Homöopathie: TK macht Bock zum Gärtner

14. Juli 2010 von Laborjournal

ZACK!! Aufgelegt. Da hatte der Laborjournal-Reporter dem Pressesprecher der Techniker-Krankenkasse (TK) doch glatt eine kritische falsche Frage gestellt.

Zum Beispiel die, warum die Techniker-Krankenkasse eine Studie zum Kosten-Nutzen-Verhältnis der Homöopathie ausgerechnet von einer Professorin (Claudia Witt) durchführen lässt, deren Arbeitsplatz von einer anthroposophischen und Homöopathie-freundlichen Stiftung bezahlt wird — und deren Unabhängigkeit zumindest bezweifelt werden darf? (Mehr zum Thema siehe „Vernunftoffensive im Massenmedium“, Laborjournal online vom 14. Juli)

Die Antwort des TK-Pressesprechers, Hermann Bärenfänger:

„Darüber geben wir keine Auskunft!“

Im weiteren Verlauf des Telefonats sagte Bärenfänger immerhin noch den aufschlussreichen Satz:

„Auch unsere Akupunktur-Studie hat ja Frau Witt seinerzeit durchgeführt, und schon damals haben wir mit ihrem Institut gute Erfahrungen  gemacht.“

Wir erinnern uns: Die Ergebnisse des sogenannten „Modellvorhabens Akupunktur“ der Techniker-Krankenkasse hatten seinerzeit dazu beigetragen, dass dieses aus der traditionellen chinesischen Medizin stammende Behandlungsverfahren zum 1. Januar 2007 in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wurde –- obwohl die Wirksamkeit einer Akupunkturbehandlung bis zum  heutigen Tag nicht nachgewiesen werden konnte und die Akupunktur  genauso wirksam ist wie eine Scheinbehandlung.

Gute Erfahrungen also hat Bärenfängers Krankenkasse mit Claudia Witt und ihrer Charité-Gruppe gemacht. Die Ergebnisse der laufenden „Studie“ zur Effizienz der Homöopathie seien ferner „nur für den internen Gebrauch“ vorgesehen, ließ Bärenfänger den Laborjournal-Reporter noch wissen, ehe er das Gespräch vorzeitig beendete.

Damit sich auch ganz bestimmt kein Zweifler die Konzeption und Daten dieser „Studie“ hinterher mal näher angucken kann.

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17 Gedanken zu „Homöopathie: TK macht Bock zum Gärtner“

  1. Winfried Köppelle sagt:

    Der „Hauptstadtkorrespondent der „Ärzte Zeitung“, ein gewisser Herr Hommel, hat sich zu Wort gemeldet zur aktuellen Homöopathie-Debatte. Und Herr Hommel findet es gar nicht schlimm, dass die Kassen „nur 8,4 Millionen Euro im Jahr für Homöopathie ausgeben“, zuzüglich weiterer [Homöopathie]-Millionen, die „im Rahmen von Wahltarifen einzelner Krankenversicherer erstattet“ werden:

    http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/article/611945/standpunkt-placebo-sommerloch.html?sh=2&h=1766025317

    Du liebe Güte.

    Klar, im Vergleich zu den schlappen 270 Milliarden Euro, die der deutsche Staat jährlich für Gesundheit ausgibt, sind 8 Mio. Euro ein Klacks. Mag sein.

    Aber, mein lieber Herr Hommel, schauen Sie mal: Es geht doch nicht darum, ob für eine nicht wirkende, esoterische Therapieform 8 Millionen oder auch bloß drei Mark fuffzig zuviel ausgegeben werden. Nein! Es geht vielmehr darum, dass in Deutschland eine solche Methode namens Homöopathie salonfähig gemacht und gleichberechtigt neben die evidenzbasierte Medizin gestellt wird – anstatt sie dorthin zu stellen, wohin sie gehört: Ins Museum der Scharlatanierie.

    Und für so eine Mottenkistenmedizin ist jeder Cent, der dafür ausgegeben wird, einer zuviel.

