Nochmal Fehlverhalten in Borstel?

31. Mai 2011 von Laborjournal

(Doppeltes Update vom 1.6.2011: Peter Zabel tritt nicht wegen Selbstduplikation zurück, sondern vielmehr wegen Plagiierens von anderen Autoren. Mehr am Ende des Beitrags.)

Erst drei, dann zwei, dann einer,… — dem Forschungszentrum Borstel gehen gerade die Direktoren aus.

Erst legte kurz vor Weihnachten Silvia Bulfone-Paus ihr Direktorat nieder. Seitdem macht der „Fall“ unter anderem wegen zwölf aufgrund von Datenfälschungen zurückgezogener Publikation jede Menge Schlagzeilen.

Und jetzt gerät auch Peter Zabel, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik am Forschungszentrum Borstel, in den Sog des Verdachtes wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Zabel hatte 1992 mit zwei Mitarbeitern den deutschsprachigen Review „Pentoxifylline–an inhibitor of the synthesis of tumor necrosis factor alpha im Juli-Heft von Immunität und Infektion publiziert (Band 20(3):80-3, Titel und Abstracts gibt’s dort auch in Englisch). Knapp ein Jahr später veröffentlichten sie diesen offenbar nochmals als Duplikat in englischer Übersetzung unter dem Titel „Inhibition of endogenous TNF formation by pentoxifylline“ in Immunobiology (Band 187(3-5):447-63).

Kein Direktor mehr in Borstel: Peter Zabel

In der Tat klingen nicht nur die Titel ähnlich, auch die Texte der beiden englischen Abstracts zeigen auffällig starke Übereinstimmungen. Zabel ist jedenfalls umgehend von seinem Direktorat am Forschungszentrum Borstel zurückgetreten. In der entstprechenden Pressenotiz heißt es:

Prof. Zabel hat die Verantwortung übernommen und noch vor Abschluss des internen Ombudsverfahrens sein Amt als Geschäftsführender Direktor mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Seine Funktion als Abteilungsdirektor wird er bis zur Beendigung des Untersuchungsverfahrens ruhen lassen.

Die Crux an der Sache jedoch ist, dass es in der deutschen Medizinerlandschaft durchaus üblich ist, Studien sowohl auf Englisch für die internationalen Kollegen, als auch im deutschen Duplikat für die hierzulande niedergelassenen Ärzte zu publizieren. Und unter gewissen Bedingungen ist dies sogar erlaubt, wie etwa das International Committee of Medical Journal Editors unter der Überschrift Overlapping Publications explizit klar stellt.

Nur halten sich offenbar die wenigsten an diese Regeln. So musste etwa Ende vergangenen Jahres der Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum Berlin, Roland Hetzer, genau aus diesem Grund eine Publikation in Anesthesia & Analgesia (Band 108(6): 1862-66) zurückziehen (wir berichteten auf Laborjournal online). Zuvor hatte er die Studie bereits auf Deutsch in Der Chirurg (Band 80(7):622-7) veröffentlicht. Beide Zeitschriften wurden nicht darüber informiert, dass die anschließende Veröffentlichung in Anesthesia & Analgesia de facto eine Zweitverwertung war.

Einen weiteren „Fall“ aus der Gerontopsychiatrie schildert die nächste Laborjournal-Printausgabe, die Mitte Juni herauskommt. (Siehe auch unseren Blog-Beitrag vom 20. Mai: Aus Eins macht Zwei)

Wie gesagt, Doppelveröffentlichungen auf Deutsch und Englisch sind seit langem durchaus üblich unter Deutschlands Medizinforschern. Wenn man da jetzt anfängt zu graben, könnte in dem Loch womöglich deren größter Teil verschwinden.

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Update 1 vom 1.6.2011:

Offenbar trat Zabel nicht primär wegen der oben beschriebenen Selbst-Duplikation als Direktor der Medizinischen Klinik am Forschungszentrum Borstel zurück. Der Hauptgrund scheint vielmehr ein noch schlimmerer zu sein.

In einer E-Mail aus dem FZ Borstel heißt es, dass Zabel und sein Oberarzt Hans-Peter Hauber einen deutschen Review weitgehend von einem englischen Review anderer Autoren abgeschrieben haben sollen.

Es handelt sich um den Artikel „Pathophysiology and pathogens of sepsis“, erschienen 2009 in der Zeitschrift Internist (Band 50(7):779-80, 882-4, 786-7). Offensichtlich haben beide Autoren sich bei dessen Verfassen reichlich bei dem Review „Harmful molecular mechanisms in sepsis“ bedient, den drei US-Autoren 2008 in Nature Reviews Immunology (Band 8(10):776-787) publizierten. Sowohl ganze Textpassagen, wie auch drei Abbildungen weisen auffällige Ähnlichkeiten auf.

Gegen Zabel und Ko-Autor Hans-Peter Hauber wurde inzwischen ein internes Untersuchungsverfahren eingeleitet. Der Internist-Review wird zurückgezogen.

