Schräge Forscher: Der Parasito-verhaltens-evolutionsbiologe

17. Juni 2011 von Laborjournal

Ob wir vielleicht mal eine Reihe über — nun ja — eher „schrägere“ Vertreter der biomedizinischen Forschung machen? Warum eigentlich nicht.

Jaroslav Flegr: Toxoplasma beeinflusst Verhalten.

Hier ist jedenfalls einer: Jaroslav Flegr, Parasitologe und Evolutionsbiologe an der Karls-Universität Prag. Flegr schaffte es mit seinen Studien zu potentiellen Auswirkungen von latenten Toxoplasma gondii-Infektionen auf das menschliche Verhalten immer wieder auch in die Medien. Was nicht wundert, wenn er Studien publiziert, in denen er vermeintlich zeigt:

Mit diesen Publikationen untermauerte Flegr schließlich seine „Manipulations-Theorie“, die nicht weniger besagt, als dass Parasiten-Infektionen bisweilen das Verhalten des (menschlichen) Wirts mitsteuern können. Einfach war das damals aber nicht, wie er sagt. Vielmehr hatte er wegen der ausgeprägten Skepsis seiner Kollegen große Schwierigkeiten, seine Resultate überhaupt zu publizieren. In der Zwischenzeit werde er aber zunehmend ernster genommen — vor allem, da man seit einiger Zeit „passende“ Ergebnisse mit Toxoplasma-infizierten Nagern erhalten habe.

Auf die Frage, wie er überhaupt darauf kam, solche nicht unbedingt naheliegenden Dinge zu untersuchen, antwortete er:

The relatively meagre funding available had led us to study areas overlooked by bigger institutions. If more money had been available, we would have been under the pressure to design complex experiments in order to justify (and receive) large grants.

Interessante These: Wo viel Geld für Forschung bereit steht, muss man automatisch entsprechend teure Projekte beantragen — auch wenn man sein Problem deutlich „schlanker“ lösen könnte. Ansonsten wird man nicht ernst genommen und kriegt gar nichts.

Das Problem jedoch hat er — wie gesagt — nicht. Und machte genau deshalb aus der Not eine Tugend:

Animals are very expensive. It’s necessary to feed them and so on. So I decided to study the manipulation hypothesis on our students. We have a lot of them. They keep and feed themselves.

Doch damit nicht genug: Im Jahre 2008 legte Flegr sich auch mit Darwin an, als er das Buch „Frozen Evolution: Or, that’s not the way it is, Mr. Darwin — Farewell to selfish gene“ publizierte, in dem er seine „Frozen Plasticity Theory“ der Evolution darstellt. Diese beschreibt nicht weniger als einen generellen Mechanismus, wie in der Evolution adaptive Merkmale entstehen. Darwins natürliche Selektion sei demnach nicht mehr als ein Spezialfall, den Flegrs Theorie mit einschließt.

Wer sich damit ausführlicher und genauer beschäftigen will, kann dies anhand von Flegrs Aufsatz „Elastic, not plastic species: Frozen plasticity theory and the origin of adaptive evolution in sexually reproducing organisms“ aus dem Jahre 2010 tun (Biol. Direct.; vol. 5: 2).

Sicher nicht der stromlinienförmige Typ, dieser Jaroslav Flegr aus Prag. Aber gerade in der Wissenschaft war so mancher Pionier ein „schräger Vogel“.

 

 

 

 

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5 Gedanken zu „Schräge Forscher: Der Parasito-verhaltens-evolutionsbiologe“

  1. Winfried Köppelle sagt:

    Aus gegebenem Anlass:
    Wer eine ganze Reihe anderer, mindestens ebenso schräger Vögel aus Wissenschaft und Forschung kennenlernen möchte, dem sei das köstliche Buch „Der Rosinenkönig“ des schwedischen Biologen Patrik Sjöberg empfohlen (Besprechung im aktuellen Laborjournal 6/2011 auf Seite 82/83).

  2. Winfried Köppelle sagt:

    … sorry, der Autor heisst FREDRIK Sjöberg
    (nicht Patrik, das ist vielmehr der ehemalige schwedische Hochspringer)

  3. egal sagt:

    aber was ist denn jetzt genau schräg an dem Typen? Die Haare? Aber die hatte Einstein doch schon vor 100 Jahren. versteh das nicht so richtig.

  4. FireBubble sagt:

    Ich weiß ich komme „bisschen“ spät aber mich würde es auch interessieren was an Jaroslav Flegr so schräg sein soll. Seine Theorie ist statistisch bewiesen und auch wenn er auf Kritik stößt ist dass Thema mit dem er sich befasst durchaus faszinierend und es würde auch eine genauere Untersuchung verdienen (meiner Meinung nach). Die Studien kann ich nicht als schräg betrachten und wenn sich das schräg auf seine „Haarpracht“ bezieht, dann fände ich das recht oberflächlich. Wenn etwas anderes gemeint wurde mit schräg würde ich mich über eine Aufklärung freuen.
    Danke im Vorraus (FireBubble)

  5. Laborjournal sagt:

    Bitte nicht missverstehen: „Schräg“ meint keinesfalls „falsch“ oder „schlecht“! Eher „nicht stromlinienförmig“ oder „abseits vom Mainstream“. Und im letzten Absatz wird das ja auch als bisweilen durchaus positive Eigenschaft von Wissenschaftlern dargestellt. Dazu passt übrigens, dass Flegr 2015 den IgNobel-Preis bekam — quasi DER Preis für „schräge“ (aber nicht „schlechte“!) Forschung: https://www.improbable.com/ig/winners/#ig2015

    Eher schlecht ist aber dennoch seine „Frozen Plasticity Theory“ zur Evolution (s.o.). Da offenbart er doch ziemlich große Mängel im Verständnis von Evolution — wofür er auch zu Recht ordentlich kritisiert wurde (etwa hier: http://www.rationalskepticism.org/evolution/frozen-evolution-t6990.html

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