Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!

23. September 2009 von Laborjournal

Ghost

Zum Thema ‚Medical Ghostwriter‘ steht unter der Überschrift „Reges Treiben“ auf Seite 10 der aktuellen Laborjournal-Ausgabe:

Nicht selten verbergen sich „Geister“ hinter den Autorenlisten medizinischer Paper. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die das Journal of the American Medical Association (JAMA) kürzlich vorstellte. Über Online-Fragebögen erhielten die Autoren Antwort zu 630 Artikeln aus sechs medizinischen Top-Journalen. Ergebnis: 7,8 % davon sollen unter kräftiger Mithilfe von Ghostwritern entstanden sein.

Das größte „Geistertreiben“, so berichteten die Autoren weiter, finde im New England Journal of Medicine statt – mit einer Ghostwriting-Rate von 10,9 %. Dahinter folgen JAMA selbst (7,9 %), The Lancet, PLoS Medicine (beide 7,6 %), The Annals of Internal Medicine (4,9 %) und Nature Medicine (2,0 %).

Die Studie gibt keine Hinweise darauf, dass Artikel mit Ghostwriter-Beteiligung von Pharmafirmen initiiert und finanziert wurden. Dies allerdings war zuvor bereits das Ergebnis anderer Untersuchungen (sie­he etwa PLoS Med. 4(9):e286).

Zudem kamen zuletzt einige konkrete Fälle ans Licht beziehungsweise vor Gericht, in denen Pharmafirmen gezielt von Ghostwritern Artikel für medizinische Fachzeitschriften schreiben ließen – mit dem Ziel, die eigenen Produkte in besonders vorteilhaftes Licht zu rücken. Diese zeichneten dann oftmals „eingeladene“ prominente Mediziner, die ansonsten mit dem Geschriebenen wenig zu tun hatten.

Konkret wurden solche „Kampagnen“ zuletzt von Merck, Wyeth, AstraZeneca und GlaxoSmithKline bekannt, die damit unter anderem professionelle Medical Writing-Agenturen wie RxComms oder DesignWrite beauftragten. GlaxoSmithKline nutzte sogar eine speziell entwickelte Ghostwriting-Software namens CASPPER, um das Antidepressivum Paxil zu promoten.

Zum gleichen Thema erschien bereits zuvor ein Artikel mit dem Titel „A Can of Worms“ auf Seite 10 der aktuellen Ausgabe unserer Schwesterzeitschrift Lab Times.

Aus dieser Büchse kriechen seitdem immer mehr Würmer. Der internationale Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg berichtet, dass auch Pfizer und Eli Lilly positive Artikel über ihre Medikamente Bextra, Celebrex (Pfizer) und Zyprexa (Lilly)  „von Geisterhand“ schreiben ließen und unter den Namen prominenter Mediziner veröffentlichten. Und der Guardian stellt fest, dass auch britische Mediziner womöglich des öfteren Artikel als Autoren zieren, zu denen sie von Pharma-Geistern eingeladen werden. Der entsprechende Artikel beschreibt, wie der Knochen-Spezialist Richard Eastell von der University of Sheffield einen Aufsatz über das Osteoporose-Medikament Actonel als Erstautor zeichnete, zu dem er nur einen Bruchteil der Daten überhaupt kannte. Hoheit über Daten und Manuskript hatte vielmehr die US Firma Procter & Gamble, die — wen wundert’s — Actonel produziert. Die aber auch — und jetzt kommt’s knüppeldick — ein Forschungszentrum an der Sheffield University großzügig unterstützt, dem Eastell angehört.

Big Pharma-gesteuerte „scientific papers“  — wirklich nur eine „Can of Worms“ ? Oder vielmehr eine Büchse der Pandora?

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7 Gedanken zu „Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!“

  1. Bad Boy Boogie sagt:

    Nu ja, prinzipiell überrascht mich das nicht so wahnsinnig – warum sollten’s die werten Professores anders handhaben als Politiker, Schaupieler – oder gar ganz profane Vereinsvorstände bei der alljährlichen Hauptversammlungsrede?

    Wenn mit derlei Tricks Pillen- und Salbenverkäufe gepusht werden – nix gut, logo!