    Akzeptiert man esoterische Heilmethoden wie die Homöopathie, so diskreditiert man gleichzeitig seriöse, evidenzbasierte Wissenschaft und macht die Menschen glauben, es gebe da noch eine andere, gleichberechtigte Art von „Wissenschaft“ in der Welt, die nicht auf der experimentellen Widerlegung von Theorien fußt (Poppers „experimentum crucis“), sondern auf dem bloßen Glauben und blinden Nachplappern abstruser Behauptungen.

    Demnächst erstatten die Krankenkassen dann womöglich auch noch die Behandlungskosten für magische Liebeszauberrituale, praktiziert von einer vom Heilpraktikerverband Süd geprüften Sex-Schamanin – alternativ zur herkömmlichen, schulmedizinischen Viagra-Therapie?

    Na klar – das kostet die Kassen ja bestimmt auch bloß ein paar Millionen mehr. Ist ja dann auch schon wurscht – oder, Herr Hommel?

  2. Winfried Köppelle sagt:

    Womit ich beiliebe nicht sagen will, dass die Kassen eine Viagrabehandlung erstatten sollten. Darüber kann und sollte man auch diskutieren.

    Bloß: Das pharmakologische Wirkprinzip hinter der blauen Pille funktioniert und ist durch seriöse Studien ausreichend belegt, im Gegensatz zu einer wundersamen Sexschamanen-Behandlung.

  3. Malachi sagt:

    Wunderbar auch mal wieder der Gegenartikel des „Der Sonntag“ (Freiburg), in der wieder wunderbar mit hanebüchenen Argumenten um sich geworfen wird (sinngemäß „die Homöopathie funktioniert nur in der Praxis, nicht im placebokontrollierten Versuch“, Homöopathie wirkt auch bei Tieren usw.). Schnell ist außerdem mal wieder die Rede von der anti-homöopathischen/pharmazeutischen Weltveschwörung, die auf ihr Preismonopol bedacht sei.
    Solange solche Artikel in Zeitungen erscheinen, die durchaus eine große Zahl an Lesern und auch (gerade in Freiburg) Sympathisanten erreichen, wird diese Quacksalberei nicht aussterben.

  4. Winfried Köppelle sagt:

    @Malachi:
    Hab den Sonntag-Artikel nicht gelesen, kann mir den geschilderten Inhalt aber lebhaft vorstellen. Da hat halt eine Mitarbeiterin über ihren Glauben geschrieben. Nur die Dachzeile („Wissenschaft“? „Medizin“?) war falsch.

    Apropos: Die Legende von „bei Tieren gibt’s keinen Placeboeffekt“ hält sich ungefähr so zäh wie die von Atlantis und dem unsterblichen Elvis.

    Äh, mal ne Frage an alle Homöopathie-Freunde, die hier evtl. mitlesen: Warum, um alles in der Welt, sollte es bei Tieren keinen Placebo-Effekt geben? Warum??? Und vor allem: Wo steht das? Wer hat das „herausgefunden“?

    Um’s nochmal klar zu stellen: Natürlich gibt es den Placebo-Effekt auch bei Tieren! Zumindest bei Affen, Hunden, Pferden, Katzen, Mäusen, Ratten, usw. hat man derlei dutzendfach beobachtet, und zwar nicht erst neulich, sondern schon vor Jahrzehnten.

    Genauso existiert der Placebo-Effekt natürlich auch bei Säuglingen. Liebe H.-Gläubige, Ihr wollt den kleinen Schreihälsen doch nicht das Menschsein, die Großhirnrinde und die Persönlichkeit absprechen!?

    Placeboeffekte lassen sich durch Verblinden allerdings verhindern. Und da stellt sich jetzt die Frage, wieso es nur so wenig verblindete Homöopathie-Versuchsreihen gibt.

