Gen-Patent gekippt

15. April 2010 von Laborjournal

Nach über zwölfjährigem Hickhack kippte Ende März ein US District Court in New York die Patente der Firma Myriad auf die Brustkrebs-Gene BRCA 1 und 2 (siehe hier und hier). Gründe dafür gibt es einige. Erst kürzlich etwa beschrieben US-Forscher in Genomics (Epub ahead of print) just am Beispiel von BRCA1, wie absurd solche Patente auf menschliche Gene in ihren Applikationen tatsächlich sein können  (siehe unten). Der englische Wissenschaftsautor Ben Goldacre referierte das Paper in seiner Guardian-Kolumne „Bad Science„, und Christine Käppeler übersetzte den Text für die Wochenzeitung Der Freitag („Ihr Gen gehört uns“).  Am Ende des Artikels heißt es:

Unlängst erschien in der Zeitschrift Genomics ein Paper mit dem Titel „Metastasizing patent claims on BRCA1“. Es geht dem tatsächlichen Ausmaß der Patente nach, die auf das BRCA1-Genom 1998 gewährt wurden. Was dabei herausgefunden wurde, ist wirklich absurd. Die Autoren gingen dem Patent #4.747.282 auf den Grund. Es erhebt Anspruch auf die Rechte an allen Sequenzen von 15 Nukleotiden, den „Buchstaben“ des genetischen Codes, die jeden beliebigen Teil des Proteins, welches das BRCA1-Gen erzeugt, verschlüsseln.

Zunächst rechnen die Verfasser des Papers vor, wie absurd das Ausmaß dieses Anspruchs ist. Es gibt rund 1,6 Millionen unterschiedliche Sequenzen von 15 Nukleotiden, die einen Teil des BRCA1-Proteins kodieren könnten. Insgesamt gibt es 1,07 Milliarden mögliche Sequenzen von 15 Nukleotiden. Insofern würde das Patent etwa jede 600. aller überhaupt vorstellbaren DNA-Sequenzen auf 15 Nukleotiden abdecken. Da ein durchschnittliches menschliches Gen eine Sequenz von etwa 10.000 Nukleotiden ist, ist davon auszugehen, dass jedes menschliche Gen etwa 15 der Sequenzen von 15 Nukleotiden enthält, die unter das BRCA1-Patent fallen.

Die Autoren glichen ihre Hypothese mit der Realität ab: In einer gigantischen Computer-Berechnung nahmen sie alle Sequenzen von 15 Nukleotiden aus dem BRCA1 und suchten nur auf dem Chromosom 1 danach. Sie fanden 340.000 Übereinstimmungen —  etwa so viele, wie sie zuvor in der Theorie prognostiziert hatten. Das entspricht pro menschlichem Gen 14 Sequenzen, die gegen das Patentrecht verstoßen. Dabei befindet sich das BRCA1-Gen übrigens eigentlich auf Chromosom 17.

Die Ansprüche von diesem Patent erstrecken sich also, wenn sie gründlich eingefordert werden, auf so gut wie jedes einzelne Gen jeder einzelnen Person auf diesem Planeten.

Man kann über das Patentwesen sowohl in moralischer als auch in praktischer Hinsicht unterschiedlicher Meinung sein, doch die Rechte, die das Patent auf das BRCA1-Gen enthält, sind schlichtweg absurd.

Interessant jedoch auch folgender Aspekt, den der australische Evolutionsgenetiker Daniel MacArthur in seinem Blog Genetic Future präsentiert („‚Jaw-dropping‘ verdict against Myriad in BRCA patent case“):

Yesterday’s astonishing defeat of Myriad Genetics […] is unexpected, and potentially a positive outcome for companies seeking to offer large-scale genome-based diagnostics. […] If the decision is upheld it seems likely to be a strong positive for companies like 23andMe and Counsyl, who offer multi-gene scans for genetic variants associated with diseases and other traits, as well as for academic diagnostic labs. It’s also good news (at least in the short term) for those of us interested in affordable personal genomics.

Demnach kann ein einziges Gen-Patent also ganze und viel umfassendere Diagnostikzweige lahmlegen.

Über Sinn und Unsinn solcher Gen-Patente wird ja schon eine ganze Weile diskutiert. Dennoch scheint es, dass damit noch lange nicht Schluss sein wird.

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