Endlich Frühling! …

4. Mai 2022 von Laborjournal

… Zeit, den Pandemie-Winter abzuschütteln, das Fenster aufzureißen und das Frühjahr tief in die Lungenflügel zu saugen. Oh, wer liebt nicht diesen Frühlingsduft von Schnee­glöck­chen, Narzissen und Krokussen, der an vergangene Picknicks erinnert und auf laue Sommerabende hoffen lässt. Macht es Ihnen nicht auch direkt gute Laune, wenn dieses ganz bestimmte Aroma frisch gemähten Rasens in der Luft liegt?

Doch im Gegensatz zu Ihrer Hochstimmung ist dieser Duft eigentlich ein Zeichen der derzeitigen Übellaunigkeit Ihrer Grünfläche. Entkommen kann sie der mähwütigen Kleingärtnerschar schließlich nicht. Ohnmächtig bleibt ihr nur eines: ein chemisches SOS abzusetzen. Was dem Rasenmähermann und der Rasenmäherfrau dann in die Nasenhöhlen strömt, ist ein wahrer Cocktail an Alkoholen und Aldehyden. Einem Großalarm gleich metabolisieren verletzte Grünpflanzen nämlich α-Linolensäure mithilfe von Lipoxygenasen und Hydroperoxidlyasen zu flüchtigem cis-3-Hexenol – aka „frisch gemähtem Gras“ – und reduzieren, isomerisieren und verestern es alsdann zu einer Vielfalt grüner Blattduftstoffe.

Natürlich macht Ihre Rasenfläche das nicht Ihres Schreberglücks wegen, sondern aus Überlebensgründen. Der chemische SOS-Ruf warnt nicht nur Pflanzenkumpane in der Nachbarschaft und wirkt toxisch auf Pilze und Bakterien, sondern wehrt fressgierige Herbivoren ab. Denn Hexenol-Derivate locken parasitierende Schlupfwespen an, die ihre Eier unter anderem in gefräßige Insekten-Larven legen. Während das für die Pflanzenschädlinge den Tod bedeutet, hilft es gegen Ihre eiserne Rasenmähermaschinerie natürlich nicht. Beim nächsten Grünflächen-Stutzen denken Sie daran, dass das Duftbouquet keine persönliche Einladung an Sie zum Verweilen ist, sondern Ihre Wiese Sie gerade als Fressfeind ächtet. 

Und seien Sie dankbar dafür, dass Ihre Grünpflanzen nur um Hilfe rufen und keine stärkeren Geschütze auffahren. Denn ihre internationalen Großcousins können auch anders. Beispielsweise führt schon die Berührung des Blauen Eisenhuts (Aconitum napellus) – der giftigsten Pflanze Europas – zu Taubheit und Lähmung der Kontaktstelle. Verzehren Sie fünf Milligramm seiner Diterpen-Alkaloide, übermannen Sie erst Übelkeit und Schwindel, dann Herzrhythmusstörungen und Ateminsuffizienz – bis Sie schließlich ein Herzstillstand niederstreckt.

Natürlich hinkt dieser Vergleich. Schließlich wollen Sie Ihren Rasen nicht essen, sondern nur auf ihm herumlungern. Dem zentral- und südamerikanischen Manchinelbaum Hippomane mancinella bedeutet schon das zu viel Intimität. Nutzen Sie ihn als Regenschutz und tropft sein Milchsaft auf Sie, erleiden Sie starke Verätzungen. Verbrennen Sie ihn aus Rache, lassen die entstehenden Gase Sie erblinden.

Auch der australischen Brennnessel Dendrocnide moroides kommen Sie besser nicht zu nahe. Das bizyklische Oktapeptid seiner Nesselhaare, Moroidin, liebkost Sie für Tage bis Monate mit brennendem Juckreiz. Da das Nesselgewächs seine Brennhaare kontinuierlich abwirft, die bis in Ihre Atemorgane schwirren und dank ihrer Härte selbst faserbasierte Kleidung durchdringen, ist Schutz schwierig. Drücken Sie Ihre Missbilligung lieber aus der Ferne aus.

Sie wissen die Zuneigung Ihres Rasens noch immer nicht zu schätzen? Okay, finales Beispiel: Dictamnus albus, der „Brennende Busch“ hält, was sein Name verspricht. Das asiatische und südeuropäische Rautengewächs produziert ätherische Öle, die hochentzündliches Isopren enthalten. An heißen Tagen fangen sie spontan Feuer – übrigens ohne dass die Pflanze Schaden nimmt. Obendrauf ergießen seine Borstenhaare Furocumarine, die Ihre Haut photosensibilisieren und selbst Tage später bei UV-A-Bestrahlung zu verbrennungsähnlichen Symptomen führen. Gleichzeitig vernetzen Furocumarine unter UV-Einwirkung auch Ihre Pyrimidinbasen, wirken also krebserregend.

Überzeugt?

Sobald Sie bei den nächsten Sonnenstrahlen die Grünfläche Ihres Vertrauens betreten, um ein wenig im Laborjournal zu schmökern, halten Sie also vielleicht kurz inne und sagen ihr Danke, dass sie Sie duldet. Sicher wird sie antworten – auf ihre Art.

Henrik Müller

(Foto: AdobeStock / Tap10)

 

(Der Text erschien als Editorial unseres letzten Laborjournal-NEWSLETTERS. Wer den NEWSLETTER samt solcher Editorials regelmäßig alle zwei Wochen per E-Mail zugeschickt bekommen möchte, klicke sich bitte hier entlang!)

 

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Ein Gedanke zu „Endlich Frühling! …“

  1. bombjack sagt:

    Da sollte aber Natriumfluoracetat nicht fehlen….vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Sodium_fluoroacetate#Natural_occurrence

    bombjack

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