Update 2 vom 1.6.2011:

Gerade erreichte uns die folgende, den Sachverhalt bestätigende Mail von Jürgen Meyer zu Tittingdorf, Leiter Academic Publishing bei Springer Medizin — dem Verlag also, der den Internist herausgibt:

Dear all,

we were already informed by Professor Zabel of the duplicate publication in “Der Internist“ involving an article from Nature Reviews Immunology. As a consequence, retraction of this article was initiated two days ago and furthermore Professor Zabel has announced that he will resign from the editorial board of „Der Internist“.

We are very sorry for this to happen.

Best regards,

Jürgen Meyer zu Tittingdorf

 

 

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8 Gedanken zu „Nochmal Fehlverhalten in Borstel?“

  1. BadBoyBoogie sagt:

    Ich werde’s nie verstehen: Wieso tut Zabel das??? Hat er doch sowas von nicht nötig. Der Mann hat 150 Publikationen oder so, und jetzt glaubt er, sich die 151. klauen zu müssen. Das Plagiat veröffentlicht er dann im weltweit renommierten Superjournal „Der Internist“ – geradezu lachhaft.

    Das ist ja so, also ob ein Millionär im Supermarkt ein Päckchen Kaugummi klaut, um mehr Geld zu haben.

    (Kopfschüttel)

  2. Leonhard E. sagt:

    Wer sich auf diesem Blog bewegt, kommt ja wahrscheinlich auch +/- aus der Wissenschaft. Da sollte man sich durchaus mal die Frage zu stellen (um im Bild zu bleiben) „wie kommt das Päckchen Kaugummi in Zabel’s Einkaufstasche“ ? Bis jetzt scheint man ja nur zu wissen, dass es drin ist.

  3. Winfried Köppelle sagt:

    @Leonhard E.:
    Wir konnten uns bisher nicht mit Herrn Zabel selbst unterhalten (schlicht aus zeitlichen Gründen: die komplette Redaktion ist derzeit mit der Produktion zweier Zeitschriftenausgaben komplett eingespannt). Versuchen wir natürlich nachzuholen, sobald es uns möglich ist (und Herr Zabel mitspielt).

    Allerdings: ein kurzes Hintergrundtelefonat war drin – und dabei haben wir aus sehr zuverlässiger Quelle erfahren, dass Herr Zabel das, was ihm vorgeworfen wird, ohne Umschweife zugegeben haben soll. Sprich: Er habe keinesfalls herumlaviert, so wie’s die meisten anderen in ähnlichen Situationen tun.

    „Wie das Päckchen Kaugummi reinkommt“, scheint also klar zu sein (Verschwörungstheorien nicht benötigt). Warum – das wäre schon eher die interessante Frage (wenn auch natürlich nicht von grundsätzlichem Belang).

  4. Leonhard E. sagt:

    Frage: soll er zugegeben haben, dass er das „Päckchen Kaugummi“ geklaut hat oder hat er einfach zugegeben, dass das „Päckchen Kaugummi“ eben ein „Päckchen Kaugummi“ ist ? Ich meine, in der Wissenschaft sind v.a. die kleinen Details wichtig. (Verschwörungstheorien brauchen wir glaube ich nicht zu bemühen).

  5. Winfried Köppelle sagt:

    Äh… jetzt stehe ich auf dem Schlauch, obwohl ich regelmäßiger Kaugummikauer bin. Sorry, ich verstehe nur Bahnhof. Bitte nochmal, ohne Bubblegum-Analogie.

    Grundsätzlich ist’s aber doch ohnehin egal, ob zugegeben oder nicht. Bei einem offensichtlichem Plagiat wie in diesem Fall muss man nichts zugeben. Da spricht der Sachverhalt für sich selbst. Man wird ja im Allgemeinen nicht gezwungen, sich als Erstautor auf ein Paper zu setzen und sich in diesem angeblich selbstverfassten Paper fleißig bei anderen Autoren ohne deren Wissen und ohne Quellenangabe/Zitierung zu „bedienen“.

    Höchstens ein gewisser Baron aus Unterfranken würde womöglich so argumentieren… und damit erneut nicht durchkommen.

    Aber das ist jetzt alles schon sehr „akademisch“, will sagen: weltfremd.

  6. Leonhard E. sagt:

    @ Winfried Köppelle

    hmmmmm …. selbst wenn der Eintrag um 01:20 erfolgt ist, jetzt bin ich etwas irritiert:

    „akademisch“ = „weltfremd“ ?

  7. Winfried Köppelle sagt:

    Im umgangssprachlichen Sinn: ja.
    (man beachte bitte die Anführungszeichen)

  8. Der „Abnormal Science Blog“ (http://abnormalscienceblog.wordpress.com/) bringt heute einen Blogbeitrag über die dejavu Datenbank, auf deren Eintrag der erste Plagiatsvorwurf gegen Prof. Zabel im Laborjournal basierte. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte vorbeischauen.

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