    ABER: Muß es grundsätzlich schlimm sein, sich bei seiner Rede (hier: Publikation) von einem geistschreibenden Profi helfen zu lassen? Im Gegenteil: in vielen Fällen wird derlei professionelle Unterstützung Inhalt und Lesbarkeit des drögen Papers nur verbessern, in manchen (wechselseitige Diskussionen vorausgesetzt, z.B. über Schwachstellen von Experimenten bzw. deren Deutung) sogar enorm.

    Man muß also schon ein wenig differenzieren, was der jeweilige Ghostwriter gemacht hat und was die Intention ist – ob besch… werden soll, oder ob lediglich die Formulierungsschwächen des Auftraggebers verbessert werden sollen.

    AllTheBest
    BBB

  2. Ralf Neumann sagt:

    Es geht primär nicht darum, dass man sich durch Geisterschreiber beim Formulieren helfen lässt. Das ist okay. Es geht um das Gesamtkonzept: Eine Firma erhebt in ihren Labors Daten; deren Schreiber schreiben damit das Paper; dann suchen sie sich prominente Mediziner; und diese zeichnen die Paper als Autoren, obwohl sie die Daten nur aus dem angelieferten Manuskript kennen. Vor diesem Hintergrund sind meiner Meinung nach alle böse: Die Firma, die dieses (Verarschungs-)Konzept verfolgt, wie auch die Mediziner, die sich dafür als Autoren missbrauchen lassen.

  3. Bad Boy Boogie sagt:

    Schon klar, bloß: Ghostwriting per se ist eben NICHT das von Dir geschilderte Verar…ungskonzept „Ich Promi tue so, als hätte ich geforscht, dabei hat die Daten ganz jemand anders erhoben“, sondern schlicht das Schreiben im Auftrag gegen Geld: „Ich helfe den Autoren beim Formulieren“.

    Ein Ghostwriter (dt. Geisterschreiber = unsichtbarer Schreiber) ist per definitionem ein Autor, der im Namen einer anderen Person schreibt (die nicht die Zeit oder nicht die Fähigkeit hat, ihr Werk selbst zu verfassen).

    Dein initiales Posting ist dahingehend missverständlich formuliert:
    „630 Artikel […] 7,8 % davon sollen unter kräftiger Mithilfe von Ghostwritern entstanden sein.“

    => Unter „kräftiger Mithilfe“ verstehe ich es nun nicht unbedingt, dass man lediglich seinen guten Namen zur Verfügung stellt… sondern dass man eben auch Input liefert, sprich: Selber was schreibt.

    Insofern ist die Bezeichnung „Ghostwriting“ für den gesamten geschilderten Vorgang irreführend bzw. falsch, denn das, was die (nicht genannten) Schreiber tun, ist keineswegs verwerflich.

    Für das, was danach kommt (Promis stiften Ihren prominenten Namen, um ein Paper und ggfalls Pharmaumsätze zu pushen) sollte man vielleicht daher unbedingt ne treffendere Bezeichnung ersinnen, um Missverständnisse zu vermeiden und Ghostwriting per se nicht zu diskreditieren:

    – Paperpushing?
    – Pillenpushing?
    – Prominent Namedropping?
    – …?

    All the best
    BBB

  4. RB sagt:

    Durch die Abhängigkeit der Lehrstuhlinhaber von Impact Punkten (IPs) wird dieses Modell noch gefördert. Ist für den „Autor“ an sich ein lohnendes Geschäft.

    -> Mittel gespart für andere Forschug
    -> Man bekommt Mittel von der Uni für die zusätzlichen IPs
    -> Ansehen steigt weil mehr Veröffentlichungen und bessere Journals
    usw.

    Bei dem Risiko erwischt zu werden (und wenn man erwischt wird, so what?) geht die Kosten-Nutzen Rechnung klar zugunsten der Ghostwriter auf.

    Die Ethik und die gute, wissenschaftliche Praxis stehen auf einem anderen Blatt. Für diese Blatt gibt es allerdings auch keine Drittmittel…

    cu
    RB

  5. Ralf Neumann sagt:

    Langsam kommen die Details ans Licht, wie Wyeth mit einer von der Ghostwriting-Agentur Design Write durchgeführten Kampagne ihre Hormonpräparate Premarin und Prempro pushen wollte: siehe hier und hier.

  6. Ralf Neumann sagt:

    Neues zum Thema wie Wyeth über medizinische Ghostwriter seine Hormonersatztherapie-Präparate ge-pusht haben soll — hier, hier, hier und hier.

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