJ, Seidl S, Eckstein HH, Lu B, Schömig A, Pavenstädt H, Zohlnhöfer D. Novel role of the CXC chemokine receptor 3 in inflammatory response to arterial injury: involvement of mTORC1. Circ Res. 2009;104: 189–200 .

    Dr Johannes Schwarz admitted to manipulating in vitro data concerning IP-10–induced effects in T cells and SMCs (Figure 1 and Figure 8e). All coauthors involved in this study, other than Dr Schwarz, had no knowledge of any scientific impropriety related to the collection, analysis, or presentation of these in vitro data in this manuscript. Dr Schwarz apologizes for any adverse consequences that may have resulted from the article’s publication and any inconvenience and wasted effort that this may have caused the scientific community and readers of the journal.

    Laut Retraction Watch hatten die Autoren selbst die vorsätzliche Datenmanipulation bei Circulation Research angezeigt. Welche Konsequenzen Johannes Schwarz ziehen musste, ist bislang nicht bekannt.

  6. Ralf Neumann sagt:

    … Diese bedenkliche Zunahme aufgedeckter Datenfälschungen hierzulande wird die Rufe nach einem professionellen Kontrollgremium nach Art des US-amerikanischen Office for Research Integrity (ORI) sicherlich wieder anheizen. Der Ombudsman der DFG scheint mittlerweile für die Größe des Problems schlichtweg zu klein. Wie überhaupt die Gegenargumente gegen ein deutsches ORI aufgrund dieser jüngsten Fakten und Entwicklungen auf immer schwächeren Füßen stehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha loading...

Information 1


Information 2


Info

Info

Mit dem HandyStep® Touch bringt BRAND® den Touchscreen auch für handgehaltene Geräte ins Labor. mehr

Info

Info

Wenn Sie Ihre Zentrifuge richtig und mit Sorgfalt behandeln, werden Sie sie lange Zeit genießen können. mehr

Info
Info

Info

Info

Die WLAN-Funktion der Olympus Kamera ermöglicht ein interaktives Zusammen­arbeiten der Studierenden. mehr