Viel zitierte Rattenfänger

9. November 2010 von Laborjournal

Viele Zitate ist gleich gute Forschung. Diesen Schluss ziehen viele. Kann man aber eigentlich nicht. Denn was heißt es ganz nüchtern betrachtet, wenn einen viele zitieren? Zuerst einmal bedeutet es, dass man viele Kollegen von dem Weg, den man ihnen vermeintlich mit den eigenen Ergebnissen weist, überzeugen konnte. Das Problem allerdings ist, dass man auch elegant und überzeugend auf das falsche Ziel schießen kann.

Ronald Kostoff nannte dies 2002 in seinem Buch „Research program peer review: Principles, practices, protocolsRattenfänger-Effekt (Pied Piper Effect). Er beschrieb dazu unter anderem folgendes hypothetisches Szenario:

„Assume there is a present-day mainstream approach in a specific field of research; for example, the chemical/ radiation/ surgical approach to treating cancer […]. Assume the following hypothetical scenario: there exist alternative approaches to treatment not supported by the mainstream community; in fifty years a cure for cancer is discovered; the curative approach has nothing to do with today‘s mainstream research, but is perhaps a downstream derivative of today‘s alternative methods; it turns out that today‘s mainstream approach sanctioned by the mainstream medical community was completely orthogonal or even antithetical to the curative approach. Then what meaning can be ascribed to research papers in cancer today which are highly cited for supposedly positive reasons? In this case, a paper‘s high citations are a measure of the extent to which the paper‘s author has persuaded the research community that the research direction contained in his paper is the correct one, and not a measure of the intrinsic correctness of the research direction. It is analogous to firing a missile accurately at the wrong target. In fact, the high citations may reflect the deliberate desire of a closed research community (the author and the citers) to persuade a larger community (which could include politicians and other resource allocators) that the research direction is the correct one. This is the ‘Pied Piper’ effect. The large number of citations in the above hypothetical medical example becomes a measure of the extent of the problem, the extent of the diversion from the correct path, not the extent of progress toward the solution.

Für solch einen Rattenfänger-Effekt braucht man allerdings gar nicht mal hypothetische Szenarien bemühen. Man nehme nur etwa den Fall des 2000er-Papers „Regression of human metastatic renal cell carcinoma after vaccination with tumor cell-dendritic cell hybrids“ in Nature Medicine (Band 6: 332-36). Bis heute 480mal zitiert, obwohl sämtliche Aussagen wegen gefälschter Daten nicht haltbar sind.

Oder das 1987er Cell-Paper „The Sex-determining Region of the Human Y-chromosome encodes a finger protein“ (Band 51(6): 1091-104) von David Page und Co. Mit ZFY (zinc finger Y) meinten die Autoren DEN Transkriptionsfaktor kloniert zu haben, der einzig und allein die Ausbildung des männlichen Menschengeschlechts bestimmt. Page’s Schlussfolgerung jedoch erwies sich als falsch. 1990 identifizierten die Engländer Peter Goodfellow und Robin Lovell-Badge SRY (sex-determining region of the Y chromosome) als den wahren „Mannesfaktor“ auf dem Y-Chromosom (Nature 346(6281): 240-4). Dennoch „folgten“ Page seinerzeit erstmal viele Forscher, knapp 800mal wurde dessen Paper zitiert.

Ein ganz ähnliches Beispiel liegt noch länger zurück. 1955 beschrieben Marianne Grunberg-Manago und Severo Ochoa die erste mutmaßliche RNA-Polymerase (Science 122: 907-10). 1959 bekam Ochoa dafür eine Hälfte des Medizin-Nobelpreises, das Paper wurde über 1000mal zitiert. 1960 jedoch „entdeckten“ US-Forscher die richtige Polymerase, Ochoas Enzym stellte sich als RNA-abbauende Polynukleotid-Phosphorylase heraus.

Echte Beispiele für unfreiwillige „Rattenfänger“ gibt es also einige. Und diese wurden alle viel zitiert, obwohl sie ihre „Anhänger“ zunächst in die falsche Richtung leiteten. Nicht jedesmal sind folglich viele Zitate ein Maß für echten Erkenntnisgewinn oder gar gelöste Probleme.

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