Viel zitiert — viel gelesen?

17. Januar 2011 von Laborjournal

Zitierungen sind wichtig, meint der Forscher von heute. Denn — so die weitläufige Meinung — sie zeigen halbwegs objektiv an, welchen Wert die in der jeweiligen Veröffentlichung dargestellte Forschung hat. Pauschal ließe sich das also auf das simple Klischee eindampfen: Viel Zitate, gute Forschung — keine Zitate, schlechte Forschung.

Dass es jedoch viele Mechanismen gibt, warum all das nicht ganz so einfach ist — das demonstrieren unter anderem die 25 Beispiele unserer alten, aber immer noch aktuellen Laborjournal-Kolumne „Was können Zitationsvergleiche … nicht unbedingt„. Hier jedoch wollen wir mal die Grundsatzfrage stellen: Was macht die Zitierzahlen eigentlich so wichtig? Okay, man meint grob, je öfter ein Artikel in den Referenzlisten nachfolgender Paper erscheint, umso stärker müsse dessen Inhalt zwangsläufig die nachfolgende Forschung beeinflusst haben.

Aber wodurch? Na ja, zunächst einmal dadurch, dass offensichtlich viele, viele Forscher den betreffenden Artikel gelesen haben. Allerdings — Hand auf´s Herz — haben Sie jeden Artikel, den Sie in Ihren Veröffentlichungen referieren, tatsächlich gelesen?

Nehmen wir etwa das berühmte Nature-Paper von 1970 zur Polyacrylamid-Gelelektrophorese von Ulrich Karl Laemmli, das bis heute am zweithäufigsten zitierte Paper der Welt: Dieses wurde auch in den letzten drei Jahren immer noch mehr als 2.500 Mal zitiert. Ist es zu gewagt zu behaupten, dass sicherlich weniger als 1 Prozent der Zitierer Laemmlis Paper tatsächlich gelesen haben? Vertraut man nicht vielmehr den vielen, vielen Zitaten zuvor — nach dem Motto: So viele „Proteingel-Fahrer“ können nicht jahrzehntelang geirrt haben? Und übernimmt man es dann nicht bereitwillig und ungeprüft in die Referenzliste, weil „man dafür eben Laemmli zitiert“?

Für Quellen, die bereits vielfach zitiert wurden, steigt demnach die Wahrscheinlichkeit, dass sie weiter zitiert werden. Und dies nicht nur, weil die Autoren ihre eigenen Artikel mit Prominenz aufwerten oder absichern wollen. Nein, vielmehr meinen sie, sich die eigene Lektüre des zitierten Artikels schenken zu können, da die hohe Zitathäufigkeit per se schon die kollektive Wertschätzung des Artikels belegt. Und da schließt man sich eben einfach unbesehen an.

2003 analysierten die beiden kalifornischen Mathematiker Mikhail V. Simkin und Vwani P. Roychowdhury  diesen Effekt — am Beispiel der „Evolution von Zitierfehlern„: Sie nahmen sich einen 1973er-Artikel aus dem Journal of Physics C, der bis 2002 insgesamt über 4.300 Mal zitiert wurde. 196 dieser Literaturverweise enthielten jeweils einen Fehler, die sich allerdings auf nur 45 verschiedene Druckfehler verteilten. Der häufigste davon trat gar 78 Mal auf.

Zufallsstatistisch ist das praktisch unmöglich. Simkin und Roychowdhury folgerten daher: 45 Artikelschreiber machten beim Zitieren einen Fehler, von denen einige wiederum von insgesamt 151 weiteren Autorenteams übernommen wurden — einfach, weil sie den Literaturverweis nicht dem Original entnahmen, sondern aus einem der 45 „Erstfehler“-Artikel kopierten. Sehr naheliegend daher auch, dass sie den Originalartikel nie gelesen haben. Was zumindest unter allen, die fehlerhaft zitierten, eine Quote von 77 Prozent „Nicht-Leser“ ausmacht.

Da die Kalifornier auch in anderen Studien zu ähnlichen Ergebnissen kamen, drehten sie die Schlussfolgerung letztlich auch um — und verallgemeinerten: Im Schnitt lesen Autoren nur etwa 20 Prozent der von ihnen referierten Artikel.

Was einen bei der These „Was viel zitiert wird, wird auch viel gelesen“ zumindest vorsichtig werden lässt.

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