  5. Ralf Neumann sagt:

    @Malachi:

    Witzig, als ich den Artikel gelesen hatte, habe ich ihn sofort ausgeschnitten — um ihn als krasses Beispiel für schlechten Journalismus unseren Praktikantinnen und Praktikanten vorzulegen.

  6. Winfried Köppelle sagt:

    … hier noch ein paar Belege zum Placeboeffekt bei Tieren:

    … bei Mäusen (Publikation aus dem Jahr 1975!):

    Tree S, Marks R. im Br J Dermatol. 1975 Feb;92(2):195-8: „An explanation for the ‚placebo‘ effect of bland ointment bases.“

    Auszug daraus: „Bland topical applications, containing no pharmacologically active ingredients, were found to have an antimitotic effect on the epidermis of the stripped dorsal skin of hairless mice.“

    oder ein sehr erhellender Review aus dem Jahr 2004 mit vielen Dutzend Literaturangaben:

    Stewart-Williams S, Podd J. in Psychol Bull. 2004 Mar;130(2):324-40: „The placebo effect: dissolving the expectancy versus conditioning debate.“

    Auszüge aus diesem Review: „Furthermore, there is a body of research on the placebo effect in healthy nonhuman animals (Ader, 1985; Herrnstein, 1962; S. Ross & Schnitzer, 1963).“

    sowie

    „Researchers have also been able to establish placebo analgesia in nonhuman animals (Fields & Price, 1997). Other placebo effects observed in animals include drug-mimicking responses to anticholinergic drugs, insulin, and scopolamine hydrobromide (Voudouris et al., 1990).“

    und

    „One of the most dramatic demonstrations of a placebo effect in
    nonhuman animals involved conditioned immunosuppression in
    rats (Ader and Cohen, 1975).“

    Also, liebe Leut: Bereits seit den 1960er Jahren kennt man Placebo-Effekte bei Tieren. Das ist ein halbes Jahrhundert her…

  7. Marcus sagt:

    Leute, ich habe mir mal erlaubt Winfried Köppelles Zusammenstellung hier aus dem Halbdunkel ans Licht zu zerren. Wäre doch schade drum.

    http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/2010/07/bei-tieren-gibt-es-keinen-placeboeffekt.php

    Er hat ein Bier bei mir gut … 🙂

  8. Winfried Köppelle sagt:

    @Marcus:
    Ist schon ok. Du brauchst mir dafür kein Bier zahlen. Ist doch toll, wenn ich endlich berühmt werde durch ne Zitation bei ScienceBlogs.

  9. Malachi sagt:

    @ Ralf Neumann
    Hehe, genau das habe ich nach dem lesen ebenfalls sofort gemacht. 🙂

    In Freiburg ist man eh empfänglich für solche Artikel, ich freue mich schon auf die Leserbriefe in der nächsten Ausgabe. Mit Grausen erinnere ich mich auch noch an einen Artikel im Wiehre-Magazin zu Mobilfunkmasten, in dem der Autor (übrigens Mediziner) über eine Störung der „natürlichen Energieschwingungen“ und der daraus resultierenden Folgen (Krebs, Autoimmunerkrankungen, eigentlich alles) herum fabulierte.
    Dieses Meisterwerk liegt ebenfalls irgendwo noch daheim rum, als abschreckendes Beispiel .

  10. Marc sagt:

    @Malachi – „gerade in Freiburg“: Irgendwo müssen ja auch die Leute wohnen, die einen Grünen zum OB wählen 😉 (Und dabei werfe ich im Glashaus sitzend mit Steinen)

  11. Labby sagt:

    @alle
    ich muss mal in einem winzigen Punkt widersprechen.
    Soweit ich weiß werden auch viele H.-Salben aus medizinisch durchaus wirksamen und bekannten Pflanzen hergestellt.

    Hier also meine Frage: Meinen eure Denunzierungen eigentlich alle H.-medikamente, oder bezieht ihr euch hier nur auf diese „auf mystische Weise potenzierten“ Medikamente?

