Vom Geo- zum Idolgenetiker

30. August 2010 von Laborjournal

Mit „Inuk“ ist er gerade fertig geworden: Eske Willerslev vom Naturkundemuseum der Universität Kopenhagen. Unter seiner Leitung rekonstruierte ein internationales Team das Genom eines vor 4.000 Jahren lebenden männlichen Grönländers, der vermutlich zu den ersten Siedlern gehörte, die in die Arktis der Neuen Welt einwanderten. Als Quelle diente ein Haarbüschel des Mannes, das schon länger in den Beständen des dänischen Nationalmuseums lagerte.

Nicht erst seitdem hat man für ihn den Begriff des „Geogenetikers“ geschaffen. Denn schon zuvor verfolgte er die an sich simple Idee: „Schau nach, was in der Erde, vor allem im Permafrost, so alles konserviert wurde — und sequenziere es.“ Bisherige Beute: jede Menge Sequenzen von ausgestorbenen Bäumen und anderen Pflanzen, von fossilen Käfern und Schmetterlingen — und zuletzt gar die mitochondriale DNA-Sequenz eines Mammuts. Näheres etwa hier und hier.

Ganz nebenbei holte er sich dabei den Altersrekord für fossile DNA: die „eisgekühlten“ Sequenzen, mit denen er ein einstmals grünbewaldetes Südgrönland nachwies, werden auf 450.000-800.000 Jahre geschätzt.

Ganz so weit will er mit seinem jüngsten Projekt allerdings zeitlich nicht zurück, und auch in tiefgefrorenem Boden muss er dafür nicht mehr bohren. Nein, Willerslevs neuestes Objekt der Begierde ist eine Haarlocke des legendären Sioux-Häuptlings Sitting Bull. Dessen direkte Nachfahren hätten dem Projekt bereits zugestimmt — und so soll Sitting Bulls komplettes Genom baldmöglichst das erste eines nicht-eingefrorenen „Native American“ werden.

Über den wissenschaftlichen Wert des Projekts lässt sich sicherlich streiten. Zumal ein heute lebender Indianer nur hundert Jahre später sicherlich die gleichen Ergebnisse liefern würde — und noch viel sicherer: bessere und zuverlässigere Proben. Aber ein solcher würde Herrn Willerslev nur bedingte Befriedigung verschaffen. Denn wie er selber sagt, war er schon als kleiner Junge von der Figur des Sitting Bull fasziniert… Vom „Geogenetiker“ zum „Idol-Genetiker“.

Komische Motivation für ein Forschungsprojekt, auch wenn es sicherlich sehr medienwirksam ist. Allerdings, wenn schon:…. Wie wäre es mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan, falls es von denen noch was Verwertbares gibt. Oder hat noch jemand ein anderes Idol?

(Bild: Smithsonian Institute National Archives)

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