  12. Winfried Köppelle sagt:

    Lieber „Labby“,
    es mag schon sein, dass (neben z.B. Hundekot, Sonnenschein und Quecksilber – kein Scherz!) auch manch pharmakologisch wirksame Substanz in gewissen Homöopathika enthalten ist.

    ABER: In den unter Homöopathen gängigen „Potenzierungen“ enthalten diese Mittelchen eben zumeist kein Wirkstoffmolekül mehr.

    Ich zitiere aus Wikipedia:

    „[in] D24 oder C12 [ist] – statistisch gesehen kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz enthalten. Eine solche Verdünnung entspricht ungefähr dem Auflösen einer Kopfschmerztablette im Atlantik.“

    Insofern ist’s egal, ob Hundekot oder Medizinalpflanze: Die enthaltene Menge ist einfach viel zu gering, als dass sie wirken könnte.

  13. Erik sagt:

    Ein Kompromiss wäre der Vorschlag, die Freunde und Anhänger der Homöopathie nehmen weiterhin ihre durch Schüttelschläge erzeugten
    hochpotenzierten Substanzen, während die Kritiker derselben bei den Medikamenten aus der Produktion der Pharma-Industrie bleiben.

    So hat jeder sein Himmelreich, glaubt an Hahnemann oder die ‚Schulmedizin‘
    und aller Streit ist dahin, denn Streit ist unproduktiv und macht auch krank !

  14. Winfried Köppelle sagt:

    Lieber Erik,
    prinzipiell ist das keine so schlechte Idee. Liefe auf eine natürliche Selektion derer, die auf dem richtigen Dampfer sind, hinaus. Wäre mir sehr recht, ganz ehrlich. Aaaaber… leider hat dieser Vorschlag mehrere fundamentale Haken:

    Ein Haken ist z.B. das Funktionsprinzip der gesetzlichen Krankenversicherungen hierzulande. Es müsste erst mal mindestens eine „rein homöopathische“ Krankenkasse geben, in die all jene wechseln können, die ausschließlich(!) Kügelchen und Potenzen behandelt werden wollen, nicht aber „schulmedizinisch“.
    Mein Tipp: Es würde niemand (niemand!) in eine solche Krankenkasse wechseln – denn spätestens wenn es hart auf hart kommt, wollen selbst Hardcore-Homöopathie-Anhänger doch wieder plätzlich „schulmedizinisch“ (besser: evidenzbasiert) vor dem Tod gerettet werden.

    Ein anderer Haken an Deinem Vorschlag ist der, dass bestimmte Gruppen nicht selbstständig entscheiden können, was sie bevorzugen (Kinder, Entmündigte, Alzheimerpatienten, etc.). Sollen also gewisse Kinder, selbst in Lebensgefahr, nur alternativheilerisch behandelt werden, und ihnen eine rettende evidenzbasierte Therapie versagt werden – nur weil sie, Pech gehabt!, die Kinder von Alternativmedizin-Anhängern sind? Das ginge schon aus (grund)rechtlichen Gründen nicht.

    Ich könnte hier weitere Argumente anführen, die gegen eine solche „freiwillige Selektion“ wie von Dir vorgeschlagen sprechen, aber die beiden o.g. sollten reichen.

  15. Winfried Köppelle sagt:

    Schöner Link!
    Besonders gut hat mir der dort zitierte Satz gefallen (gebastelt von Marketingfachleuten der BKK):

    „Entgegen zahlreicher Veröffentlichungen, die die therapeutische Wirkung der Homöopathie in Frage stellen, belegt die Online-Umfrage der BKK Gesundheit eindeutig, dass die Verbraucher an die Wirksamkeit der Homöopathie glauben.“

    Genau, und ich mach nachher gleich mal ne Umfrage im Supermarkt, ob die Leute glauben, dass der Genotyp ApoE 4,4 wirklich das Alzheimer-Risiko erhöht. Dann kann Frau Schavan endlich diese teuren Alzheimer-Forschungsprojekte einsparen.

    Dass da noch keiner drauf gekommen ist…?

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